Klima: Optimale Betriebstemperatur *

ALEX BAUR, Foto: WELTWOCHE

Alex Baur*
An der Weltklimakonferenz in Polen wird über die Folgen der Erderwärmung debattiert. Für die Schweiz wären diese gemäss einer grossen Studie des Internationalen Währungsfonds positiv: weniger Krankheiten, weniger Heizbedarf, höhere Produktivität.
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Im Jahre des Herrn 1678 legten die Bewohner von Fiesch VS gegenüber dem Papst Innozenz XI. ein Gelübde ab: Sie wollten fortan tugendhaft leben und beten, damit der Aletschgletscher nicht mehr weiterwachsen möge. Ob Gott die Gebete erhörte, ist eine Glaubensfrage, jedenfalls schrumpft der Gletscher seit dem Ende der sogenannten Kleinen Eiszeit (zirka 1850). Heute ist es wieder etwa so warm wie im frühen Mittelalter.

Deshalb kehrten die Fiescher 2012 ihre Bitte an den Papst offiziell um. Seither beten die Walliser, damit der Aletschgletscher wieder wächst.

Was ist die ideale Temperatur? Was bedeutet eine Erwärmung der Erde um zwei oder auch vier Grad, wie es der Weltklimarat bis Ende dieses Jahrhunderts prognostiziert? Die Antwort lautet: Für die Schweiz und die meisten Industrieländer wären die Folgen überwiegend positiv. Das behauptet nicht irgendein Verschwörungstheoretiker. Es ist vielmehr das Fazit einer sehr umfangreichen, bisher kaum beachteten Studie des Internationalen Währungsfond (IWF) im «World Economic Outlook 2017».

Empirisch haben die IWF-Forscher die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsleistung und Durchschnittstemperatur sowie die Auswirkungen von Temperatur- und Niederschlagsänderungen auf das kurz- und mittelfristige Bruttoinlandprodukt analysiert. Erfasst wurden weit über 100 000 Daten aus insgesamt 189 Ländern. Eine der Schlussfolgerungen: Die Produktivität hängt stark von der durchschnittlichen Temperatur ab.

Die ökomonomisch optimale Betriebstemperatur für den Menschen liegt zwischen dreizehn und fünfzehn Grad. Darunter und darüber sinkt im statistischen Mittel der Wohlstand. Die Industrieländer liegen mehrheitlich einige Grad unter diesem Optimum, nämlich im Schnitt bei elf Grad. Ein paar Grad mehr würden insgesamt – nicht nur in Bezug auf die Produktivität – eine eher positive Wirkung zeitigen.

Bessere Gesundheit:

In den kalten Jahreszeiten sterben etwa 20 Prozent mehr Menschen an Infektionskrankheiten als in den heissen. Weltweit fordert die Grippe pro Jahr bis zu 500 000 Opfer. Auch eine Hitzewelle kann zwar zu einer erhöhten Mortalität führen, doch in den kalten Monaten sterben selbst in Südeuropa wesentlich mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als im Sommer.

Höhere Erträge bei der Landwirtschaft:

Der CO2-Gehalt in der Luft wirkt bei vielen Pflanzen als Dünger; längere Vegetationsperioden und höhere Temperaturen wirken sich im Schnitt positiv aus.

Weniger Heizbedarf:

Die Ausgaben für Brennstoffimporte sinken.

Erleichterungen im Strassen- und Flugverkehr:

Weniger Schnee und Eis bedeuten auch weniger Unfälle, neue Schiffsrouten über die Arktis verkürzen Wege.

Steigende Produktivität:

Vor allem Arbeiten im Freien lassen sich bei angenehmen Temperaturen besser erledigen.

Zwar hätte eine Erwärmung auch negative Effekte. So könnte ein prognostizierter Anstieg des Meeresspiegels um 0,6 Meter die Küstenbewohner vor gewaltige Herausforderungen stellen. Mögliche Wetterextreme – starke Regen wie Dürre – würden sich negativ auf die Landwirtschaft auswirken und könnten Waldbrände begünstigen. Hitzeperioden könnten zu Mehrkosten für Klimaanlagen führen. Doch selbst bei Berücksichtigung all dieser Faktoren wäre die Bilanz gemäss der IWF-Studie aus ökonomischer Sicht positiv.

Anders sieht es für die Schwellen- und Entwicklungsländer aus, wo die meisten Menschen bei einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von 25 Grad leben. Ein weiterer Anstieg könnte hier schlechte bis katastrophale Auswirkungen haben. Allerdings nicht in jedem Fall. Das tropische Singapur beispielsweise, wo im Jahresschnitt 26 Grad gemessen werden, weist nach Japan eine der weltweit höchsten Lebenserwartungen aus. Aber die Bewohner in den meisten anderen Regionen dieser Klimazone sind arm. Für sie bringt die Klimaerwärmung Nachteile.

Nach den Berechnungen des IWF würde in den Industrieländern mit jedem Grad Temperaturanstieg die Wirtschaftsleistung mit einer Zeitverzögerung von sieben Jahren um rund 0,5 Prozent steigen. Die Schwellen- und Entwicklungsländer dagegen würden im Mittel zwischen 0,5 und 1,5 Prozent verlieren. In absoluten Zahlen ergibt das zwar Milliardenbeträge. Wenn man aber berücksichtigt, dass sich diese prognostizierten Gewinne oder Verluste bis ins Jahr 2100 über 82 Jahre verteilen, kommt man auf einen Wert von jährlich unter 0,1 Prozent – ein Grösse, die in einem kaum mehr messbaren statistischen Streubereich liegt.

Schwer lösbares Dilemma

Das wirtschaftliche Wachstum ist und bleibt der entscheidende Faktor für die Lebenserwartung und Lebensqualität in den Schwellen- und Entwicklungsländern, wie das Beispiel Singapur zeigt; die Klimaerwärmung hat darauf einen marginalen Einfluss. Wachstum führt aber unweigerlich zu einem erhöhten Energiebedarf. Fahrzeuge, Spitäler, Fabriken, Computer, Eisenbahnen oder TV-Geräte funktionieren nicht ohne Treibstoff oder Strom. Und es ist auch klar, dass arme Länder scharf rechnen und stets die preisgünstige Energie wählen. Und das sind immer noch Kohle und Erdöl. Umweltschutz muss man sich erst leisten können.

Geht man davon aus, dass der Mensch tatsächlich in der Lage ist, die Temperatur auf der Erde zu beeinflussen, stehen wir vor einem fast unlösbaren Dilemma. Wenn es das Ziel ist, möglichst vielen Menschen ein möglichst sorgenfreies und langes Leben zu gewähren, darf man ihnen den Zugang zu günstiger Energie nicht verwehren. Dies hat aber eine Zunahme von Treibhausgasen wie CO2 zur Folge. Einige Schwellenländer suchen den Ausweg mit eigener Kraft in der weitgehend CO2-freien und relativ günstigen Kernenergie, andere setzen auf Transferzahlungen aus dem Norden.

China hat dieses Jahr sein 39. Kernkraftwerk (4,7 Jahre Bauzeit) in Betrieb genommen, neunzehn weitere Meiler befinden sich zurzeit im Bau. Bis 2030 will das Reich der Mitte über hundert Atomkraftwerke (mit insgesamt 130 GW Leistung) in Betrieb haben. In Indien sind zwanzig neue Kernreaktoren geplant, sechs davon befinden sich im Bau. Die Deutschen und die Schweizer motten derweil ihre Kernreaktoren ein. Sie setzen, wie ihre Urahnen im Mittelalter, auf Sonne, Wind und Biomasse – und hoffen darauf, dereinst eine Technologie zu finden, mit der sich der unstete Flatterstrom in nützlichen Mengen speichern lässt.

Es würde sicher nichts schaden, wenn der Papst dieses physikalische Wunder in seine Gebete

für den Aletschgletscher mit einschliesst.

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)* Anmerkung der EIKE-Redaktion :  Dieser Artikel ist zuerst erschienen in WELTWOCHE Zürich : Optimale Betriebstemperatur |

Die Weltwoche, Ausgabe 49 (2018) | 5. Dezember 2018

http://www.weltwoche.ch/

EIKE dankt der Redaktion der WELTWOCHE und dem Autor Alex Baur für die Gestattung des ungekürzten Nachdrucks.

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7 Kommentare

  1. Alex Baur*: „An der Weltklimakonferenz in Polen wird über die Folgen der Erderwärmung debattiert.“

    Das wäre doch ein schöner Tages-Ordnungspunkt für eine Weltklimakonferenz: Wie groß ist die optimale Global-Temperatur? Das führt zu einem Bündel von Fragen. Ist die Global-Temperatur der beste Indikator für das Wohlergehen der Menschen? Denkbar wäre folgende andere Vorgehensweise: Jedes Land spezifiziert eine Wunsch-Temperatur für das Jahresmittel ihres Landes. Dann müsste eine Kommission untersuchen, zu welcher Global-Temperatur dies führen würde und welche Treibhaus-Gas-Emissionen noch erlaubt sind. Zur Angabe von Temperatur-Anomalien ist eine Referenzperiode nötig, z.B. 1951-1980, 1961-1990, 1981-2010. Das suggeriert, dass in der Referenzperiode das optimale Klima herrschte. Für Deutschland wäre meine Präferenz sicher nicht 1951-1980, sondern mehr 1981-2010.

  2. Die (nichts sagende)  „mittlere“ Betriebstemperatur in Berlin ist etwa 6 Grad C niedriger als in Rom. – Das ist vielen Deutschen selbst im Sommer viel zu kalt, sie flüchten im Urlaub nach Süden. – Im Winter ist es ihnen sogar in Italien zu kalt und sie flüchten noch weiter nach Süden in die Karibik und sogar bis in das Wüstenloch Dubai. – Sie zahlen die Reisen und begeistert auch viel Geld an Betrüger,  die ihnen vorgaukeln, sonst könne es irgendwo zu warm werden! – Großartig, oder doch nicht?  

  3. „Eine Studie hat ergeben…“ Meldungen mit diesem Satzanfang lese ich grundsätzlich nicht weiter. Ich glaube, damit stehe ich nicht ganz allein. Man müßte mal eine Studie darüber machen.

  4. Mit Nachtfrost von -3°C im Raum Köln-Düsseldorf haben wir derzeit keine optimale Betriebstemperatur, die Heizkosten steigen.- Die Luftdüngung durch CO2 hat die subsaharischen Länder ergrünen lassen und die Bedingungen für die Landwirtschaft verbessert.- Der Meeresspiegel steigt nur im Millimeterbereich und ist ziemlich belanglos. Die Extremwetterereignisse haben sogar abgenommen – nur ihre bildliche Darstellung nahm zu.

  5. DAs ist so, wenn sich der Mensch anmaßt, aus 150 Jahren Wetterbeobachtung und einigen Bohrkernen und Fossilien die Klimageschichte der Erde schreiben zu können. Dazu kommt ja heute noch, das die „Klimageschichte“  Alarmismus konform ausgelegt werden muss.

    DAs man da mitunter auf abstruse zahlen und Werte zurückgreift fällt nur einigen Kritikern auf. Die gutgläubige Masse wird wohl bald überascht sein wie sich das Klima wirklich entwickwelt und wird entsetzt feststellen, da man sie bewusst irregeführt und aus Profitinteresse +/- sinnlos zu Kasse gebeten hat.

    Uns als Anmerkung zur ,,produktiver Idealtemperatur“ : Den Energiekonzernen und Oelmagnaten ist es letzleich egal ob wir ihren Strom / Gas / Öl für Klimaanlagen und Schneekanonen verpulvern weil sich die Erde erwärmt oder ob wir die Energeiträger verwenden um uns heizen falls es eine neue Eiszeit gibt. Sie werden immer verdienen !

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