Wurde schon 1912 vor dem schlimmen Klima­wandel gewarnt? Ein Zeitungs­artikel, doch zwei Interpre­tationen

Die Zeitung aus dem Jahr 1911. Bild: Autor

Helmut Kuntz
Zeitungen lassen ihre Redakteure gerne Kommentare schreiben. Oft handeln diese über das sich ständig wandelnde Klima. Inzwischen häufiger auch darüber, dass neben den vielen drängenden Problemen, der Klimakrieg keinesfalls vernachlässigt werden darf, da er DAS (schlimmste) Problem für die künftigen Generationen sein wird.
Und ab und zu wird solches dann mit Belegen untermauert.

Schon 1912 warnte ein Zeitungsartikel vor den Folgen der Kohleverbrennung für die Atmosphäre

Das stand kürzlich in der Überschrift zu einem Leitkommentar der Tageszeitung des Autors. Das widerspricht dem, was der Autor bisher über Aussagen zum Klimawandel aus diesem Zeitraum kannte. Und so machte ersich auf, darüber die Wahrheit herauszufinden.

Er mailte dazu an den Redakteur und bat um Nennung der Quelle:
Leitkommentar „Corona und das Klima“
… In dem Artikel steht: „Schon 1912 wurde in Zeitungsartikeln vor den Folgen der Kohleverbrennung für die Atmosphäre gewarnt“
Mir ist solches nicht bekannt. Bekannt ist mir lediglich, dass Arrhenius (der Entdecker eines möglichen CO
2-Effektes auf das Strahlungsband) und ein Zeitgenosse damals auf den Segen eines solchen Einflusses und der Erwärmung hinwiesen und deshalb für eine Verstärkung der CO2-Emission eintraten, anbei meine Information darüber:

Bild 1 Zur Anfrage zugefügte Information zur Darstellung des Klimawandels Anfang des 18. Jahrhunderts (aus einem Foliensatz des Autors)

Deshalb die Nachfrage, in welchem Artikel und mit welchem Inhalt 1912 das Gegenteil publiziert wurde.

Eine freundliche Antwort kam (gekürzt):
… vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir freuen uns immer über Reaktionen auf unsere Berichterstattung, gerne auch kritische.
Über den von mir zitierten Zeitungsartikel von 1912 ist in den vergangenen Jahren schon immer mal wieder berichtet worden. Eine aus meiner Sicht ganz gute Zusammenfassung finden Sie unter folgendem Link auf das Online-Portal der Kollegen von Business Insider, übrigens ein bewusst wirtschaftsfreundliches Magazin:
https://www.businessinsider.de/wissenschaft/zeitungsartikel-von-1912-heute-wahr-2018-9/
……

Das wurde 1912 publiziert

Der direkte Link führt zu einer damaligen Zeitungsseite mit einer kurzen Meldung und als Kommentar dieser Homepage dazu einer Erklärung:
Busines Insider: Vor 106 Jahren wurde in einem Zeitungsartikel eine erschreckende Vorhersage gemacht, die sich längst bewahrheitet hat
… Am 14. August 1912 druckte eine Zeitung namens „The Rodney and Otamatea Times, Waitemata and Kaipara Gazette“ einen weitblickenden Artikel in der Rubrik „Wissenschaft“.
Die kurze Meldung warnte davor,
dass sich aufgrund der steigenden Nutzung fossiler Brennstoffe durch die Industrienationen die Erdatmosphäre verändern werde. „Kohleverbrauch verändert Klima“, lautete die kleine Zeile.

Als Beleg findet sich die besagte Zeitungsinfo aus dem Jahr 1912:

Bild 2 Zeitungsinformation aus dem Jahr 1912 bei „Business Insider“ Mit der folgenden Übersetzung:

Die Brennöfen der Welt verbrennen heute im Schnitt 2.000.000.000 Tonnen Kohle pro Jahr. Wenn sie bei der Verbrennung mit Sauerstoff reagiert, entstehen etwa 7.000.000.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid, die jährlich in die Atmosphäre entweichen. So wird die Luft zu einer effektiveren Decke für die Erde und erwärmt sie. Die Auswirkungen könnten in einigen Jahrhunderten immens sein.“

Es fällt auf, dass dieser kurze Artikel keinerlei Hintergrund benennt und seine kurze Aussage einfach so im Raum stehen lässt. Er auch gar nicht sagt, dass der Einfluss negativ gesehen wird (wie es die Homepage interpretiert).

Das kann nur bedeuten, dass davon ausgegangen wird, die Leser kennen den Hintergrund.

Und welchen die Leser damals kannten, erfährt man über einen weiteren Link.
Ein Artikel der Zeitschrift „Popular Mechanics Magazine“ (PMM) vom März 1912 Link beschreibt es:

Bild 3 Titel des PPM-Artikels von 1912

Was steht im Artikel des „Popular Mechanics Magazine“ von 1912

Die Einleitung ist eine lange Darstellung schlimmer Wetterereignisse – absolut vergleichbar den derzeitigen.


PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 3 Schlimme Wetter-Extremereignisse geschehen

Anmerkung: Damals gab es extreme Wetterkapriolen, wie verschiedene Hinterlegungen zeigen:
WIKIPEDIA 1912 United States cold wave
The 1912 United States cold wave was one of the coldest periods since 1870 in the northern United States, according to the U.S. National Weather Service. The cold wave started in November 1911 and finally ended in March 1912, with periodic interruptions by milder temperatures.
In the contiguous U.S., the average daily maximum temperature for 1912 was 61.97 °F (16.65 °C), which is the lowest ever recorded from 1895 through 2017. The year’s average daily temperature for the contiguous U.S. was 50.23°F (10.13°C), which is the second-lowest ever recorded during those years and slightly milder than 1917’s 50.06°F (10.03°C).

kaltesonne: … Tatsache ist aber, dass es sich bei dem Jahr 1911 tatsächlich um ein extrem heißes trockenes Jahr gehandelt hat. Eine Wetterstatistik bezeichnet es als das wärmste Jahr ab 1874 bis 1946. Schon im März wurden 25° C gemessen Im Juli waren es in Berlin schon 34 ° C und in Jena 39 °C. In Zürich wurden 42 Tage mit über 30 °C registriert. Am 28. Juni wurde in Berlin die Sitzung des preußischen Landtages wegen der Hitze abgesagt. Auch weite Teile der USA waren von dieser Hitzewelle betroffen. Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft waren erheblich, aber  nicht so schlimm wie die im folgenden Jahr, dem s. g. Flutjahr. In 1912 regnete es vom 1. August bis Ende September fast täglich. Flüsse traten über die Ufer und die Ernte verdarb auf den Feldern, so dass auch jetzt noch Hunger und Teuerung herrschte …

Bild 3 Extremereignisse zur damaligen Zeit. Quelle: Internet-Vademecum und 3. 1. 9 Klima Berichte / Climate Reports


PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 4 So wurde das Wettergeschehen damals eingeordnet. „Es gibt keine klaren Hinweise, dass ein Trend zu wärmerem Klima vorliegen würde … Die mittlere Temperatur von 1911 ist gleich wie die von 1878 … “.

Damals war es kalt und die Extremwetter wurden der herrschenden Kälte als Ursache zugeordnet.


PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 5 Der Artikel erinnert daran, dass die Wetterereignisse im Klimavergleich nicht außergewöhnlich sind.


PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 6 Erklärung zu den Wetter-Extremereignissen und was daraus für die Zukunft abgeleitet werden kann: Wenn, dann eine ganz langsame Veränderung über tausende von Jahren.


PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 7 Hinweis, dass die Spitze der aktuellen Warmzeit wahrscheinlich noch nicht erreicht ist und es ganz langsam noch wärmer werden wird, allerdings erst über den Zeitraum mehrerer Tausend Jahre – unterbrochen durch kleine Schwankungen –, ergänzt mit dem Hinweis, dass danach eine neue Eiszeit kommt.


PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 8 Information über die Entdeckung von Arrhenius zum möglichen Einfluss von atmosphärischem CO2 (sofern der Anteil „zwei- bis drei Mal dem aktuellen entspricht) auf die globale Wärme.


PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 9 Fragestellung, ob der bisherige, anthropogene CO2-Eintrag einen Einfluss auf die Globaltemperatur hat, zum Schluss mit der ergänzenden Fragestellung, ob es nicht vielleicht wesentliche (natürliche) Vorgänge gibt, welche den (begrüßten, da wärmenden) CO2-Eintrag (unglücklicherweise) aus der Atmosphäre entfernen könnten.

PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 10 Der Hinweis, dass die aktuelle CO2-Emission so groß ist, dass sie eine Klimaauswirkung hat

PPM-Artikel von 1912, Ausschnitt 11 Am Schluss beglückwünscht der Artikel die Kohleminenarbeiter, dass sie durch ihre Kohleexploration mithelfen, den CO2-Eintrag so zu erhöhen, dass spätere Generationen ein milderes und sonnigeres Klima haben werden.

Das war der Text. Und was wollte uns dieser sagen?

Abschließend könnte man wohl davon ausgehen, dass dieser Artikel damals die Möglichkeit, durch anthropogene CO2-Emission die herrschende Kälte für kommende Generationen erwärmen zu können, begrüßt hat und auf keinen Fall für die Argumentation taugt: „Schon 1912 wurde in Zeitungsartikeln vor den Folgen der Kohleverbrennung für die Atmosphäre gewarnt“

Über diese „Befundung“ wurde der Redakteur informiert. Und es kam eine Antwort:
Der kurze Zeitungsartikel von 1912 stellt erst einmal fest, dass die Verbrennung von Kohle Folgen für die Erdatmosphäre hat, die immens sein können. Dass damit allerdings positive Folgen gemeint sind, ist allein Ihre Interpretation. Auf Basis dieser Ihrer eigenen Interpretation zu behaupten, alle heutigen Medien würden die damalige Aussage ins Gegenteil verdrehen, ist, verzeihen Sie, zumindest mutig und zeugt von einem vitalen Selbstbewusstsein

(Klima-)Theologie

Und damit liegt der Fall wie man ihn typisch von der Theologie kennt. Der Laie interpretiert die Texte linear, der Theologe macht eine Exegese. Die Ergebnisse könnten nicht unterschiedlicher sein.

Um den Versuch zu starten, es wenigstens in diesem Fall zu klären, anbei die Aufforderung an Leser mit guten Englischkenntnissen und etwas Engagement, den Artikel zu lesen und im Blog (möglichst kommentiert) zu hinterlegen, ob der Artikel die mögliche Erwärmung durch anthropogenes CO2 wie vom Autor angenommen begrüßt, oder ob er doch ein Beleg für eine schon 1912 publizierte Warnung vor der durch vom Menschen verursachten CO2-Emission ist.

Quellen

[1] Zeitungsartikel: PPM-Artikel, Remarkable Weather of 1912

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8 Kommentare

  1. Da hat ein typischer dummer und/oder angepasster Rotgrün-Scheuklappen-Redakteur geantwortet. Diese Art von Anpassungs- und Abschaum-Journalismus, der die Pressefreiheit schon lange ad absurdum führt, ist charakteristisch für unsere Schleimspurmedien. Der antwortende Redakteur möge sich schämen bis in die Steinzeit, aber wahrscheinlich darf er nicht anders…
    Die Artikel dokumentieren nur eines, was damals anscheinend besser erkannt wurde als heute in Zeiten der Klima-Totalverblödung: Das Wetter neigt zu Kapriolen!

  2. Das ist doch ganz einfach?!
    Wenn 1912 gesagt wurde, dass die Kohleverbrennung enorme Auswirkungen hat,
    dann wird es als wahr angenommen.
    Denn heute ist das CO2 ganz böse und das passt in den Klimakatastophenrahmen.
    Wenn dann gesagt wird, dass man sich später darüber freuen kann, dass es warm und mild wird, so wird dies als Beleg genommen, dass die Erde heute „überhitzt“.
    Denn das passt auch in den Klimakatastophenrahmen.
    Damals waren die eben bloß zu blöd, das mit der Überhitzung nicht zu sehen. Die freuten sich halt falsch, weil die Klimaexperten es doch jetzt ganz richtig wissen. Von der starken „Hitze“, die uns derzeit schon richtig röstet wussten die armen Tölpel mit ihrer Kaltzeit doch nichts.

    Beste Grüße.

  3. Es ist schon interessant, welche komplexen Gedankengänge in einer Handwerkerzeitung zu finden sind. Dem Mechaniker kann es doch egal sein. Beim Treibhauseffekt gibt’s etwas Quantenmechanik.

  4. „Dass damit allerdings positive Folgen gemeint sind, ist allein Ihre Interpretation.“

    Vielleicht sollte man dem Redakteur in Ermangelung seiner Englisch-Kenntnisse einmal empfehlen, seinen Lehrer zu befragen, wie er denn den Satz „… in the earth’s atmosphere so that men in generation to come shall enjoy milder breezes and live under sunnier skies“ übersetzen würde.

    Vielleicht meint der Redakteur ja „enjoy“ heißt frei nach Greta „Panik haben vor etwas“, anders ist die arrogante und äußerst dumme Antwort nicht zu interpretieren.

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