Woher kommt der Strom? permanente Minderstromerzeugung

Ein Hamster-Kraftwerk. Deutschlands Zukunft? Th. Reinhardt / pixelio.de, Hamster im Rad, verändert

von Rüdiger Stobbe

Der Vorteil einer gewollten und seit Mai praktisch permanenten Minderstromerzeugung, bezogen auf Deutschlands Strombedarf, ergibt sich aus zwei Aspekten. Der importierte Strom kann bei der Herstellung so viel CO2 verursacht haben, wie er will, es kann so viel Atomstrom sein, wie nötig: Deutschland wird damit nicht in Verbindung gebracht. Hinzu kommt, dass der Preis, der für den importierten Strom gezahlt werden muss, in der Regel unter der Rentabilitätsgrenze von 40 €/MWh liegt. Erst ab diesem Preis lohnt es sich für Kohlekraftwerke überhaupt, Strom zu produzieren.

Ein Kraftwerk-Insider berichtet: “Die Einschläge häufen sich”.

Wobei ich noch mal ausdrücklich betonen möchte, dass ich hier nicht beurteilen will, ob die Preise wirklich günstig sind. Kraftwerke, die keinen Strom produzieren, haben außer in der Ersparnis von Brennstoffkosten/CO2-Zertifikate keinen Vorteil. Der laufende Betrieb geht weiter, die Kosten dafür entstehen auch, wenn eben kein Strom produziert wird. Was allerdings bei Stromerzeugern mittels fossiler Energieträger nicht anfällt, sind die Kosten für die CO2-Zertifikate. Die tragen die ausländischen Stromproduzenten, deren Strom Deutschland importiert.

Die Tabelle mit den Werten der Energy-Charts und der daraus generierte Chart ergänzen die Analyse. Die Charts mit dem Import/Export der 20. Woche und des aufgelaufenen Jahres 2020 belegen, dass Deutschland in erster Linie Strom aus Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und Dänemark importiert. Es ist alles dabei: Strom aus Kernkraft, Kohle- und Gasstrom, Strom aus erneuerbaren Energieträgern. Wobei bemerkenswert ist, dass der Anteil des Stroms aus Kernkraft am Strommix der Schweiz und Frankreich wesentlich höher ist als der Deutschlands. Die Niederlande beziehen ihren Strom vor allem aus der Verstromung von selbst im Land gefördertem Gas, welches noch Hauptenergieträger des Landes ist. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern, weil die Gasförderung wohl erhebliche tektonische Probleme bereitet.

Die Tagesanalysen

Sonntag, 10.5.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 64,21 Prozent, davon Windstrom 26,32 Prozent, Sonnenstrom 18,85 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 18,95 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Der tiefste Preis des Tages ergibt sich, als Deutschland das bisschen an Strom, welches über die Mittagsspitze überschüssig ist, exportieren muss. Ansonsten zieht die Windstromerzeugung an, was am Montag, zu einem Windstrombuckel führt.

Montag, 27.4.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 72,44 Prozent, davon Windstrom 51,18 Prozent, Sonnenstrom 7,09 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 14,17 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Die Entwicklung zum bereits erwähnten Windstrombuckel führt in der Nacht zum Montag zu Strompreisen nahe Null. Deutschland verfügt im Zeitraum von 00:00 bis 4:00 per Saldo über etwas zu viel Strom, den es praktisch verschenken muss. Den Rest des Tages importiert Deutschland Strom zu Preisen zwischen 8 und 25 €/MWh.

Dienstag, 12.5.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 59,84 Prozentdavon Windstrom 24,59 Prozent, Sonnenstrom 19,67 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 15,57 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Mit dem Abbau des Windstrombuckels kehrt die nahezu vollständige Stromunterdeckung wieder ein. Über die Mittagsspitze sind Stromimport/Stromexport nahezu ausgeglichen. Um 7:00 gibt es mit gut 33 €/MWh eine Preisspitze. Ansonsten liegt der Importpreis zwischen 17 und 29 €/MWh.

Mittwoch, 13.5.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 45,69 Prozent, davon Windstrom 15,52 Prozent, Sonnenstrom 13,79 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 16,38 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Relativ schwache Stromerzeugung durch regenerative Energieträger. Die Wind- und Sonnenstromerzeugung schwächelt. Der Importstrompreis zieht an. Frankreich und die Schweiz liefern den meisten Strom.

 Donnerstag, 14.5.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 50,86 Prozent, davon Windstrom 18,10 Prozent, Sonnenstrom 16,38 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 16,38 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Heute liefern die Niederlande einen Großteil des Stroms, den Deutschland benötigt, um die Nachfrage zu befriedigen. Natürlich sind die Schweiz, Dänemark und Frankreich ebenfalls dabei. Österreich und Tschechien machen kleine, aber feine Preisdifferenzgeschäfte.

Freitag, den 15.5.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 61,61 Prozent, davon Windstrom 26,79 Prozent, Sonnenstrom 18,75 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 16,07 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Heute führt etwas mehr Windstrom zu einer Erzeugungskante über die Mittagszeit. Am Morgen und Abend gibt es Preisspitzen. Stromlieferanten für Deutschland: Wie gehabt.

Samstag, 16.5.2020: Anteil Erneuerbare an der Gesamtstromerzeugung 69,16 Prozent, davon Windstrom 27,10 Prozent, Sonnenstrom 25,23 Prozent, Strom Biomasse/Wasserkraft 16,82 Prozent. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Wochenende: Relativ wenig Strombedarf, leichter Wind und viel Sonne bedeuten viel Strom über die Mittagszeit. Strom, der um die 8–10 €/MWh exportiert wird. Morgens und abends wird Strom benötigt. Da werden höhere Preise aufgerufen.

Der Stillstand, wenn nicht das Ende der Energiewende

Es war nicht das große Thema in den Medien. Es war nur eine kleine EEG-Novelle, die beschlossen wurde. Der Auszug aus der Zusammenfassung der Bundestagsverwaltung zur Debatte vom 14.5.2020 belegt, wie komplex das EEG mittlerweile geworden ist:

Mit der Annahme des Koalitionsentwurfs (19/18964) werden das Privileg für Bürgerenergiegesellschaften, ohne immissionsschutzrechtliche Genehmigung an den Ausschreibungen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz 2017 teilnehmen zu dürfen, sowie die darauf aufbauenden Regelungen dauerhaft gestrichen. Im Übrigen bleibt die Bürgerenergie mit ihren Regelungen (etwa das sogenannte Einheitspreisverfahren) unverändert. Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie wird es im Antragsverfahren 2020 für die Besondere Ausgleichsregelung ermöglicht, die Wirtschaftsprüferbescheinigung und das Zertifikat zur Energieeffizienz bis 30. November 2020 nachzureichen. […] Die Grünen wollten mit ihrem Änderungsantrag (19/19215) den sogenannten 52-Gigawatt-Deckel ersatzlos streichen, um den aus ihrer Sicht absehbaren Markteinbruch bei der Neuinstallation von Fotovoltaik im Segment bis 750 Kilowatt-Peak abzuwenden. Dies hätte zur Folge gehabt, dass die Regelungen des EEG unverändert weitergelten und eine Vergütung nach dem EEG für Fotovoltaik-Anlagen im Segment bis 750 Kilowatt-Peak, die nicht an einer Ausschreibung teilnehmen, weiterhin in Anspruch genommen werden können. Quelle: Hier klicken.

Die Ablehnung bzw. die Verzögerung (Versprochen für den Herbst!) des Wegfalls Förderdeckel Photovoltaik zeigt hingegen noch etwas. Der Bundestag räumt nicht bedenkenlos alle Hindernisse in Sachen Begünstigung erneuerbarer Energieträger weg. Was die Verfechter der Energiewende selbstverständlich zum Kochen bringt. Keine Förderung in Sachen Photovoltaik bedeutet den Einbruch des weiteren Ausbaus nicht nur wie bereits der Windkraft, sondern nun auch noch von Photovoltaikanlagen. Was praktisch den Stillstand, wenn nicht gar das Ende der Energiewende bedeutet. Denn ob im Herbst der Förderdeckel fällt, ist angesichts der katastrophalen Gesamtwirtschaftslage wegen der Lockdown-Maßnahmen mehr als fraglich.

Ordnen Sie Deutschlands CO2-Ausstoß in den Weltmaßstab ein. Zum interaktiven CO2-Rechner: Hier klicken. Noch Fragen?

Ergänzungen? Fehler entdeckt? Bitte Leserpost schreiben! Oder direkt an mich persönlich: stromwoher@mediagnose.de. Alle Berechnungen und Schätzungen durch Rüdiger Stobbe nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr. Die bisherigen Artikel der Kolumne Woher kommt der Strom? mit jeweils einer kurzen Inhaltserläuterung finden Sie hier.

Zuerst erschienen bei der Achse des Guten; mit freundlicher Genehmigung.

Rüdiger Stobbe betreibt seit vier Jahren den Politikblog  www.mediagnose.de

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12 Kommentare

  1. Die Erdgasfrörderung in NL können wir de facto vergessen. Es gibt unterschiedliche Meldungen, auch aus NL. Es ist die Rede deavon, dass bereits im Jan 2018 die Förderung gedrosselt wurde. Hier zwei links zu deutschen Meldungen: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/niederlande-erdgas-foerderung-ende-1.4596360
    und
    https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-05/niederlande-lieferant-erdgas-deutschland-preissteigerung
    In Rotterdam steht das (grösste europäische) LNG-Terminal, die USA wird´s freuen. Mit diesen wenigen Fakten gewinnt der Streit um Northstream2 eine andere Bedeutung.
    Zum Import aus CH sollte man an die abschmelzenden Gletscher denken: Wasserkraft ist nicht unendlich; CH hat nicht zuletzt deshalb der Laufzeitverlängerung der KKW zugestimmt.
    Import aus F wird zweifelhaft.Die Flüsse liefern seit Jahren auch im Winter geringere Wassermengen, die Leistung der KKW muss reduziert werden. Fessenheim ist abgeschaltet, und an immer mehr Standorten findet man Windräder- F will dem deutschen Irrweg folgen.

  2. Ich komme fast täglich an einem Wald von hunderten Windrädern vorbei. Gefühlt habe ich den Eindruck, das sie immer öfter wegen Flaute oder Nichtabnahme von Strom den halben Tag stillstehen. Verbunden meist mit Windrichtungsänderungen zwischen West- und Nordost bzw. Ostwind. Erzeugt die Klimaänderung hier vielleicht zunehmend Flauten ? Was sagen die Experten dazu, wie sieht die Statistik aus ?

    • Wenn man die üblicherweise gleichzeitigen Exporte (=Verklappung ins Ausland) abzieht, bleiben noch etwa 5% übrig, die auch in Deutschland verbraucht werden!
      Habe ich vor ein paar Jahren eine Weile anhand der stundengenauen Daten vom Fraunhofer ISE (sicher unverdächtig) verfolgt.

      Wenn man die Verklappung richtig in die Bilanz einbezieht, dann zahlen wir etwa 2€ (ja, richtig 200ct) pro in Deutschland verbrauchtem (guten grünen) Strom!!!!

      Das muß uns die Weltrettung doch wert sein.

      • @Paul Höß
        „Wenn man die üblicherweise gleichzeitigen Exporte (=Verklappung ins Ausland) abzieht, bleiben noch etwa 5% übrig, die auch in Deutschland verbraucht werden!“

        Nur dumm Herr Paul Höß wir haben in der 20.KW keinen Exportüberschuss in das Ausland geliefert, wir haben in der 20.KW ca. 0,45TWh importiert.
        Die 61% Wöchentlicher Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland sind immer gerechnet ohne Import oder Exportsalto ist das was in Deutschland erzeugt wurde.

        • Herr Groegen,

          wenn Deutschland jetzt ueber Stromimporte seinen Bedarf decken muss, heisst das, das wir in eine Abhaengigikeit geraten sind, durch abschalten von Gundlastkraftwerken, die Deutschland und seinen Steuerzahler teuer zu stehen kommt.

          • Werner Schulz
            1. Juni 2020 um 18:37
            „wenn Deutschland jetzt ueber Stromimporte seinen Bedarf decken muss, heisst das, das wir in eine Abhaengigikeit geraten“

            Grob gesagt hat Deutschland vor den EEG auch nicht seinen Bedarf decken können und ist abhängig von Stromimporten gewesen.
            Betrachten Sie mal die Zahl von 1990 da hatten wir einen Nettostromimport und auch 1995 und auch 2000 noch.
            https://t1p.de/i4tu

          • Herr Landmann,

            https://de.statista.com/statistik/daten/studie/153533/umfrage/stromimportsaldo-von-deutschland-seit-1990/

            Das war nicht so ausufernd wie die Exporte, die wir heutzutage sehen. Die Zahlen bis 2002 zeugen von einem ausgewogenen Stromnetz.

            Was Herr Groegen betont ist ein Zeichen wie unbestaendig der Strommarkt in Deutschland geworden ist. Als Nettoexportland sollte man denken, das wir den Ueberschuss staendig haben. Aber Herr Groegen dokumentiert, dass das in der 20 KW nicht der Fall war.
            Diese Fluktuationen treiben uns in eine ungesunde Abhaengikeit. Aber das werden sie sicher nicht so sehen.

            mfg Werner

        • An
          Gerhard Grögen am 31. Mai 2020 um 19:15

          Können Sie lesen?

          Einen ExportÜBERSCHUSS zu betrachten ist absolut sinnlos und beweist nur, daß einer absolut keine Ahnung hat.

          Export und Import finden immer zu unterschiedlichen Tageszeiten statt, was beweist, daß der Strom zu 90% ins Ausland verklappt wird. Man muß nur vom erzeugten Wind- und Sonnenstrom die Exporte abziehen, schon hat man das traurige Ergebnis.

          Dann zahlen wir etwa 2€ (ja, richtig 200ct) pro kWh für die 10% des insgesamt in Deutschland erzeugten, aber nicht hier verbrauchten, (guten grünen) Stroms!!!!

          Können Sie lesen?

          In meiner Dropbox finden sie die Daten von 2014,
          Fhg ISE hat inzwischen die Darstellung so geändert, daß es nicht mehr so leicht erkennbar ist.

          Man will hat das Erkennen der Wahrheit möglichst erschweren.
          https://www.dropbox.com/sh/msj056s52o6e64i/AABf2prz1cNBWXJhrRpSFmIJa/2015-01-07%20Fraunhofer%20ISE%20Stromproduktion%202014%20Stromerzeugung_2014_c-1.pdf?dl=0

          Ihren GLAUBEN kann ich nicht beeinflussen, Denken ist out.

  3. „Die Ablehnung bzw. die Verzögerung (Versprochen für den Herbst!) des Wegfalls Förderdeckel Photovoltaik zeigt hingegen noch etwas.“
    Ist es tatsächlich vorstellbar, dass unsere Politiker angesichts des grünen „Klima-Weltuntergangs“ und der deutschen „Klima-Weltrettung“ standhaft bleiben? Wo doch Katastrophen-Ursula, unsere ultragrüne EU-Klima-Kampfhenne, stets im Profilierungs-Wettkampf mit Greta und den Grünen, bereits höhere CO2-Steuern wegen Covid-19 fordert?

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