Der deutsche Urwald

Youtube, Achgut Pogo

von Henryk M Broder

Der deutsche Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Gerd Müller – nicht zu verwechseln mit dem Fußballer gleichen Namens – hat Brasilien bereist und noch vor Ort an die brasilianische Regierung appelliert, „neue Rodungen im Amazonas-Regenwald zu stoppen“, das „sei zentral für den weltweiten Klimaschutz“, so hieß es in der Tagesschau, die ein Team mit auf die Reise in den Regenwald geschickt hatte.

Anders als der deutsche Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit will der brasilianische Ministerpräsident, der – wie es wenig später hieß – der Agrarlobby nahesteht, „weitere Rodungen aus wirtschaftlichen Gründen zulassen“, um Platz für Ackerbauern und Rinderzüchter zu schaffen. Damit ist der deutsche Minister gar nicht einverstanden, denn Deutschland investiert bereits „für den Schutz des Urwalds und indigener Völker“.

Man könnte sagen: So wie die deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, so schützt Deutschland auch das Weltklima am Amazonas. „Der Regenwald ist von herausragender Bedeutung für den Erhalt der Biodiversität und insbesondere des Weltklimas“, sagt der Minister.

Entwaldungsfreie Lieferketten für Soja

Deswegen fordert Müller einen „nachhaltigen Handel, besonders bei Soja“, beim Handel mit Brasilien und anderen südamerikanischen Staaten werde es „darum gehen, entwaldungsfreie Lieferketten zu vereinbaren; der Druck von Sojaanbau und Rinderhaltung darf nicht weiter in den tropischen Regenwald hineingetrieben werden“.

Unter normalen Umständen würde man eine solche Stellungnahme eines deutschen Ministers als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates ansehen. Aber die Umstände sind eben nicht normal.

Richtete sich der deutsche Ehrgeiz mal darauf, im Handel „Exportweltmeister“ und im Fußball „Weltmeister der Herzen“ zu sein, so will man heute eine „Führungsrolle“ beim Klimaschutz und bei der Aufnahme von Flüchtlingen übernehmen. Kein Politiker sagt zwar „Germany first“, aber genau das ist gemeint, wenn von einer „Führungsrolle“ die Rede ist. Mit weniger geben sich deutsche Politiker nicht zufrieden.

Mögen daheim Wälder für den Anbau von Windrädern geopfert und tausende von Vögeln geschreddert werden, wir schützen den Regenwald am Amazonas und sorgen uns um den Lebensraum der Eisbären in der Arktis.

Mit Dank an Henryk M. Broder – zuerst erschienen bei der Achse des Guten und der Zürcher Weltwoche.

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21 Kommentare

  1. Europa hat 99,7% seiner Naturwälder abgeholzt und danach im Lauf der Jahrhunderte auf knapp einem Drittel seiner Fläche wieder mehrfach aufgeforstet. Der Rest der Landfläche wurde dauerhaft in Acker- und Grünland verwandelt. Obwohl es z.B. im Schwarzwald kein Fleckchen unberührte Erde mehr gibt, genießen hunderttausende Erholungssuchende jedes Jahr die wunderschöne und artenreiche Kulturlandschaft dort als Teil der Natur.

    Südamerika dagegen ist der waldreichste Kontinent überhaupt. Er hat eine Waldbedeckung von rund 47%. Den weitaus größten Anteil daran haben Naturwälder. Trotz anhaltender Rodungen in manchen Gebieten hat die Waldbedeckung in den letzten beiden Jahrzehnten insgesamt zu- und nicht abgenommen. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/03066150.2014.917371?journalCode=fjps20
    Vor diesem Hintergrund ist das aggressive mediale Dauerfeuer aus den Industrieländern gegen südamerikanische Länder, sie sollen doch bitte den Planeten schützen und Landentwicklung unterlassen, für informierte Beobachter schon sehr befremdlich und klingt heuchlerisch. Oder will man das wirtschaftliche Konkurrenzpotential von Südamerika schwächen, wie das z.B. in diesem Artikel zum Ausdruck kommt?: http://assets.usw.org/our-union/pulp-paper-forestry/farms-here-forests-there-report-5-26-10.pdf

    Mindestens 99% der Nahrungsmittel, die die Menschheit verzehrt, sind nicht im Wald gewachsen und mindestens 80% davon sind auf zuvor gerodeten Flächen erzeugt worden. Wer will es Südamerika verdenken, dass es seine Ressourcen nachhaltig wirtschaftlich nutzt und zwar unter drastischen, gesetzlich vorgeschriebenen Einschränkungen (von denen man in Europa keine Ahnung hat). Im Gegensatz zu den Europäischen Bauern, die mit üppigen Ausgleichszahlungen bedacht werden, erhalten die südamerikanischen Landnutzer keinen Cent Entschädigung für die massiven Landnutzungseinschränkungen, die sie zu beachten haben. Südamerika ist dabei, sich zur „Kornkammer“ der Welt zu entwickeln und dabei noch erhebliche Anteile seiner Naturwälder mit ihrer gesamten Biodiversität zu erhalten.

  2. Der Druck auf den Regenwald verursachen schlußendlich auch die legalen grünen Schnapsbrennereien für „Bio“ Etanol bzw. „Bio“ Diesel.
    Angeblich kann man in Brasilien großflächig schon mit E85 fahren was bei uns der noch kalten Winter wegen nicht funktionieren würde.
    Aber das darf im Gegensatz zur Weidewirschaft natürlich nicht erwähnt werden. Trojanische Pferde entkleidet man eben nicht. So wie unsere Vogelschredder unter denen heute noch der gute alte Adolf Hennicke zu sitzen scheint, kurbelt und sein bestes (schichtweise und Normbrechend), im Kampf gegen den Imerialismus, zu geben scheint.

    Mit freundlichen Grüßen!
    Christian Möser
    Zimmerer

  3. Ich glaube hier können noch alle etwas mit Kolonialismus anfangen.Welches Land hat sich vom den „Kolonialherren“ RICHTIG befreit? Das Plündern geht lustig weiter.Durch neue Abhängigkeit( Weltbank,UN,Globalisierung,zerstörte Infrastruktur,Ausbeutung der Bodenschätze durch die alte Herren,der Einsatz neuer höriger Eliten,usw)werden die Länder in „Knechtschaft“ gehalten .Sollte es einer wagen sich nicht dem unterzuordnen
    ist es TOT.(es sei denn,er hat ein A-Bombe) Wo ist die UN beim UMWELTSCHUTZ?Das wäre der echte Anspruch etwas für den Erdball zu tut.Es geht immer um Gewinn nicht um die Erde.Die Entwicklungshilfe ist auch nur ein Geschäft zu Lasten der Steuerzahler.Hilfe zur Selbsthilfe ist die einzige Art etwas für die Menschen zu tun.Das will aber keiner!

  4. nicht mehr abholzen ?
    die, die Klimaschützer kommen ja fast schnell drauf dass Wälder gut für CO2 Verbrauch sind und Senkung.
    Seit 30 Jahren Erwärmung predigen, CO2 Emissionen bemängeln und dann en masse Wälder abholzen oder brandroden. Und nichts dagegen sagen, auch nicht die klimaschützenden Medien.
    Und wie ist das in Indonesien, Borneo ? wie viele Bäume stehen dort noch ?
    aber Ölpalmen sind anscheinend auch Urwaldbäume.

  5. „Mögen daheim Wälder für den Anbau von Windrädern geopfert und tausende von Vögeln geschreddert werden, wir schützen den Regenwald am Amazonas und sorgen uns um den Lebensraum der Eisbären in der Arktis.“

    Jo, machen wir!
    Jemand muß den Planeten doch retten.
    Und wir Deutsche sind verpflichtet dazu (Hitler, Nazis, Holocaust usw.)
    Und wenn dabei noch ein paar schicke Steuererhöhungen abfallen – auch nicht schlecht…

  6. Es wäre begrüßenswert, wenn eine internationale Allianz zum Schutz der Regenwälder Geld aufbringen könnte, um die weiteren Rodungen für Soja, Palmöl und Rinderzucht zu stoppen (nicht nur in Brasilien). Das funktioniert natürlich nur dann, wenn man den Einheimischen in den betroffenen Ländern Alternativen anbietet. Natürlich kann man von den Geberländern auch erwarten, daß sie keine Wälder mehr roden für Spargelstrom (Raubvögelschredder und Insektenvernichter) ! Da kann man eher der Rodung eines Hambacher Forsts für die Braunkohle zustimmen, denn in den Braunkohlegebieten werden für jeden gefällten Baum mindestens drei neue angepflanzt.

  7. Mehr als 7,5 Milliarden Menschen bewohnen gegenwärtig die 149,4 Millionen km^2 Landfläche der Erde. Zur artgerechten Ernährung haben sie davon dank der Intensivierung der Produktion nur 48,6 Millionen km^2 in landwirtschaftliche Nutzfläche gewandelt. („Bio“ bräuchte mehr, mehr Intensivierung weniger.)

    Noch bedeckt Wald 40 Millionen km^2. – Was auch immer entschieden wird, sollte sich die Weltbevölkerung verdoppeln, wäre der Wald weg. Das wurde offenbar in Brasilien erkannt, oder?

    • @Wolff
      Dann tut es der Zukunft doch sehr gut, dass Sie weder korrekt rechnen können, noch die Zukunft voraussagen.

      • @ Kellermann
        Merke: 1. Die genannten Flächen sind Zitate. 2. Bei meiner Geburt hatte die Erde etwa 2 Milliarden Einwohner. 3. Heute sind es erst 7,6 Milliarden. –
        Wie man erfährt, wächst die Bevölkerung sogar in China weiter an! – Zweifellos ist jedoch CO2 das wesentlich größere Problem, oder habe ich etwas übersehen?????

  8. Sehr geehrter Herr Henryk M. Broder,
    In diesem Fall muss ich Minister Gerd Müller Recht geben, wenn er sagt „Der Regenwald ist von herausragender Bedeutung für den Erhalt der Biodiversität und insbesondere des Weltklimas“. Bei den tropischen Regenwäldern kommt nämlich noch die große Bedeutung für den globalen Wasserhaushalt hinzu. Die Folgen haben sich bereits in Brasilien und in Afrika gezeigt. Die dort entstandenen Dürreperioden sind hauptsächlich auf übermäßige Rodungen in den Regenwäldern zurückzuführen, was eine Verschiebung der Klimazonen zur Folge hatte. Ich möchte hier auch noch ein häufig angeführtes Argument entkräften, dass auf Grund einer Zunahme der globalen „Grünfläche“, was durch Satellitenaufnahmen bestätigt wird, kein negativer Einfluss auf das Klima sein könnte. Dies ist falsch, da Grün nicht gleich Grün ist. Während z.B. vom Regenwald Feuchtigkeit an die Umgebung abgegeben wird, entziehen andererseits Eukalyptus- und Ölpalmplantagen der Umgebung Feuchtigkeit. Recht gebe ich Ihnen dagegen bezüglich Ihrer Kritik an Windkraftanlagen. Nicht nur, dass diese für die Erzeugung der gleichen elektrischen Leistung wie z.B. durch ein Kohlekraftwerk die 100fache Fläche benötigen, so ist außerdem durch wechselnde Windstärken auch keine kontinuierliche Elektrizitätserzeugung durch Windräder möglich – die Gefahr von Blackouts wird dramatisch steigen und wenn die Elektrizitätsversorgung zusammenbricht, wird dies katastrophale Folgen haben. Noch eine Information an einen Simpeldenker in diesem Forum, der mich wegen eines historischen Dokuments angegriffen hatte : Traurigerweise sehen leider auch AGWler wie Prof. Rahmstorf Wälder nur als CO2-Senken. Wenn man Herrn Rahmstorf auf die große Bedeutung der Naturwälder und vor allem der tropischen Regenwälder für den globalen Wasserkreislauf hinweist, werden diese Kommentare nicht einmal in seinem Forum veröffentlicht. Dies deutet darauf hin, dass es Herrn Rahmstorf nicht um den Klimaschutz geht sondern um „Bündnis 90/Die Grünen“ zu protegieren. Aber Simpeldenker begreifen weder die große Bedeutung der Regenwälder für das globale Klima noch die wirklichen politischen Absichten einiger „Klimawissenschaftler“.
    mit freundlichem Gruß
    Horst Denzer

    • Lieber Herr Denzer,
      Warum so kompliziert? – Das ist doch hier die Frage:
      Wollen wir Regenwälder und Artenvielfalt oder exklusiv den homo sapiens, sapiens und sein übriges Rindvieh?
      MfG

    • Sehr geehrter Herr Denzer,

      man muss Herrn Rahmstorf sicher nachsehen, dass er komplexere Zusammenhänge ohne seine wissenschaftliche Beraterin Greta Thunberg nicht durchschauen kann. Dieser Mann versucht Zusammenhänge in Multiparametersystemem immer und immer wieder nur durch Computer-Spiele darzustellen. Er glaubt jedem seiner Programme, auch wenn die Welt sich völlig anders verhält.

      So ist es eben für einen Computer-Spieler am einfachsten, wenn man alle Zusammenhänge und Abhängigkeiten der realen Welt einzig und allein am CO2 festmacht. Vermutlich hat er schon ein Programm, das ihm den weltweiten CO2 Gehalt allein aus den demnächst erzielten CO2-Steuereinnahmen weissagt.

      Wie Sie schon bemerkt haben, Simpeldenker sind eben Simpeldenker!

      • „man muss Herrn Rahmstorf sicher nachsehen, dass er komplexere Zusammenhänge ohne seine wissenschaftliche Beraterin Greta Thunberg nicht durchschauen kann.“

        schön formuliert!

  9. Hat wenigstens der Rückflug funktioniert – nicht daß man für den freundlichen Herrn Müller noch einen Schlafplatz im romantischen Regenwald ordern mußte (ohne die Krokodile zu erschrecken)?

  10. Auf einem deutschen Acker wachsen ca. 8 t Getreide. Auf einem brasilianischen Acker wachsen ca. 2 t Getreide. In Deutschland werden täglich ca. 70 ha bestes Ackerland für Straßen und sonstige Siedlungsmaßnahmen geopfert. Jeder ha wird mit ca. 2 ha Kompensationsfläche ausgeglichen. Macht zusammen 210 ha bestes Ackerland die täglich in Deutschland vernichtet werden. Das fehlende deutsche Getreide muss anderweitig ausgegleichen werden. Macht 840 ha Regenwald die in Brasilien gerodet werden müssen, täglich! Die ersten 280 ha werden für den Luxuskonsum der hauptsächlich in den deutschen Städten lebenden Gutmenschen gerodet. Die anderen 560 ha werden für das gute Gewissen dieser Gutmenschen gerodet.Schließlich werden das ja die Naturschutzgebiete, in denen Biene Maja fröhlich ihren Honig sammeln kann. Ach ist das schön! Was sind wir doch für tolle, gute Mernschen!

    • Wilhelm Gebken
      29. Juli 2019 um 9:25
      „In Deutschland werden täglich ca. 70 ha bestes Ackerland für Straßen und sonstige Siedlungsmaßnahmen geopfert.“

      2 ha Ackerland fallen jeden Tag den Braunkohlebagger zum Opfer.

    • „Schließlich werden das ja die Naturschutzgebiete, in denen Biene Maja fröhlich ihren Honig sammeln kann. Ach ist das schön! Was sind wir doch für tolle, gute Mernschen!“

      Jep, sind wir.
      Leider auch blöd wie 5m Feldweg…

  11. Nüchtern sachliche Anregungen an Brasilien währen da wohl Zielführender.
    Zb. Die besten Acker und Weideböden im Süden des Landes für den
    Biospritunsinn verschwenden.
    Mass Verantwortung und Vernunft in Sache Reproduktion könnte auch nicht
    schaden. Na ja da müsste man eben mit einem gewissen Kleinstaat
    in Europa und seinen Representanten mit etwas mehr Klartext Kommunizieren.

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