Blackout – als die DDR 1978 aus der Kohle ausstieg

Und nein, es war nicht alles schlecht in der DDR. Warum ich das behaupten kann?

Der komplette Kohleausstieg erfolgte in der DDR schon am 31.12.1978.

Da wo die DDR am Silvester 1978 war, will die Bundesrepublik erst im Jahre 2038 hinkommen. Die DDR war der Bundesrepublik in Punkto Klimaschutz 60 Jahre voraus.

Das erscheint vielen Vorreitern in unserem Land verständlicherweise zu spät, um die Welt noch zu retten.

Vielerorts wurde daher schon der Notstand ausgerufen – meist der Klimanotstand – in Dresden gar der Nazi-Notstand.

Mich als Physiker wundert es allerdings sehr, dass in Deutschland noch nicht der intellektuelle Notstand ausgerufen wurde, was dringend notwendig wäre.

Silvester 1978 kam es, mitten während des Aufbaus des Sozialismus in der DDR zu einem Blackout, bedingt durch einen kompletten Kohleausstieg.

Das wird beim Aufbau des Sozialismus in der Bundesrepublik Deutschland nicht viel anders sein. Die Frage ist nur: wann? Das weiß nämlich keiner, auch ich nicht.

Was ist eigentlich ein Blackout?

Waren Sie, schon einmal in einem alten Fabrikmuseum?

Da gibt es eine große Welle mit vielen Riementreibrädern unter der Decke – so lang wie die ganze Werkhalle.

Diese Welle dreht sich mit konstanter Drehzahl, angetrieben von einer Dampfmaschine auf der einen Seite.

Diese Welle versinnbildlicht das Stromnetz.

Das Stromnetz stellt physikalisch gesehen eine riesenlange starre Welle dar, die sich mit 50 Umdrehungen pro Sekunde im ganzen Land – von München bis Hamburg – überall gleich schnell dreht.

In unserem Museum stehen unter der Welle in Reih und Glied die Werkzeugmaschinen. Das sind die Verbraucher.

Jeder Arbeiter in der Halle kann jetzt bei Bedarf den Treibriemen seiner Maschine auf die sich drehende Welle werfen (daher kommt der Ausdruck: „den Riemen auf die Orgel werfen“) und somit Last abnehmen.

Also in unserem Sinne einen Schalter anknipsen und Strom verbrauchen.

Unsere Stromnetzwelle wird von hunderten „Dampfmaschinen“ – den Kraftwerken – angetrieben.

Bei allen Dampfmaschinen, die die Welle antreiben, muss das Schwungrad exakt auf der gleichen Position sein – sie müssen 100% synchron laufen.

Millionen Verbraucher können dann ohne zu fragen, beliebige Schalter einschalten.

Die Netzbetreiber können ein Lied davon singen, was bei populären Fußballspielen im Netz passiert, wenn in der Halbzeitpause Millionen von Zuschauern gleichzeitig in Klo oder Küche Licht anmachen und Kaffeekessel oder Bratpfanne anwerfen.

Rein physikalisch sinkt durch jede neue Belastung die Drehzahl der Welle. (Etwa wie bei einem Auto, das plötzlich den Berg hochmuss).

Die Dampfmaschine gibt sofort „etwas mehr Gas“, der Fliehkraftregler öffnet die Dampfzufuhr und hält die Drehzahl konstant.

Wenn jetzt ganz viele Arbeiter gleichzeitig den Riemen auf die Orgel werfen, dann MUSS die Dampfmaschine stark genug sein – und zwar sekundengenau – um die Drehzahl konstant zu halten, sonst dreht sich die Welle durch die Überlast immer langsamer.

(Das ist wieder wie beim Auto: Wenn der Motor nicht genug Leistungsreserve für den Berg hat, geht die Drehzahl runter und der Motor wird eventuell „abgewürgt“).

Bei unserem Stromnetz darf sich die Welle nur minimal langsamer als 50-mal pro Sekunde drehen, schon bei unter 49 Umdrehungen pro Sekunde fallen ganze Teile des Netzes aus. Bei 47,5 U/sec wird das Netz „abgewürgt“ – die Kraftwerke fallen aus, es kommt zum Blackout.

Das Stromnetz ist war bisher für solche Belastungsschwankungen ausgelegt. Große Kraftwerke konnten wetterunabhängig Tag und Nacht Grundlast liefern und die Welle konstant drehen.

Belastungsschwankungen konnten vom Netzbetreiber sauber ausgeregelt werden. Die Netzwelle drehte sich konstant mit 50 Umdrehungen pro Sekunde, egal was die Kunden machten.

Nun kommt die Energiewende. Mit jedem Großkraftwerk, das stillgelegt wird, wird die wetterunabhängige Bereitstellung von Strom unsicherer.

Bisher haben nämlich nur die Kunden gemacht was sie wollten. Mit jedem Windrad und Solarpanel, die ans Netz gehen, wird die Drehzahlregelung schwieriger, weil jetzt nicht nur die Kunden machen, was sie wollen, sondern auch die Erzeugung macht, was Wind und Sonne wollen.

Bei Flaute oder Dunkelheit – oder Schneesturm – reicht eines Tages die Erzeugung nicht mehr und wenn der Import es nicht richten kann, geht die Drehzahl unseres Stromnetzes runter bis zum Blackout.

Wer etwas anderes behauptet, hat in Physik nicht aufgepasst oder schwindelt.

Doch kommen wir zurück auf den Kohleausstieg der DDR. Es ist das Jahresende 1978.

Ich bin zu der Zeit ein blutjunger Oberschichtleiter im damals größten Kernkraftwerk der Welt – zumindest, wenn man den Turbinensaal mit seiner Länge von 2 km betrachtet.

In Greifswald stehen acht russische Reaktoren, vier davon in Betrieb, einer in Inbetriebsetzung und drei noch im Bau.

Ich bin als Oberschichtleiter der Chef von „det Janze“. Meine Schicht, das sind 156 hochqualifizierte Leute, davon die Hälfte Frauen. Es gibt 18 Ingenieure in meiner Schicht.

Als ich mich am Abend des 31. Dezembers auf den Weg zum Dienst mache, fegt ein kräftiges Schneetreiben um die Wohnsilos des Greifswalder Plattenbaugebietes. In den Zimmern hängen die Leute Girlanden für ihre Silvesterfeiern auf. Auf den Balkonen kühlt der Sekt im Schnee. Wer geht schon gern am Silvester zur Nachtschicht?

Ich ahne noch nicht, dass meine Schicht ganze vier Tage und Nächte dauern würde.

Als ich den Dienst übernehme, spitzt sich die Lage im Netz mehr und mehr zu.

Die Netzfrequenz ist schlecht und immer wieder fallen sturmbedingt Hochspannungsleitungen aus.

Das wird durch sogenannte „langwellige Leiterseilschwingungen“ verursacht – nein nicht was sie denken: nicht „langweilig“ – es heißt „langwellig“.  Der Schnee friert an den Leitungen fest und es bildet sich eine Tragfläche aus Eis auf der windabgewandten Seite. Diese Tragfläche wird durch die Windstöße angehoben und dann kommt es zum Zusammenklatschen von den sonst durchhängenden Drähten und damit zu Kurzschlüssen.

Im Turbinensaal kann ein geübtes Ohr hören, dass im Stromnetz der DDR nichts mehr stimmt. Die riesigen Turbinen brüllen anders, als sie das sonst tun. Ihre Drehzahl fällt durch die Überlast zusammen mit der Netzdrehzahl ab – wie bei einem untertourig gefahrenen Automotor am Berg.

Der Lastverteiler meldete sich und erklärt die miese Frequenz von 48 Hz. Das Großkraftwerk Boxberg ist vom Netz gegangen, weil denen die Kohle an den Bändern festfriert. Andere Kohlekraftwerke folgt bald darauf. Die Braunkohlekumpel verlieren grade die Winterschlacht.

Die ersten Flächenabschaltungen werden gemeldet.

Flächenabschaltung, das bedeutet die vorsorgliche Trennung ganzer Landstriche vom Stromnetz – genannt Brownout – um einen drohenden Blackout zu verhindern.

Ich schicke meinen Fahrer los, um die Lage der Straße zu erkunden… Der meldet sich nach kurzer Zeit über Funk und sagt: „Ich muss umkehren, sonst schaffe ich es nicht mehr zurück. Hier verweht alles meterhoch“.

Gegen zwei Uhr meldet sich der Lastverteiler erneut und sagt mir, dass unser Kraftwerk derzeit mehr als die Hälfte der Stromproduktion der DDR stemmte und dass sie notgedrungen weitere Flächenabschaltungen durchführen müssten.

Nach einer weiteren Stunde geht das letzte große Kohlekraftwerk vom Netz.

Der Kohleausstieg der DDR ist nun vollzogen. Aber der gesamte Norden der DDR ist schwarz – Blackout.

Ich trommele meine Schichtführung zusammen und lege ein Notregime fest.

  • Routineorganisation – d.h. formale Schichtablösung alle acht Stunden mit uns selbst, Schichtbriefing wie gewohnt alle acht Stunden.
  • Abbruch und Aussetzen aller Tests und Routineinstandhaltungen
  • Mindestbesetzung der Posten und wechselweises Schlafen

Meine Kollegen lachten mich aus, machten aber, was ich anordne.

Nach 24 Stunden – beim dritten Schichtbriefing – lacht keiner mehr. Wir halten einen Routinebetrieb mit Mindestbesetzung aufrecht und in jeder Ecke kann man jetzt Leute finden, die eine Stunde Schlaf suchen.

Das Telefonnetz ist zusammengebrochen. Es funktioniert nur noch mein rotes Telefon zur Einsatzleitung.

Ich bin ganz froh darüber, weil dadurch die ständigen Belästigungen durch allerhöchste Parteibonzen aufhören. „Schiggen sie mir sofort Schdrom in die Bezürgshaubtstadt… Sie wissen wohl nicht, mit wem sie es zu tun haben?…“

Wir sind jetzt das einzige verbliebene Großkraftwerk der DDR, das mit voller Leistung produziert. Das kann nur ein KKW, wir sind ein bisschen stolz darauf. Die Mannschaft funktioniert sehr gut. In den Kantinen wird Spiegelei mit Brot und schwarzer Kaffee zum Renner. Allerdings geht den Leuten das Geld für die Pausenversorgung aus.

Ich rufe kurzerhand die autonome Republik Lubmin aus und erfinde eine eigene Währung. Eine Rolle Kinokarten, die seit Jahren ein Schattendasein in meinem Schreibtisch führt, steigt mit meinem Dienststempel zum Zweimarkschein der autonomen Republik Lubmin auf.

Jeder bekommt zwei Karten pro Schicht. Der Dispatcher organisiert das.

Allmählich wird das rote Telefon mein größtes Problem.

Die Einsatzleitung sitzt in Greifswald im Dunkeln und panikt. Sie denken, wir schaffen das nicht. Sie geben mir eine unsinnige Anweisung nach der anderen.

Und sie wollen mir Hilfskräfte schicken – drei Busse voll Verwaltungspersonal. Zur Unterstützung.

Mein Einwand, dass ich die Menschen weder unterbringen, noch ernähren kann, verhallt ungehört.

Ich sage dem Einsatzleiter, dass ich lizensiertes Personal zum Anlagefahren brauche, und Zahnbürsten, Nudeln, Brot und Kaffee.

Es ist hoffnungslos. Der Chef der Einsatzleitung ist der Parteisekretär des KKW.

Einer der losgeschickten Busse schafft es bis ins Werk.

Es sind meist Frauen, die nun nicht mehr zurückkönnen – der Busfahrer weigert sich weise zurückzufahren.

Die Frauen machen sich berechtigte Sorgen um ihre Kinder. Ich bringe sie im Verwaltungsgebäude in ihren Büros unter. Helfen können sie mir nicht. Aber sie erschweren mir das Leben, indem sie ständig wegen neuer Probleme anrufen.

Von nun an ignoriere ich die Einsatzleitung widerspruchslos. Die anderen Busse sind zum Glück steckengeblieben und werden freigeschleppt.

Von den Schlossern lasse ich die Feuerwehrzufahrten zu den Transformatoren und lebensnotwendigen Anlagenteilen vom Schnee räumen und den Kühlwassereinlauf schollenfrei halten – so gut das bei dem Sturm geht.

Was geschieht während dieser Zeit draußen im Land?

Ein schwerer Schneesturm tobt bei zehn bis zwanzig Minusgraden und sorgt für mehrere Meter hohe Schneeverwehungen.

Damit sich der Leser ein Bild machen kann: die Schneeverwehungen erreichen Telegrafenmasthöhe. Ein Doppelstock-Zug bleibt im Schnee stecken und kann zum Glück evakuiert werden. Er wird eine Woche später von der Armee und zivilen Kräften ausgegraben, indem man sich aus fünf Meter Höhe stufenförmig von oben aufs Dach der Waggons herunterbuddelt.

Dutzende Autos bleiben stecken. Einige Autofahrer erfrieren in ihren Trabants.

Einige Fußgänger überschätzen sich und erfrieren auf der Landstraße.

Beherzte Bauern retten Leute mit Pferdeschlitten aus den eiskalten Autos.

Doch alle Hilferufe der Nordbezirke verhallen im noch schneefreien Berlin.

Zumal der Generalsekretär Erich Honecker gerade zum Freundschaftsbesuch in Afrika weilt, wo es ja bekanntlich nicht so kalt ist.

Die Berliner Regierungsbonzen sind Silvesterurlaub in Wandlitz und denken wohl: „Die Fischköppe soll‘n sich nicht so haben“.

Inzwischen bricht in den Städten die Gasversorgung zusammen, da in der schwarzen Pumpe die Druckvergasung der Braunkohle nicht mehr funktioniert. Auch denen ist die Kohle auf den Bändern festgefroren.

Um Berlin versorgen zu können, dreht man den Hahn der Gasleitung nach Norden zu. Tausende Heizungen in den Plattenbauten frieren ein und platzen.

Die Wiederinbetriebnahme der Gasversorgung stellte nach ein paar Tagen eine ganz besondere Herausforderung dar. Man kann ja das Gas zu den Häusern nicht einfach wieder aufdrehen, solange man nicht weiß, dass innen alle Gashähne geschlossen wurden.

Die Insel Rügen ist jetzt komplett abgeschnitten.

Die B96 und die Ziegelgrabenbrücke am Rügendamm sind unpassierbar. 90.000 Bewohner der Insel sind ohne Strom, ohne Wasser und ohne Versorgung.

Es gibt keinen Zugverkehr mehr, 3000 Weihnachtsurlauber sitzen irgendwo fest, bestenfalls in ihren Pensionen, manche auch auf Bahnhöfen.

In den Massenställen ersticken zigtausend Hühner, weil die Belüftungsventilatoren nicht mehr funktionierten.

Die Kühe müssen mit der Hand gemolken werden, weil die Melkanlagen nicht mehr funktionieren. Die Milch wird gleich wieder verfüttert, da sie nicht abtransportiert werden kann.

Die meisten Ferkel in den Mastanlagen erfrieren.

In den Jubelmedien durfte später darüber natürlich nicht berichtet werden, was hätte der Klassenfeind denken sollen?

Aber es gibt auch viel Gutes zu sagen.

An manchen Orten wird die Rente von beherzten Bürgermeistern aus den Einnahmen des lokalen Konsums ausgezahlt, obwohl Konsumverkausstellen bald leergekauft sind.

Wasser wird durch Schneeauftauen gewonnen – wenn ein Kohleherd da ist.

Die Russen helfen mit Kettenfahrzeugen. Sie verteilen Brot und Kohl.

Marinehubschrauber fliegen Dialysepatienten aus – wenn diese Glück haben und die Marine irgendwie erreichen können. Weil ja das Telefonnetz nicht mehr geht.

430 Noteinsatzflüge machen die Marineflieger mit ihren MI 8 Helikoptern im Sturm. Meist werden Nierenpatienten oder Gebärende evakuiert.

Über dreißig Kinder werden zu Hause geboren und überleben.

Es ist nicht bekannt geworden, wie viele Kinder beim Zusammenkuscheln in den kalten Schlafzimmern gemacht wurden.

Fallschirmjäger der Nationalen Volksarmee machen sich per Ski in abgeschnittene Dörfer auf, um lebensnotwendige Medikamente hinzubringen.

Viele Wohnungen werden noch mit Öfen beheizt und die Menschen rücken bei Kerzenlicht zusammen. Viele helfen sich gegenseitig so gut es geht.

Derweil schreiben stramme SED-Funktionäre Jubelbriefe an Erich Honecker: „Werktätige im Kampf gegen extreme Witterung – initiativreich sichern wir die Planerfüllung“ oder „Die Freie Deutsche Jugend siegreich im Kampf gegen die Naturgewalten“. Die Erfolgsmelder werden später als Helden von der Presse gefeiert und werden die fälligen Auszeichnungen erhalten.

Ich möchte Ihnen noch eine kleine Anekdote aus dem Kraftwerk erzählen.

Eine Reaktorfahrerin – eine hochqualifizierte Frau mit einem Kernphysikdiplom des Moskauer Kurtschatov-Instituts und Doktortitel – nimmt mich beiseite und druckst herum: „Nicht richtig ausgerüstet…“ Nach einigem Winden kommt heraus, dass den Frauen Hygieneartikel und Anti-Babypillen fehlen.

Uups, da bin ich nicht draufgekommen.

Ich schicke ein paar Leute mit dem Volkspolizei-Betriebsschutz zum Einbrechen in den großen Baustellenkonsum. Sie kommen mit reicher Beute zurück und ich kriege endlich eine Zahnbürste.

Dann mache ich einen Schneesturmspaziergang zum Sanitätstrakt des Verwaltungsgebäudes.

Die durchaus bemerkenswerte Krankenschwester kocht mir einen starken Kaffee und holt eine Ladung Pillen aus der Handapotheke.

Als ich gehe, drückt sie mir noch ein Fläschchen Augentropfen in die Hand: „Nimm die, deine Augen sehn aus wie die Rücklichter vom Trabant“.

Das Leitwartenpersonal ist durch die Ruhepausen einigermaßen fit und wird mit Kaffee zugeschüttet.

Am dritten Tag ist die Mannschaft irgendwie auf Rekordjagd im Heldentaumel: „Wer fährt die längste Schicht?“ Doch die Leute sind ausgelaugt. Ich wittere Gefahr, jetzt dürfen wir erst recht keine Risiken eingehen. „Nichts anfassen“ lautet die Devise.

Nach seinem Silvesterurlaub hat sich der Verteidigungsminister Hoffmann entschlossen, in den Norden zu fahren. Für den Sonderzug schippt die Volksarmee einen Gang auf den Schienen frei. Als es nicht mehr weitergeht, starrt der Minister ungläubig und entsetzt auf eine Schneewand von mehreren Metern Höhe.

Auf diese Art setzt sich Erkenntnis durch, dass nun die Armee eingesetzt werden muss.

Doch das ergibt einen langwierigen Start. Sind doch auch die Armeeeinheiten in ihren Standorten hoffnungslos eingeschneit.

Als die Schicht C des KKW Bruno Leuschner nach vier Tagen mit MI 8 Hubschraubern der NVA abgelöst wird, habe ich 78 Stunden nicht geschlafen.

Am 14. Februar, sechs Wochen später kommt der Schneesturm noch einmal mit minus 20 Grad nach Rügen zurück und richtet erneute ein schweres Chaos an.

Die DDR-Führung gab nach dem Blackout offiziell neun Todesopfer zu.Ich vermute, dass sind die Bedauernswerten, die auf den Straßen erfroren sind. Bei den anderen Opfern hat man wohl eine Handvoll Erde auf den Sarg geworfen und nicht weiter darüber geredet.

Erinnerungen an die Zukunft. Die Groko hat es gerade beschlossen: das THW bekomme 33,5 Millionen Euro für die Anschaffung von 670 „50 kVA-Notstromaggregaten“ – zur Ausrüstung der Ortsverbände in Deutschland.

Aus der Begründung des BMI: „Vor dem Hintergrund der Gefahr eines großen Blackouts ist eine derartige Ausstattung der Ortsverbände dringend geboten.“

Die Qualitätspresse beeilt sich, umgehend zu versichern, dass die Blackout-Gefahr natürlich nur von „Cyberattacken, Terror und Sabotage“ kommen kann. Wie stets hat nichts mit nichts zu tun.

Doch in dieser Woche haben die Netzbetreiber Alarm geschlagen. Die Netzreserve ist ab 2021 nicht mehr ausreichend.

Ich unterstelle, dass die Energiewender einen Energiesozialismus mit Stromzuteilung planen. Stromzuteilung heißt aber in meiner Sprache, dass „Brownouts“ etwas Normales werden.

Mir stellt sich bei alldem die Frage: Was machen eigentlich die FfF-Kinder wenn der Strom wegbleibt?

Da fällt nämlich auch das Internet aus: nix WhatsApp, nix Twitter, nix Instagram, nix Google und nix E-Mail.

Werden sie die Ärmel hochkrempeln und anpacken statt zu jammern?

Werden sie Zusammenstehen, Durchhalten, Improvisieren, Machen? Können sie verzichten und die Zähne zusammenbeißen?

Oder werden sie mit ein WLAN-Absenz-Depressionheiße Tränen auf die schwarzen Displays ihrer Handis weinen, Diskriminierung vermuten und sich unter Klagen über die Ungerechtigkeit der Welt in ihre „Komfortzonen mit Gendertoiletten“ zurückziehen? Werden sie nicht, denn die „geschützten Räume“ werden dunkel und kalt sein.

Ich bin da eigentlich recht optimistisch.

Wenn echte Probleme auftauchen – ich meine, so mit echtem Hungergefühl im Magen und Frostzwicken in den Zehen – dann ist der ganze künstliche Spuk mit einem Schlag vorbei.

Dann flüchten die lieben Kleinen zur Oma, die hoffentlich im Strumpf noch ein paar Euro, im Keller noch ein paar Einweckgläser und im Hühnerstall noch ihr altes Motorrad stehen hat.

Ehe ich es vergesse, muss ich zum Schluss noch Selbstkritik üben.

Ich schreibe es hier ganz offen – ich wurde am Jahreswechsel 1978/79 zum größten Idioten der Deutschen Demokratischen Republik. Und das ohne jeden Zweifel.

Ich war nämlich verantwortlich dafür – ohne es zu ahnen – ja, das kann keine Entschuldigung sein – das der Strom für den Antifaschistischen Schutzwall in Berlin erzeugt wurde.

Man stelle sich vor – nicht auszudenken – wenn die 22.000 Genossen, die zum Schutz des ersten Arbeiter- und Bauerstaates vor den imperialistischen Kriegstreibern der BRD dort Friedenswacht hielten, plötzlich im Dunkeln gestanden hätten.

Da hätte der Letzte nicht mal das Licht auszuschalten brauchen.

So kam es, dass ich im Jahre 1978 die DDR rettete.

Im Oktober 1989 gelang mir die Rettung des einzigen Arbeiter- und Bauern-Staates auf deutschem Boden nicht nochmal. Ich unterzog mich nämlich im Jahr 1989 gerade einer Licht- und gesiebte Lufttherapie im staatlichen Erholungsheim des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen.

Sonst hätte ich die DDR 1989 vielleicht erneut retten können. Und ich hätte damit Angela Merkel und ihrer großen Koalition viel, viel Mühe beim Wiederaufbau des entwickelten Systems des Sozialismus auf deutschem Boden ersparen können.

 

 

Manfred Haferburg ist der Autor des autobiografischen Romans „Wohn-Haft“. Als Schichtleiter im Kernkraftwerk kämpft er um Sicherheit gegen die Macht der Bonzen. Es macht ihn verdächtig, weil er sich der Einheitspartei verweigert. Die Hexenprobe der Stasi ist die erfolglose Anwerbung als Spitzel. Bald steht er auf allen schwarzen Listen seines Heimatlandes. Er wird „zersetzt“ und verliert alles. Eine Flucht misslingt und eine Odyssee durch die Gefängnisse des „sozialistischen Lagers“ beginnt. Der Mauerfall rettet ihm das Leben. Ein Buch, das den Leser atemlos umblättern lässt. (63 Amazon-Kundenbewertungen: 4,7 von 5 Sternen)




Blackout in Deutschland (Teil 2) – der Tag als ich die Mauer beleuchtete

Dialysepatienten konnten nicht mehr versorgt werden, Frauen bekamen die Kinder zu Hause ohne ärztlichen Beistand. Tausende Menschen strandeten irgendwo und überlebten – wenn sie Glück hatten – unter jämmerlichen Bedingungen in Bahnhöfen und Turnhallen. Als die Ventilatoren ausfielen, erstickten hunderttausende Hühner in den Legebatterien, Kühe und Schweine krepierten zu tausenden in den Ställen. Die öffentliche Kommunikation brach zusammen. Die Schäden gingen in die Milliarden und es dauerte Jahre, bis sich die Wirtschaft von dem Schock erholt hatte. Die Ursachen waren simpel: ein Schneesturm, ein unausgewogener Energiemix und ein weitgehendes Versagen des staatlichen Katastrophenschutzes.

Was war passiert? Es gab kurz nach Weihnachten einen länger andauernden Schneesturm, verbunden mit einem Temperatursturz. Man könnte es auch ein sibirisches Tiefdruckgebiet nennen. Damals schob man allerdings die Wetterkapriolen noch nicht auf den Klimawandel. Durch die extremen Witterungsbedingungen fielen sämtliche Kohlekraftwerke in Mitteldeutschland aus, da ihnen die Kohle auf den Transportbändern und in den Waggons festfror. Gas- und Ölkraftwerke waren vorher auf Beschluss der Politik geschlossen worden, um die wertvollen Devisen zu sparen. Die DDR hatte keinen vernünftigen Energiemix, das Rückgrat der Stromproduktion war Braunkohle. Im Resultat gab es in der DDR nur noch ein einziges funktionierendes Kraftwerk, das den totalen Blackout verhinderte – das Kernkraftwerk Greifswald mit seinen drei Reaktor-Blöcken. Um Strom für die Hauptstadt zur Verfügung zu stellen, mussten allerdings großflächige Blackouts tagelang in Kauf genommen werden – ganze Landstriche waren tagelang ohne Strom.

In meinem Roman „Wohn-Haft“ beschreibe ich, wie ich damals den Blackout im AKW Greifswald erlebte. Hier ein Auszug:

„Wer geht schon gern zur Nachtschicht? Insbesondere, wenn es bald Silvester ist. In den Wohnungen der Neubaublocks hängen die Leute schon die Girlanden für die Feiern auf, der mühsam ergatterte und aufgesparte „Rotkäppchen“-Sekt wird kaltgestellt. Auch Bier steht kalt auf den Balkonen. Und es ist kalt. Es schneit und ein bissiger Nordost treibt die Flocken vor sich her. Daran ist man hier in Greifswald nicht gewöhnt, hier herrscht normalerweise eher mildes Wetter. Der Abend lässt sich düster an, ein eisiger Wind heult um die Hausecken der Plattenbauten und pfeift durch die undichten Fenster.

Auf zur Nachtschicht ins größte KKW der DDR!

Meine Schicht geht von sieben Uhr abends bis sieben Uhr früh. Als ich die Wohnung um fünf Uhr nachmittags verlasse, dunkelt es bereits. Ich küsse meine Frau flüchtig und trotte missmutig los. Sie wird zur Party mit den Eltern, dem Bruder und der Schwägerin gehen. Und sicher wird es später ein Umzug von Nachbar zu Nachbar, um sich gegenseitig Glück zu wünschen und ordentlich anzustoßen. Ich darf erst morgen früh einen heben. Auf zur Nachtschicht ins größte KKW der DDR!

Wenn ich so die Straße zum Südbahnhof entlang gehe, habe ich das untrügliche Gefühl, dass hinter den Gardinen die normalen Leute sich über mich lustig machen. Seht sie an, die Lubmin-Malocher! Gehen zur Nachtschicht am Silvester für sieben Mark! So blöd möchte ich auch mal sein. Ich empfinde die Ungerechtigkeit dieser selbstgebastelten Anschuldigung schmerzhaft. Schließlich sorgen ich und meine Kollegen durch den Verzicht dafür, dass die Anderen feiern können. Wenigstens ein bisschen Anerkennung dürfte schon sein. Aber es ist eben so, die Schichtarbeit hat einen schlechten Ruf.

Am Südbahnhof steht schon eine ganze Truppe von Leuten aus meiner Schicht im Schneesturm und friert. Es ist zugig hier und es gibt keine Möglichkeit, Schutz vor dem beißenden Schneewind zu finden. Es wird nicht viel gesprochen. Nur eine Gruppe Schlosser ist ziemlich laut, die werden doch nicht schon einen getrunken haben? Der Zug müsste langsam kommen. Es liegt allerhand Schnee auf den Schienen, und es wird ständig mehr. Die Leute meckern, einige drohen damit, nach Hause zugehen. Vier Mann gehen los. Wir fahren mit meinem Auto, sagt der Blockleiter Schäfig im Vorbeigehen zu mir. Ich nicke abwesend. Mir graut schon vor dem mitternächtlichen Festessen. Das wird – wie jedes Jahr wieder – ein herrlicher Grund sein, sich zu beschweren und ein bisschen Frust über den verpatzten Feiertag abzulassen. Zu fett, zu schwer, schmeckt nicht. Und natürlich werden sie zu mir kommen, dem Schichtchef. Als ob ich gekocht hätte! Und ich werde – wie immer – nichts machen können.

Und dann werden gegen drei noch ein paar angesoffene Gewerkschafts- und Parteibonzen ins Werk kommen, um der diensttuenden Schicht zum Jahreswechsel zu gratulieren. Ein Grund mehr zum Meckern für die Mannschaft. Der Parteisekretär schwankend auf der Leitwarte. Und draußen wird sein Fahrer warten, um ihn zum Besäufnis zurückzukarren. Ein einziges Ärgernis, diese Silvester-Nachtschicht.

„Die Flasche bleibt draußen“

Aber erst einmal muss der Zug kommen. Schon eine dreiviertel Stunde Verspätung. Nichts zu sehen, schon gar nicht durch den stärker werdenden Schneesturm. Endlich kommt der Zug, mühsam pflügt sich die Diesellok mit den Doppelstockwagen durch den Schnee auf den Schienen. Wenn das mal gut geht, denke ich und steige ein. Drinnen ist es angenehm warm. Die Leute setzen sich in Gruppen zusammen und schwatzen. Einige Fanatiker spielen Karten wie auf jeder Fahrt. Wider Erwarten kämpft sich der Zug bis Lubmin durch. Ich habe entdeckt, dass bei den Schlossern eine Schnapsflasche kreist. Das werde ich ihnen nicht durchgehen lassen.

Beim Aussteigen greife ich mir den Schlossermeister und sage zu ihm, Die Flasche bleibt draußen. Und deine Leute kettest du an der Werkstatt-Heizung fest, bis sie wieder nüchtern sind. Wehe, wenn sie was anfassen, außer einer Schneeschippe! Ich schicke euch alle nach Hause und dann machen sie euch die Hölle heiß. Ich schaue zu, wie sie die Schnapsflasche maulend im Auto eines Kollegen auf dem Parkplatz deponieren. Die Autos hier sind unter einem halben Meter Schnee verschwunden. Ich lasse die Taschen einiger einschlägig Verdächtiger durch die Posten am Werkseingang filzen. Das hat mir noch gefehlt, Besoffene im KKW auf Schicht. Dann gehe ich in mein Büro und übernehme den Dienst.

Gott sei Dank, stabiler Normalbetrieb. Die Leute werden auf Eisbildung im Kühlwasser-Einlaufkanal achten und die Außenanlagen ständig beräumen, so dass die Betriebsfeuerwehr im Einsatzfall freie Fahrt hat. Ich verabschiede mich von meinem Vorgänger, Schöne Silvesterfeier wünsche ich dir, Günter. Und feiere schön mit deiner hübschen Frau. Der Kollege nickt und gibt mir grinsend die Hand. Er weiß um die Freuden des Schichtchefs in solchen Nächten.

Die Schicht hat ihren normalen Lauf genommen. Ich habe auf dem Schichtrapport die Aufgaben verteilt. Meine 18 Ingenieure sind mit der strikten Weisung auseinander gegangen, in dieser Nacht das KKW schneesturmfest zu machen. Auf meinem Kontrollgang habe ich mich heute ausschließlich den Außenanlagen gewidmet. Der Schneesturm ist noch heftiger geworden, der Wind zerrt an meiner Wattejacke, es bilden sich Schneewehen. Der Außenanlagen-Schichtleiter hat zusätzliche Leute von den Schlossern abgezogen, um sie mit Traktoren und Schaufeln Schnee räumen zu lassen. Gut so, der Sturm wird ihnen die Wodkareste aus dem Schädel blasen, denke ich.

„Weiter traue ich mich nicht mit dem Moskwitsch“

Um elf Uhr nachts rufe ich den Schichtfahrer an. Heinz, fahr mal ein Stück in Richtung Greifswald und schau dir die Straße an. Sei aber vorsichtig, damit du nicht steckenbleibst. Funk mich an! In der Zwischenzeit meldet der Dispatcher Schwierigkeiten im Landesnetz. Die Lastverteilung hat eine Einsatzstufe ausgerufen. Die Frequenz ist schlecht, der Strombedarf ist in der Silvesternacht hoch, und das Großkraftwerk Boxberg ist vom Netz gegangen, weil ihnen die Kohle auf den Bändern festgefroren ist. Die Lage scheint sich zuzuspitzen. Der Fahrer meldet sich per Funk. Pass auf Manni, ich bin in Vierow. Der Wind pfeift hier mit zehn Nummern. Es schneit wie verrückt. Weiter traue ich mich nicht mit dem Moskwitsch. Ich drehe um, die Straße verweht mehr und mehr, in einer Stunde kommt hier keiner mehr durch. Natürlich kein Räumdienst in Sicht. Ich komme zurück.

Nach kurzem Überlegen rufe ich den Dispatcher an. Trommle die Schichtleitung nach dem Essen um zwei Uhr in meinem Büro zusammen. Wir machen einen außerordentlichen Rapport, die Situation sieht böse aus. Dann rufe ich beim Werkdirektor an, um ihm die Lage zu schildern. Der Direktor meldet sich, im Hintergrund Partylärm. Dr. Zischer klingt angesäuselt. Na klar, es ist Silvester. Ich habe Respekt vor Zischer, das ist nicht so ein hohler Parteibonze. Zischer kennt die Leute und verhält sich anständig seinen Mitarbeitern gegenüber, ohne jede Herablassung. Er hört sich die Lage an und meint, Keine Panik, übertreiben Sie nicht. Morgen früh schicke ich mit der Frühschicht Zusatzkräfte zum Schneeräumen raus. Und jetzt machen Sie weiter wie bisher, Ihre eingeleiteten Maßnahmen sind in Ordnung.

Es gibt den erwarteten Ärger mit dem Festessen. Diesmal haben die Leute sogar sehr gute Gründe zum Meckern. Das zähe Schweinesteak schwimmt in einem viertel Liter flüssigen Fettes mit ein paar glasigen Zwiebelflusen und ist zerbraten wie eine Schuhsohle. Dazu gibt’s fetttriefende Bratkartoffeln und sauren Weißkrautsalat aus dem Plastiksack. Hinterher ein Tüteneis, der Magen könnte sich einem umdrehen. Ich nehme frustriert meinen Teller und zwei kräftige wütende Schlosser und marschiere mit ihnen zur Struck-Küche, wo sie den Fraß zurechtrühren.

Die Struck-Küche ist ein großer Flachbau, in dem normalerweise dreitausend Menschen verköstigt werden. Eigentlich sollte sie am Silvester geschlossen sein und nur eine Minimannschaft für die Schicht kochen. Das Essen wird dann von hier mit Kübeln in die Schichtkantinen geliefert. Wider Erwarten ist der Struck aber von einer ganzen Meute Bauarbeiter besetzt. Sie sitzen an den Tischen und saufen. Offensichtlich sind sie aus ihren Unterkunftsbaracken im Leuna-Lager hierher geflüchtet, um ein bisschen Silvester feiern zu können.

Ein Kofferradio grölt Musik von den Puhdys

Jetzt sitzen sie hier herum, spielen Skat, ein Kofferradio grölt Musik von den Puhdys, und ein paar stark Alkoholisierte grölen mit. Hier aufzuräumen, ist hoffnungslos. Selbst mit der Mannschaft des Betriebsschutzes hätte man keine Chance gegen diese Übermacht. Also lasse ich sie sitzen. Es ist nicht mein Verantwortungsbereich, der Struck befindet sich außerhalb des Zaunes des technologischen Sicherungsbereiches. Ich weiß, dass die Bauarbeiter hier rumsitzen, weil sie bei dem Schneesturm nicht bis in die Kneipe nach Vierow durchkommen. Wo sollen sie auch hin. Trotzdem wäre es besser, sie in ihren Baracken im Leuna-Lager zu wissen.

Zwei dicke Köche sitzen im Personal-Aufenthaltsraum beim Bier und qualmen um die Wette. Ihre Teller mit den Essensresten stehen noch da. Sie haben sich zur Feier des Tages halbblutige Rumpsteaks mit Rosenkohl gegönnt. Kaum sehen sie mich, fängt der Dickere an zu zetern, Bringen Sie die Bauluden aus dem Struck heraus. Wir haben geschlossen! Die weigern sich, in ihre Unterkünfte zu gehen. Die haben Schnaps mitgebracht, das ist hier verboten. Er blickt erschrocken auf die Bierflaschen vor sich auf dem Tisch. Ich ignoriere das Gezeter und sage ganz freundlich, Ich bin der Schichtleiter der Nachtschicht. Habt ihr unser tolles Festessen gekocht? Der dicke Koch nickt misstrauisch.

Ich entferne das Pergamentpapier von meinem Teller und stelle ihn auf den Tisch. Das Essen auf dem Plastikteller, jetzt halb kalt, sieht zum Fürchten aus. Die beiden Hünen von Schlosser bauen sich drohend mit verschränkten Armen vor den Köchen auf. Ich schiebe den Teller zu dem Dicken. Essensage ich leise. Der Dicke weicht zurück und fuchtelt mit den Armen. Wir haben schon gegessen. Ich sehe ihn kühl an und wiederhole, Essen!, während die beiden Schlosser vorrücken. Der zweite Koch rückt mit seinem Stuhl von dem schmuddeligen Tisch mit den Bierflaschen ab. Der Dicke will ebenfalls zurückweichen, aber sein Stuhl kann nicht weg, weil einer der Schlosser seine riesige Hand auf die Lehne gedrückt hält. Der andere Schlosser nimmt das Besteck von einem der beiden Teller mit den Essensresten der Köche und drückt es dem Dicken in die Hand. Essen!, sagt nun er nachdrücklich. Der Dicke fängt an zu jammern. Das ist Körperverletzung …

Genau, sage ich, die Schlosser nicken begeistert. Und jetzt isst du den Teller schön leer. Du kannst ihn ja mit deinem Kumpel teilen. Und dann kannst du Anzeige gegen mich erstatten, wegen Körperverletzung. Ich fürchte nur, dass die Jungs vom Betriebsschutz heute auch die Ehre hatten, eure Kochkünste zu genießen. Also viel Spaß bei der Anzeige. Ich heiße Manni Gerstenschloss. Aufmunternd rüttelt die große Schlosserhand den Stuhl. Ächzend und schwitzend säbelt der Dicke am Steak herum, kostet und verzieht angewidert das Gesicht. Wieder wird der Stuhl aufmunternd gerüttelt. Der Dicke isst. Er kaut auf der Schuhsohle herum, schimpft und jammert.

Die beiden hünenhaften Schlosser erzielen ihre Wirkung durch bloße Anwesenheit. Meine beiden Mittäter und ich warten nicht, bis die ganze Portion heruntergewürgt wurde. Wir verlassen die Köche. Ich sage im Gehen zu dem einen Dicken, der gerade einen Erstickungsanfall hat und würgt, Pass auf, in 10 Minuten machen wir eine Lautsprecher-Durchsage, dass ein außerplanmäßiger Zug nach Vierow abfährt. Dann werden die Bauarbeiter zum Bahnhof rennen. Wenn sie raus sind, könnt ihr euren Laden dichtmachen. 

Der Schneesturm fegt mit 11 Windstärken über Norddeutschland

Auf dem ganzen Weg zurück lachen wir uns scheckig. Hast du gesehen, wie der Fettsack sich vor seinem eigenen Fraß geekelt hat? Die „Erziehungsmaßnahme“ spricht sich blitzschnell herum. Die C-Schicht lacht sich halbtot, heute gibt es keine Beschwerde mehr über das Festessen. Die Blockwarte 1 macht die Lautsprecherdurchsage mit der nicht existierenden Zugabfahrt. Die Bauarbeiter fallen drauf rein und rennen im Schweinsgalopp durch den Schneesturm zum Betriebsbahnhof, um in die geliebte Kneipe fahren zu können. Als sie merken, dass sie gefoppt wurden, trommeln sie vergeblich gegen die fest verschlossenen Eisentore des Struckbaus. Schließlich ziehen sie murrend in ihre Baracken ab.

Bei dem außerplanmäßigen Rapport um zwei geht die „tägliche Dressur der Raubtiere“, wie ich meine Schicht-Besprechungen nenne, ziemlich friedlich vonstatten. Die üblichen Meckereien entfallen, allen ist der Ernst der Lage bewusst. Inzwischen ist die Netzfrequenz bei 48,7 Hertz, man kann das sogar am Geräusch der laufenden Turbinen hören. Der Schneesturm fegt mit 11 Windstärken über Norddeutschland. Der Lastverteiler hat die ersten Flächenabschaltungen gemeldet. Die C-Schicht erzeugt jetzt die Hälfte der gesamten Elektroenergieproduktion der DDR.

Wir wissen mit verhaltenem Stolz, dass nur ein Kernkraftwerk völlig unabhängig von solchem Wetter Strom produzieren kann. Den Kohlebuden friert die Kohle ein und den Gaskraftwerken geht das Gas aus. Ganze Landstriche haben jetzt keinen Strom mehr. Die Leute sitzen noch gemütlich beim Kerzenschein. Aber die Gemütlichkeit hält nicht lange an. Die Heizungen in den Plattenbauten funktionieren nicht mehr, weil die Umwälzpumpen stehenbleiben. Es wird arschkalt in den Wohnungen. In den Hühner- Konzentrationslagern verrecken zigtausende Hühner, weil die Lüftungsanlagen ausgefallen sind. In den Krankenhäusern laufen die Notstromdiesel, wie lange werden die Dieselvorräte reichen?

Mütter können die Babynahrung nicht mehr erwärmen. Tiefkühltruhen tauen auf und die eingelagerten Lebensmittel gehen zum Teufel. Fernseher gehen nicht mehr. Und wer kein Kofferradio hat, bekommt keine Informationen mehr. Dann hört das Leitungswasser auf zu fließen. Die Toiletten können nicht mehr gespült werden. Die meisten Leute haben gar nicht geahnt, was alles ohne Strom nicht funktioniert.

Nach einigen Stunden leeren sich die Batterien des Telefonnetzes und es hört auf, zu funktionieren. In der Schichtbesprechung diskutieren wir den Fall, dass die Ablösung am Morgen nicht durchkommt, obwohl die meisten nicht daran glauben. Das gab es noch nie! Ich aber will kein Risiko eingehen. Wir müssen das Kraftwerk auch sicher fahren können, auch wenn tagelang keine Ablösung kommtSo ein Quatsch, sagt Hein Blökow, der Schichtleiter vom zweiten Kreislauf. Die Ingenieure nicken zustimmend, aber sie sind auch irgendwie besorgt. Ihre Familien sind in Greifswald von der Stromversorgung abhängig.

Am Abend bricht das Telefonnetz endgültig zusammen.

Ich lege fest, wie es von jetzt ab weitergeht. Wir halten unsere Routine aufrecht. Ich möchte, dass alles so normal wie möglich abläuft. Zu den normalen Zeiten werden wir alle acht Stunden unseren Schichtrapport durchführen. Reduziert in euren Bereichen die Mannschaft auf Mindestbesetzung. Jeder, der darüber hinaus vor Ort ist, soll sich eine Ecke zum Pennen suchen und versuchen, etwas Schlaf zu bekommen. Ich brauche auch in drei Tagen noch ein funktionsfähiges Kollektiv! Wir können es uns nicht leisten, dass uns jemand am Steuerpult einschläft. Die Leute sollen sich gegenseitig ablösen. Das mit dem Schlafen gilt besonders für das Blockwarten-Personal, aber auch für euch. Ich werde das persönlich kontrollieren. Die Leute sollen sich auch etwas hinlegen, wenn sie nicht schlafen können. Dann ruhen sie sich wenigstens ein bisschen aus. Und jetzt erwarte ich eure Vorschläge, wie wir hier in der Anlage mit dem Schneesturm umgehen…

Die Skeptiker sind kleinlauter geworden. Die C-Schicht ist schon mehr als 24 Stunden im Einsatz und keine Ablösung ist in Sicht. Wir haben drei Rapporte durchgeführt. Am Abend bricht das Telefonnetz endgültig zusammen. Es bleibt nur noch das rote Telefon zur Einsatzleitung in Greifswald. Ich bin ganz froh darüber, endlich unbehelligt von Anrufen aus SED-Kreisleitungen, von Bezirkssekretären, dem Ministerium und anderen Wichtigtuern meine Arbeit machen zu können. Die Lage im Land muss katastrophal sein. Großflächige Stromabschaltungen überall. Die Netz-Frequenz ist schlecht, Freileitungen fallen aus, weil sie das Eis nicht mehr tragen können.

Die Bonzen sind mir ganz schön auf die Nerven gegangen, ganz besonders die mit dem anmaßenden Ton. Als könnte ich den Strom in die Bezirkshauptstadt leiten. Mein Verantwortungsbereich endet am Leistungsschalter zur Freileitung. Wo der Lastverteiler in Schwerin seine Erzeugung hinleitet, kann ich nicht beeinflussen. Auch nicht, wenn mir ein Parteibonze sonst was androht. Ich weiß ja nicht, dass auf höchste Anordnung aller Strom nach Berlin geleitet werden muss. Der Schneesturm fängt an, Schwierigkeiten bei den Außenanlagen des Kraftwerks zu machen. Kanäle frieren zu, Rohrleitungen frieren ein. Auf dem Einlaufkanal treiben Eisschollen zu den Grobrechen. Die müssen unbedingt freigehalten werden. Mit Vehemenz muss ich dafür sorgen, dass die Straßen für die Feuerwehr geräumt werden. Alle Schlosser sind draußen im Einsatz. Aber sie müssen ständig kontrolliert werden, sonst hängen sie in der Kantine rum.

Die Kantine hat schon um Hilfe gerufen. Das Brot geht zu Ende. Ich diskutiere mit dem Leiter des Betriebsschutzes. Wir einigen uns, nach viel anfänglichem Zögern und Winden. Der Betriebsschutzmann ist verunsichert, weil er kein Telefon hat, um sich rückzuversichern. Aber ich bin bestimmend und so fügt er sich. Seine Leute sind auch hungrig und müde. Einige Posten sind schon unbesetzt. Sie schicken ein Team mit Rucksäcken los, das mit einem Betriebsschutzmann in die verschiedenen Verkaufsstellen der riesigen Baustelle einbricht, um Brot und andere Grundnahrungsmittel einzusammeln und der Kantine zur Verfügung zu stellen. Die Beute ist umfangreich und sehr ermutigend, es besteht keine Hungersnotgefahr. Brot mit Spiegeleiern wird in der Kantine zum Renner. Nudeln haben sie auch jede Menge und Tomatensoße aus der Dose. Endlich gibt es mal Essen nicht aus dem Kübel.

Die Männer sind vom Ehrgeiz gepackt

Block 2 musste die Leistung einsenken. Sie fahren nur noch die Hälfte, 200 Megawatt fehlen. Das ist so viel, wie ein paar große Städte verbrauchen würden. Eine Kühlwasserpumpe hat mit rotglühendem Lager des Elektromotors den Geist aufgegeben. Ich verfluche den Konstrukteur, der die Pumpen im Freien aufgestellt hat, voll dem Wind und dem Wetter ausgesetzt. Jetzt sind die Schlosser und Elektriker dabei, in eisigem Schneesturm den riesigen Motor abzumontieren. Ich packe selbst mit an. Ein anderes Team demontiert einen Motor im Block 4, der sowieso nicht gebraucht wird, um ihn an die Stelle des kaputten Motors im Block 2 einzubauen. Die Männer sind vom Ehrgeiz gepackt. Sie schaffen die Reparatur unter extrem schlechten Bedingungen, bei Dunkelheit und eisigem Schneesturm in der Hälfte der normalen Reparaturzeit. Der Hauptlastverteiler höchstselbst bedankt sich beim Dispatcher, als sie nach fünf Stunden die Leistung wieder hochfahren können. Selbst in Berlin sind einige Lichter ausgegangen. Ich ahne immer noch nicht, dass wir den Strom für die Berliner Mauer produzieren.

Ich passe auf, dass mich niemand beobachtet, ich aber alle im Auge habe. Ich bin überall. Ich versuche mitzuhelfen, gebe Ratschläge, meckere und fauche auch mal jemand an. Ich bin jetzt seit 36 Stunden auf den Beinen und spüre keine Müdigkeit. Ich reite hier voll auf Adrenalin, denke ich. Meine Strategie geht einigermaßen auf. Die Leute lösen sich gegenseitig ab, in jeder Ecke liegt irgendwer rum, der schläft oder döst. Die Jungs auf den Leitwarten sind einigermaßen fit und werden kannenweise mit Kaffee zugeschüttet. Die Anlage läuft mit voller Leistung gerade aus. Nur nichts anfassen!

Ich habe alle Routinetests ausgesetzt, alle nicht unmittelbar notwendigen Reparaturen gestoppt. Nach einem heftigen Streit mit dem Leiter der Inbetriebsetzung des Blockes 4 wurden auch die Inbetriebsetzungsarbeiten gestoppt und das Personal weitestgehend zur Verstärkung des Personals der Betriebsblöcke herangezogen. Der Block 4 würde eben in einigen Monaten ein paar Tage später ans Netz gehen. Aber der Inbetriebsetzungsleiter bleibt sauer, weil ich, ohne ihn zu fragen, den Kühlwasserpumpenmotor geklaut habe.

Als ich in die Kantine komme, sitzt dort der Blockleiter Wolfhard Schäfig mit ein paar Maschinisten beim Kaffee. Spiegeleier mit Brot und eine Kanne Kaffee, in der der Löffel steht, rufe ich der Kantinenmieze zu und setze mich. Wir schwatzen über die Energiesituation im Lande und sind stolz darauf, das einzige Kraftwerk zu sein, das mit voller Leistung am Netz ist. Ich erzähle ihnen, dass der Minister persönlich über das Telefon der Einsatzleitung angerufen hat und seinen Dank an die Genossinnen und Genossen Werktätigen im Volkseigenen Kombinat Bruno Leuschner ausgesprochen hat. Schäfig grinst. Dann betrifft dieser Dank ganze acht Leute von unserer Schicht. Die andern sind alle Nichtgenossinnen und Nichtgenossen. Aber mal was ganz anderes, Manni. Wir haben kein Geld mehr. Die Meisten nehmen nur kleine Beträge mit auf Schicht. Jetzt ist das bisschen Geld alle und wir müssen uns doch was zum Essen kaufen können. Die Kantine rückt ohne Geld nichts raus.

Auch gleich Zahnbürsten und Zahnpasta besorgen

Ich bin so in Fahrt, dass ich sofort eine Lösung weiß. Geht zum Dispatcher. Ich habe eine große Rolle Kinokarten. Weiß der Kuckuck, wofür die mal waren. Der Dispatcher wird meinen Stempel draufdrücken und dann ist die Karte in der Kantine zwei Mark wert. Jeder kriegt pro Schicht zwei Karten. Kaffee gibt’s ab sofort umsonst. Ich erkläre der Kantinenmieze die Regelung und gehe zum Dispatcher, um ihn einzuweisen. Blockleiter Schäfig isst mit Genuss meine Spiegeleier, die ich völlig vergessen habe. Dabei hat die Kantinenmieze die mit besonderer Hingabe gebraten. Ich sitze beim Dispatcher. Wir stempeln die rosa Abreißkarten und witzeln umher. Dies ist das Geld der autonomen Republik Lubmin, kichere ich, der Zweimarkschein. Der Dispatcher feixt, Übrigens, du sollst zur Kollegin Raum auf die Blockwarte 2 kommen. Es ist dringend, meint sie. Ich marschiere los. Was die wohl will?

Auf der Blockwarte 2 herrscht ruhiger Normalbetrieb. Der Blockleiter schlummert hinter der Tafel auf einer Sanitätsliege. Die Kollegin Angela Raum, lizenziere Reaktorfahrerin, vertritt ihn. Eine hochqualifizierte Frau, die in Moskau Kernphysik studiert hat. Hier hat sie die Reaktorfahrer-Lizenz erworben. Ich weiß nicht, was davon schwieriger war. Wenn sie nur nicht so unattraktiv wäre. Sie macht sich zurecht wie eine Siebzigjährige. Wenn sie lacht, hält sie sich die Hand vor den Mund und wird rot. Männer machen einen Riesenbogen um sie.

Der Leitstandsfahrer schreibt seine Runde und der Elektriker stuft den Generator, um die Blindleistung zu regeln. Es gibt erhebliche Schwankungen im Netz, wahrscheinlich klatschen irgendwo die Freileitungen durch den Sturm zusammen. Die Frequenz ist miserabel, aber dagegen können wir hier nichts tun. Nicht genug Leistung im Landesnetz. Nachdem die Kollegin Raum ihren Lagebericht beendet hat, zieht sie mich in eine Ecke der Leitwarte.

Mit hochrotem Kopf stammelt sie herum. Peinlich, delikat, Diskretion. Ich versuche, lässig zu grinsen. Na red‘ schon, ich behalte es für mich. Wir Frauen sind schon mehr als zwei Tage hier. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir sind nicht richtig ausgestattet. Ach du Scheiße, wie konnte ich das vergessen. Die Hälfte der Mannschaft sind Frauen. Die brauchen bestimmte Sachen! Danke, Angela, bitte hilf mir damit. Stelle eine Bedarfsliste zusammen, vergiss aber keine Kollegin zu fragen. Wir schicken jemanden los, um die Sachen aus den Verkaufsstellen herbeizuschaffen. Die können auch gleich Zahnbürsten und Zahnpasta besorgen, ich hab einen furchtbaren Geschmack im Mund.

Angela Raum ist erleichtert, druckst aber immer noch. Da ist noch was. Wir brauchen etwas, das du nicht in den Verkaufsstellen findest. Ich habe meine Anti-Baby-Pillen nicht dabei. Die anderen wohl auch nicht. Ich bin perplex. Angela Raum nimmt die Pille? Wozu denn das? Wer in aller Welt sollte sich denn an ihr vergreifen? … Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Ich schäme mich meiner arroganten Gedanken, sie ist eine patente Person. Angela, setz es mit auf die Liste. Ich kümmere mich darum. Ich bin in einer Stunde wieder hier.

„Deine Augen sehen aus wie die Rücklichter vom Trabbi“

Ich habe mit der diensthabenden Krankenschwester im Verwaltungsgebäude gesprochen. Wow, die ist vielleicht hübsch. Schlank, schmales Gesicht, riesige braune Rehaugen und ein paar Sommersprossen. Dazu der schneeweiß gebügelte Kittel mit genau einem Knopf zu viel offen. Ich habe gar nicht gewusst, dass sie hier ist. Sie heißt Sabine und duzt mich vertrauensvoll. Sie kann die gewünschten Arzneimittel aus der Handapotheke der Ambulanz besorgen. Sie lädt mich sogar zum Kaffee ein und drückt mir zum Abschied eine kleine Flasche Augentropfen in die Hand. Schau mal in den Spiegel, deine Augen sehen aus wie die Rücklichter vom Trabbi. Dabei lächelt sie so charmant, dass ich im Schneetreiben auf dem Weg zurück ein Liedchen pfeife. Stimmt, ich habe gar nicht gemerkt, wie meine Augen brennen. Zufrieden sehe ich den Schlossermeister mit dem Traktor und der Schneefräse am Feuerwehrgebäude vorbeirattern. Die Fräse bläst eine Schneefahne gegen den Wind, der den Schnee sofort auf die Straße zurücktreibt. Der Sturm ist eher noch schlimmer geworden. 11 Windstärken, Gnade Gott denen, die jetzt auf See sind.

Meine Frau und meine kleine Tochter fallen mir ein. Ob sie zu Hause Strom haben? Wohl kaum. Sicher ist die Bude kalt. Aber sie können ja zu den Schwiegereltern gehen. Die wohnen nur ein paar hundert Meter entfernt. Die haben noch Ofenheizung. Der hässliche ungeliebte Kachelofen entpuppt sich nun als großer Vorteil. Was bin ich doch für ein lausiger Vater und noch lausigerer Ehemann! Das ist nicht gerade meine Stärke, denke ich seufzend, und dazu politisch noch ein oberlausiger Mitläufer. Warum mache ich diese Scheiße bloß?

Der dritte Tag ist angebrochen. Die C-Schicht ist irgendwie auf Rekordjagd, im Heldentaumel. Wer fährt die längste Schicht der Welt? Ich muss einige besonders schneidige Möchtegern-Helden ausbremsen. Jetzt dürfen erst recht keine Risiken eingegangen werden. Erfolg macht unvorsichtig. Trotz der Ablöseroutine ist die Mannschaft ausgelaugt und übermüdet. Nichts anfassen, lautet die Devise. Die Situation im Landesnetz ist immer noch katastrophal. Das Gerücht geht um, dass bei einer Sitzung des Zentralkomitees der Partei in Berlin das Licht ausgefallen sei.

Die Einsatzleitung in Greifswald meckert am roten Telefon über die Sturheit der DDR-Militärführung, die die Armee mit dem Argument in den Kasernen lässt, dass sie für den Ernstfall des Angriffs der BRD auf die DDR voll einsatzbereit sein müsse. Der Werkleiter soll geäußert haben, was nützt denen ihre Einsatzbereitschaft, wenn sie in ihren Kasernen eingeschneit sind. Aber aus Berlin kommt nichts. Der Generalsekretär ist auf Staatsbesuch in Afrika. Dort ist es heiß, kein Schneesturm in Sicht. Die Hiobsbotschaften aus dem Norden häufen sich. Im Westfernsehen zeigen sie erste Todesopfer.

Das DDR-Fernsehen schweigt sich aus und verbreitet weiterhin optimistische Erfolgsmeldungen. Endlich steigt der Verteidigungsminister Hoffmann in einen Zug und bricht in Richtung Bezirk Rostock auf. Als der Zug dann anhält, schaut der Genosse Minister aus dem Fenster rechts und links auf die senkrechten Wände von bis zu sechs Meter hohen Schneewehen, durch die die Soldaten extra für ihn und seinen Zug eine Gasse geschippt haben. Das zeigt Wirkung. Seither reagiert das Zentralkomitee auf die Hiobsbotschaften aus dem Norden nicht mehr mit Schuldzuweisungen, sondern mit purem Aktionismus.

Keine Antwort, nur Jaulen und Rauschen

Der Genosse Honecker kommt planmäßig aus Afrika zurück. Die Soldaten der Nationalen Volksarmee werden endlich eingesetzt. Auch Fahrzeuge, sogar Hubschrauber sollen zum Einsatz kommen. Ich spreche über das rote Telefon mit dem Leiter der Einsatzleitung. Es ist das einzige Telefon, das noch funktioniert. Es spricht der Parteisekretär, der Genosse Röders. Ich kann den strammen Bonzen nicht leiden, der hat immer nur den großen Rand und selten Ahnung. Jetzt verspricht er mir Himmel und Hölle, völlig unreale Dinge. In zwei Stunden soll ein Buskonvoi mit einer Ablöseschicht und jeder Menge Einsatzkräfte aus Greifswald in Richtung Lubmin aufbrechen. Vornweg zwei Schneepflüge, dann ein Einsatzfahrzeug mit Funk und jede Menge Personal. Die wollen die Inbetriebsetzung des Blockes 4 wieder aufnehmen.

Ich flehe ihn an, die Leute zu Hause zu lassen. Die Ablöseschicht gerne, aber hunderte von Menschen können hier weder untergebracht noch versorgt werden. Das lass mal unsere Sorge sein! faucht Röders mich an. Der Genosse Direktor Zischer führt den Konvoi persönlich an, er sitzt selbst im Einsatzfahrzeug. Ich versuche, das Einsatzfahrzeug über Funk zu erreichen. Ich muss den Genossen „höchstselbst“ Zischer warnen. Aus dem Lautsprecher tönt nur Jaulen und Heulen. Ich spreche ins Mikrofon, alle Regeln der Funkordnung außer Acht lassend. Hier spricht der Schichtleiter im KKW, Gerstenschloss. Herr Direktor Zischer, wenn Sie mich hören, bitte kehren Sie mit dem Konvoi um. Schicken Sie bitte nur Schichtpersonal hier heraus! Wir können andere Leute nicht gebrauchen. Wir können Sie auch nicht versorgen. Wir können Sie nicht unterbringen. Bitte drehen Sie mit dem Konvoi um! Aus dem Lautsprecher kommt keine Antwort, nur Jaulen und Rauschen.

Direktor Zischer hat mich nicht gehört. Trotzdem ist der Konvoi umgedreht. Die Schneepflüge sind selbst in den Schneemassen steckengeblieben. Nach langer Odyssee ist der Konvoi wieder in Schönwalde eingetroffen, und sie haben die Frauen nach Hause geschickt. Die Männer warten in der Schülergaststätte auf weitere Verwendung durch die Einsatzleitung. Inzwischen saufen sie große Mengen Bier. Unglücklicherweise ist trotz des Schneesturms ein Bus aus der entgegengesetzten Richtung, aus Wolgast, im Kraftwerk angekommen.

Die meisten Insassen sind Frauen aus der Verwaltung, auch einige Männer der Kaderabteilung und der Materialwirtschaft. Sie machen mir das Leben zur Hölle. Sie sind nicht bereit, beim Schneeräumen zu helfen, aber verlangen ständig irgendwelche Betreuungsleistungen. Die Frauen machen sich berechtigte Sorgen um ihre Familien, um ihre Kinder. Sie wollen nach einigen Stunden wieder nach Hause, aber der Busfahrer weigert sich klugerweise und fährt nicht zurück. Er hat Angst, mit einem Bus voller Leute einzuschneien. Ich rede den Leuten gut zu. Sie sollen in ihren warmen Büros bleiben und abwarten.

Endlich meldet sich die Einsatzleitung. Sie schicken Hubschrauber der NVA mit Ablösung für die Schicht. Auf dem Rückweg soll Personal ausgeflogen werden, ich soll eine Dringlichkeitsliste machen. Aber erst einmal brauchen wir einen Hubschrauber-Landeplatz. Die Einsatzleitung hat die erforderliche Größe durchgegeben. Ich messe mit großen Schritten auf dem Parkplatz ab. Alles zu klein. Entweder es stehen Autos umher, oder die Peitschenmaste der Beleuchtung stehen im Weg. Ich rufe über Funk den Schlossermeister mit seinem Trecker herbei. Bring ein langes Stahlseil mit! Mit dem Traktor legen wir mit Hilfe des Seils drei Lichtmasten flach. Jetzt ist der Platz groß genug. Der Wachführer des Betriebsschutzes kommt mit einer Leuchtpistole. Er soll „grün“ schießen, wenn der Hubschrauber kommt. Der Pilot weiß dann, wo er landen kann. Ich schüttele nur den Kopf. Jetzt wollen die Krieg spielen?

Jetzt sehen wir die große Mi 8 heranschweben

Der Schneesturm heult lauter als der anfliegende Hubschrauber. Durch das Schneetreiben ist er nicht zu sehen, wir hören ihn zuerst … Der Wachführer klappt den Lauf der Leuchtpistole herunter und schiebt eine große grüne Leuchtpatrone hinein. Dann hebt er die Pistole über den Kopf und drückt ab. Es klickt metallisch. Nichts passiert. Der Wachführer ist verdutzt, dann spannt er den Hahn erneut und drückt nochmal ab. Wieder nichts. Der Schlagbolzen ist in dem eisigen Sturm eingefroren. Jetzt sehen wir die große Mi 8 unter ungeheurem Rotorhämmern heranschweben. Sie wird vom Sturm geschüttelt und setzt zur Landung an, ohne auf die Leuchtkugel zu warten. Der Wachführer fuchtelt mit der Leuchtpistole umher und untersucht, warum das verdammte Ding nicht funktioniert. In diesem Moment löst sich der Schuss und die Leuchtkugel geht haarscharf am Cockpit vorbei. Ich denke, Jetzt hätte der Idiot doch beinahe den Hubschrauber abgeschossen! und drehe mich weg, damit der Wachführer mich nicht lachen sieht. Der starrt völlig entgeistert auf die Waffe, während der Hubschrauber mit fürchterlichem Turbinengeheul sanft aufsetzt.

Die Tür geht auf und das grinsende Gesicht von Günter erscheint. Lange nicht gesehen! Ich bringe dir ein paar Leute zur Ablösung mit. Kannst du uns brauchen? Ich habe die Worte mehr abgelesen als verstanden und nicke ihm fröhlich zu. Ungefähr 20 Leute der B-Schicht springen aus der Maschine. Der Betriebsschutz regelt das Einsteigen der Leute aus dem Tagesdienst nach der Dringlichkeitsliste. Ein Mitarbeiter der Verwaltung geht an der Schlange vorbei und steigt ein. Er steht nicht auf der Liste. Aber niemand, der seinen Gesichtsausdruck gesehen hat, wagt es, ihn aufzuhalten. Er schaut drein, als könnte er jemand erwürgen. Ist wohl in Panik.

Nach ein paar Stunden sind alle Kollegen der Ablöseschicht eingeflogen und die C-Schicht kann nach 78 Stunden Dienst nach Hause abfliegen. Mit der letzten Truppe fliege auch ich aus. Ich bin noch nie in einem Hubschrauber geflogen. Fühlt sich an wie ein Aufzug, denke ich, als unter mir das KKW immer kleiner wird. Jetzt spüre ich eine ungeheure bleierne Müdigkeit. Der Schneesturm schüttelt die Mi. Als ich zu Hause ankomme, ist die Wohnung eiskalt und leer. Frau und Tochter sind bei den Schwiegereltern im Warmen. Die Heizungen frieren ein, denke ich und lege mich ins Bett. Unter mehreren Zudecken schlafe ich fast 24 Stunden durch. Ich habe in der längsten Schicht meines Lebens kein Auge zugetan. Nach ein paar Tagen hat sich die Wettersituation entspannt. Das Landesnetz der DDR hat wieder Strom und es geht an die Beseitigung der Schäden. Wochenlang wird Schnee geschippt.

Letztendlich wird nichts bezahlt

Die Frage der Bezahlung der Überstunden der C-Schicht tritt auf. Das sind immerhin je 70 Stunden für 150 Leute, ein Batzen Geld. Abgeltung durch Freizeit ist durch die notorische Personalknappheit sowieso nicht möglich. Die Werkleitung eiert herum, Höhere Gewalt, Aufbau des Sozialismus, Geldgier …Letztendlich wird nichts bezahlt. Wieder einmal beweist sich die Unredlichkeit und Kleinlichkeit des Systems.

Schon im Februar rächt sich dieser Geiz. Wieder ist es die C-Schicht, die beim nächsten Schneesturm im Kraftwerk einschneit. Ich wage es, beim ersten Telefongespräch mit der Einsatzleitung den Werkleiter auf das Problem der Bezahlung hinzuweisen. Dafür werde ich angebrüllt und als Erpresser beschimpft, erhalte aber die Zusage, dass meinen Leuten diesmal die Überstunden bezahlt werden. Wieder ist es das Kernkraftwerk Greifswald, das den Totalzusammenbruch des DDR-Stromnetzes verhindert. Nach der Ablösung der C-Schicht ist die Einsatzleitung so von den Witterungsunbilden verunsichert, dass sie die C-Schicht nicht ausfliegen lassen. Wir werden unter erbärmlichen Bedingungen im Leuna-Lager kaserniert, um uns für die Rückablösung bereitzuhalten. Und wieder werden der Schichtmannschaft Teile unseres verdienten Lohns vorenthalten, indem die Zeit der Kasernierung nicht auf die Überstunden angerechnet wird.

Nach ein paar Monaten werden fünf Kollegen der C-Schicht als Aktivisten der Sozialistischen Arbeit ausgezeichnet. Neben einer Medaille erhalten sie wie zum Hohn 50 Mark in bar. Ich werde von der Werkleitung sogar als Verdienter Aktivist ausgezeichnet. Ich bekomme 600 Mark und eine Blechmedaille. Immerhin genug Geld, um eine ordentliche Party zu schmeißen. Die C-Schicht kauft ein paar Fässer Bier und brät zwei Schweine am Spieß. Ein Discjockey macht Musik, die Schichtmitarbeiter bringen ihre Familien mit – die Schweinefete ist geboren. Von jetzt ab wird die C-Schicht jedes Jahr einmal eine Schweinefete abhalten.

Die Schichtmitglieder rücken näher zusammen, die Leistungen des Kollektivs werden noch besser. Bald bildet sich die C-Schicht etwas darauf ein, die beste Schicht im Kraftwerk zu sein. Vielleicht stimmt es ja auch ein bisschen, jedenfalls gewinnen sie regelmäßig den Schichtwettbewerb, was ihnen den erbitterten Neid aller anderen Schichten einträgt. Es dauert nicht lange, bis auch andere Schichten es uns nachtun und auch Schweinefeten abhalten. Aber keine nachgemachte Schweinefete ist so zünftig wie die der C-Schicht.

Ich habe immer noch nicht geschnallt, dass ich der größte Idiot der DDR bin. Ich habe zweimal dafür gesorgt, dass die Berliner Mauer nicht im Dunkeln steht“.

Hier der Link zu einer Sendung des NDR zum Schneewinter 1978/1979 mit einem Interview des Autors dieses Beitrages, Manfred Haferburg. 

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem spannenden Roman Wohn-Haft“, der bei KUUUK nun endlich auch als Taschenbuch erschienen ist.

Der Beitrag erschien zuerst bei ACHGUT hier