Die Entwicklung der Welt durch emergente Selbstorganisation – Eine Buchempfehlung

von Michael Limburg
Das Buch mit dem Titel Die Kraft der Naturgesetze des Physikers und Informatikers Günter Dedié vermittelt einen guten und verständlichen Überblick, wie Natur und Gesellschaft sich entwickelt haben und wie sie funktionieren. Nicht aus dem Blickwinkel von Theorien, sondern auf empirischer Basis, nämlich der von Beobachtungen, Messungen, Modellen usw. Diese Sicht auf die reale Welt nennt man auch ontologischen Naturalismus.


„…ein sehr schöner, sehr verständlicher Text. Er entwickelt sich von Kapitel zu Kapitel bestens und geradezu spannend!“ Prof. Dr. Josef H. Reichholf, Autor zahlreicher Bücher über Natur, Ökologie, Evolution usw., Siegmund-Freud-Preisträger der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2007.

Damit ist von Prof. Reichholf eigentlich fast alles gesagt. Es fehlt nur noch der Zusatz „…ein sehr schöner, sehr verständlicher, hoch interessanter Text.

Das Grundprinzip der Emergenz wird vom Autor folgendermaßen beschrieben: Aus mehr oder weniger vielen einfachen oder auch komplexeren Elementen entstehen aufgrund der Wechselwirkungen zwischen ihnen spontan in selbstorganisierten Prozessen Systeme. Die Systeme haben – verglichen mit den Elementen – gänzlich neue, meist komplexere Strukturen, Eigenschaften und Fähigkeiten. Die Prozesse sind dabei die Verursacher, die Systeme ihre Ergebnisse. Die emergenten Prozesse sorgen auf diese Weise von selbst dafür, dass die Komplexität in der Welt im Laufe der Zeit ständig wächst.

Auch zwischen unterschiedlichen emergenten Prozessen und Systemen gibt es Wechselwirkungen, sei es zwischen Prozessen unterschiedlicher Ebenen oder unterschiedlicher Regionen der Welt. Sie können die Ursache von Katastrophen sein. Aber auch Katastrophen können nach Schumpeter „schöpferisch“ sein. Die Treiber der emergenten Prozesse sind das Streben nach minimaler Energie und – in abgeschlossenen Systemen – nach maximaler Entropie. In vielen Fällen werden die Prozesse durch die Rückkopplungen autokatalytischer Prozessschritte angetrieben. Unsere Welt befindet sich deshalb niemals in einem Zustand eines statischen Gleichgewichts, wie es manchmal den Anschein hat, sondern immer in einer dynamischen Entwicklung oder einem stabilen Ungleichgewicht. Die Stabilität der Ungleichgewichte ist eine Folge der Rückkopplungen in den Systemen. Rückkopplungen führen zu nichtlinearem Verhalten der Prozesse und – abhängig von der Art der Rückkopplung – zu explosivem und besonders stabilen Verhalten.

Nichtlineare Prozesse zeigen ein Verhalten, dass man deterministische Chaos nennt: Winzige Änderungen am Prozessbeginn, an der Schwelle zur Selbstorganisation, im sog. kritischen Zustand, können zu großen, nicht vorhersagbaren Änderungen im weiteren Verlauf führen. Trotzdem sind Ursache und Wirkung dabei immer kausal miteinander verbunden. Man kann nichtlineare Prozesse und Systeme deshalb bestenfalls näherungsweise modellieren und im Computer simulieren. Oft kann man sie aber auch nur empirisch durch Beobachtungen und Messungen erforschen.

Ein Beispiel ist das Klima: Es wird von nichtlinearen selbstorganisierten Prozessen beherrscht. Das wird oft durch die bekannte Metapher von dem Schmetterling beschrieben, der anderswo einen Wirbelsturm auslösen kann. Die Ergebnisse von Klimasimulationen sind wegen des deterministischen Chaos der Klimaprozesse sehr schwierig zu reproduzieren und zu interpretieren.

In der unbelebten und der belebten Natur gibt es eine große Vielfalt emergenter Prozesse. Einfache Abläufe, wie man sie aus der Mechanik oder der Elektrotechnik kennt, sind eine Ausnahme. Der Nobelpreisträger Ilja Prigogine meinte deshalb: „Wenn es in der Welt irgendwo Einfachheit gibt, dann … nur in den idealisierten makroskopischen Darstellungen. … Wenn immer wir von solchen Modellen ins Große oder Kleine gehen, hört diese Einfachheit auf; …“ Entsprechend groß ist die Vielfalt der unterschiedlichen Bezeichnungen für die Emergenz in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachgebieten: Selbstorganisation, Komplexitätstheorie, Evolution, Symbiose, Synergetik, Holismus, Spontane Sozialordnung, Unsichtbare Hand des Marktes usw. Diese heute oft weit voneinander entfernten Spezialgebiete der wissenschaftlichen Forschung hat der Autor unter dem Aspekt der emergenten Selbstorganisation zu einer ganzheitlichen Sicht geordnet. Er will damit zeigen, dass die Emergenz als durchgängiges Prinzip eine Brücke schlägt zwischen der unbelebten und der belebten Natur, und die materielle Welt mit der Welt des Geistes verbidet, “… making emergence the most fundamental principle in the universe”.

In der der westlichen Welt und in vielen anderen Ländern hat in den letzten Jahrhunderten das Wissen der Menschen über die Natur und ihre Gesetze erheblich zugenommen, und als Folge davon die Möglichkeiten der Technik, der Medizin, der inklusiven Sozialordnungen sowie der allgemeine Wohlstand. Damit verbunden auch die Fähigkeit, Ideologien und Pseudowissenschaften kritisch zu betrachten. „Wissen ist Macht“, es fördert die Selbständigkeit und verleiht die Fähigkeit, kritisch zu denken. Leider hat die Entwicklung von Ethik und Moral mit der Entwicklung der Technik nicht Schritt gehalten. Die o.g. naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte im Bereich der Evolution und der menschlichen Sozialsysteme, die inzwischen auch die Geisteswissenschaften beeinflussen, können helfen, diesen Rückstand von Ethik und Moral wieder aufzuholen.

Es ist flüssig geschrieben, und deswegen gut zu lesen. Einfache Kost ist es aber nicht, schmackhafte, lohnende Kost jedoch allemal.

Die Kraft der NaturgesetzeEmergenz und kollektive Fähigkeiten durch spontane Selbstorganisation, zweite Auflage, Verlag tredition 2015.

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10 Kommentare

  1. Ein herzliches Dankeschön für die Buchempfehlung. Auch sehr lesenswert „Die falschen Propheten – Unsere Lust an Katastrophen“ von selbigem Autor im Wagenbach Verlag schon 2002 erschienen. Und noch eine Empfehlung zum Thema Energie: Robert B. Laughlin „Der Letzte macht das Licht aus – Die Zukunft der Energie. Pieper Verlag.“

    Einen freundlichen Gruß sendet,

    Herms

  2. @Marc Hofmann
    Das Wirtschaften mit solch unklaren Begriffen ist sinnlos. Ich habe eine kurze Erklärung von Moral und Ethik versucht. Sie stimmt mit der allgemeinen Auffassung überein. Im Punkte tierischen Verhaltens hilft Konrad Lorenz weiter. Es hat keinen Sinn, unklare Begriffe wie Vernunft anzuführen. Vernünftig ist, was dem Überleben dient. Diskutieren kann man auf einer Seite html nicht. Das begreifen sämtliche Wepdesigner nicht. Suchen wir uns einen Platz für Diskussion oder machen wir Schluß.

  3. Ethik und Moral ist etwas, was in der Natur nicht vorgesehen ist. Somit ist und bleibt die Ethik und die Moral nur in der Menschenwelt ihr „unwesen“ treiben können.

    Die Natur ist einfach und brutal gestrickt….statt Ethik und Moral gilt hier Anpassen und Überleben. Der Mensch will sich mit der Ethik und der Moral vor der „Brutalität“ der Natur einen Schutzraum schaffen….dieser Ethik und Moralische Schutzraum wird jedoch nur so gut schützen können, wie er sich der „Brutalität“ der Natur anpassen kann.

    Man sieht also…die „Brutalität“ der Natur bestimmt über Leben und Tod…der „Schutzraum“ des Menschen ist nur so gut, wie er die Ethik und Moral mit der Vernunft (Wirtschaftlichkeit/Effizienz) und Verstand (Technik/Effizienz) im Hintergrund halten kann.

     

    • Natürlich entwickelte sich die Moral. Tiere haben sie wie Menschen. Das Zusammenleben fordert ein gewisses Verhalten.
      Die Philosophie erfand die Ethik, um Moral wissenschaftlich zu erklären. Das wurde Mist. Es gibt keinen brauchbaren Ansatz. weil die Philosophie seit 150 Jahren die Entwicklung ignoriert. Da kommt nur Endlosgeschwafel! Mal eine Suchmaschine anwerfen!

      Carsten

      „Die Demokratie als die Diktatur der Mehrheit aufzufassen, genügt nicht. Solange an der Spitze qualifiziertes Personal steht, fällt die Unterdrückung nicht auf. Erst, wenn mit fortschreitender Parteienherrschaft das absolute Mittelmaß einzieht, das den Anforderungen einer sanften Regierung intellektuell nicht mehr gewachsen ist, treten Gewalt und Unterdrückung offen zu Tage. Diesen Punkt haben wir in der BRD erreicht.“
      Michael Winkler

      • @Carsten Thumulla

        Falsch…das Leben dreht sich um das Überleben…also darum, dass man lange genug lebt und den Tod jeden Tag noch mal entkommen ist. Da ist kein Platz für Moral- und Ethikprediger….und genau die am lautesten die Moral und die Ethik vor sich hertragen sind zum Schluss die, die ohne Rücksicht auf Verluste um ihr eigenes Überleben kämpfen, wenn es darauf ankommt anstatt sich für andere zu opfern.

        Um auf dieser Erde leben/überleben zu können benötigt es weder Ethik noch die Moral sondern schlicht und einfach die Vernunft und den Verstand. Das Bodenständige statt der Utopie.

         

          • @Carsten Thumulla

            Zusammenarbeit, Gemeinschaftsbildung ist vernünftig (Vernunft)….hat aber nichts mit Ethik und Moral zu tun. Ethik und Moral sind manipulative Wörter einer Sozialen (Sozialistischen) Gesinnung. Ethik und Moral will die Freiheit und Offenheit propagieren und wird dann doch mit der Zeit zu einen Diktat/Zwang verkommen.

            Ganz anders bei der Vernunft und dem Verstand….die Vernunft und der Verstand steht jeden Menschen selbst zu….steht also dem Kollektiv von Ethik und Moral gegenüber. Vernunft und Verstand ist die Freiheit des Einzelnen hingegen ist Ethik und Moral dem Diktat des Kollektiv untergeordnet.

            Die Vernunft und der Verstand des Menschen hat ihn soweit gebracht, dass dieser vom Überleben zum Leben auf dieser Erde (seiner Umgebung) gefunden hat.

             

  4. Ich habe es nicht gelesen.

    Ich fürchte, es ist die übliche philosophische Spiegelfechterei mit Emergenz. Man erfindet ein neues Wort und schreibt ein dickes Buch. Das klärt aber nichts.(ich weiß, es ist nicht neu)

    Emergenz klärt nichts. Es ist nur ein neues Wort. Lexikon:

    Die Emergenz (lateinisch emergere „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“) ist die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente.

    Was das für Eigenschaften sind und wie sie zustandekommen wird vermutlich wieder nicht verraten – weil der Autor es nicht weiß.

    Der EINZIGE Weg, die Bildung von organisierten Strukturen zu verstehen ist das Nachverfolgen von Informationsströmen und das Klären der Informationstransporte. Die lebendige Welt wird von diesen beherrscht. Ohne Information(Signale) gibt es kein Leben. Signale lösen energisch stärkere Prozesse über Verstärker aus. Ohne Verstärker gibt es kein Leben. Ich habe dazu einen Anfang gemacht:

    http://thumulla.com/home/das_buch_kampf_der_systeme_.html

    Fragen an Carsten AT Thumulla.com

     

     

  5. „Wenn es in der Welt irgendwo Einfachheit gibt, dann … nur in den idealisierten makroskopischen Darstellungen. … Wenn immer wir von solchen Modellen ins Große oder Kleine gehen, hört diese Einfachheit auf; …“

    —-Wenn es in der Welt irgendwo Einfachheit gibt, dann in den ideologischen Köpfen!————–

    Mich wundert nichts mehr , wenn ich so etwas lese:

    https://www.finanzen100.de/finanznachrichten/wirtschaft/diese-statistik-erklaert-warum-so-viele-deutsche-dumme-kommentare-schreiben_H587268946_370099/

    http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2017-12/iglu-studie-bildung-schueler-vierte-klasse

     

    • Das ist zwar richtig, aber es gibt die Abstraktion, die makroskopisch neue Begriffe bildet. So entstehen hierarchische Strukturen. Diese Mechanismen gilt es zu erkennen!

      Carsten

      „Der größte Steuerbetrüger im Lande ist meines Erachtens inzwischen der Staat selbst, weil er mit immer kriminelleren Methoden mehr Steuern kassiert, als ihm nach seinen eigenen Gesetzen zustehen.“
      Hadmut Danisch

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