‚Wasserstandsmeldung‘ aus Japan!

Tokio Sinnbild der Moderne; Bild basel1 / pixelio.de

von Bernd Hönig
Als ich 2011 am dritten Tag nach dem gewaltigen Tohoku- Beben im Großraum Tokio unterwegs war, funktionierte der japanische Alltag nach bewährter Organisation, sodass die Zivilgesellschaft außerhalb der am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Gebiete so gering wie möglich betroffen war. Die Bewohner der Hauptinsel begannen abseits der Evakuierungsgebiete mit den Aufräumarbeiten und vom öffentlichen Fernsehsender NHK wurde mehrfach am Tage die Strahlenbelastung in den einzelnen Präfekturen bekannt gegeben.


Heute existiert für diese Bekanntgabe im Internet eine Website, auf der sich die Interessierten informieren können (und die seit jeher außerhalb der Gebiete direkt um das vom Tsunami demolierte Kernkraftwerk keine lebensbedrohliche Radioaktivität anzeigt). Dem Konzern TEPCO (Betreiber dieses und weiterer Kraftwerke) wird zwar misstraut, zumal kürzlich wieder direkt aus dem Bereich eines zerstörten Reaktors ein außergewöhnlich hoher Strahlungswert übermittelt wurde – was aber nach einer solchen Katastrophe nichts Ungewöhnliches ist. Die Reaktorblöcke waren zwar schon abgeschaltet, bevor der verheerende Tsunami eintraf, aber die Nachzerfallswärme konnte durch die Verkettung technologischer Mängel und unglücklicher Umstände nicht mehr abgeführt werden. Darauf folgende Gasexplosionen zerstörten Umhüllungen und die Reaktorgebäude, verschiedene Druckbehälter zerbarsten, ohne allerdings die Sicherheitseindämmung völlig zu zerstören.

Den Todesopfern der Naturkatastrophe wird in ihren Familien gedacht, doch das Desaster um die Kernreaktoren ist allgemein im japanischen Alltag kaum mehr präsent. Auf privaten Blogs kursiert die Behauptung, dass die Rate an Früherkennungen von Schilddrüsenkrebs bei Kindern der Präfektur Fukushima und im Großraum Tokio angestiegen sei, doch ein auf dieses Gerücht hin befragtes Komitee vom Fukushima Health Management Survey gab die Antwort, dass dieses Ergebnis auf umstrittene Testreihen zurückzuführen sei. Das Ministry for Health, Labour and Welfare berichtet auf seiner Website über die möglichst lückenlose, gesundheitliche Überwachung der seit der Katastrophe tätigen Arbeiter vor Ort in Fukushima Daiichi – keine Todesopfer zu beklagen soweit. Befragt man die Surfer an der östlichen Küste, in benachbarten Präfekturen (Ibaraki, Chiba, Kanagawa), zucken diese mit den Schultern und schmunzeln eher über die Vorstellung von z.B. verstrahlten Pazifik-Küsten („Oh, mein Guter, halten sie sich mal die Größe des Pazifik vor Augen …“).

Japan ist in relativ kurzer Zeit ein gewaltiger Sprung in die Moderne gelungen, doch hält es gern fest an bewährten Traditionen aus der Periode seiner Abgeschlossenheit. Während der Zeit großer Katastrophen erlebt man hier so viel Zusammengehörigkeitsgefühl, wie Hierarchiedenken und Disziplin, doch im Alltag sind die Leute sehr pragmatisch veranlagt. Freaks finden außerhalb diverser Fernsehshows und bestimmter Zentren in den Großstädten kaum eine Bühne und die in Deutschland so lästig gewordene Klein- und Gewaltkriminalität findet hierzulande praktisch nicht statt. Immigration und eine damit einhergehende Integrationsproblematik ist im Gegensatz zu Europa kein Problem, da Zuwanderung nicht geduldet wird. Die Japaner senden gern und schnell ihre Hilfstruppen zum Katastrophenschutz weltweit aus, sie heißen auswärtige Fachleute und Spezialisten zur Lösung wichtiger Fragen unter Zögern willkommen – doch immer nur für eine begrenzte Zeit. Wenn ein Volk für sich geschlossen ein Inseldasein kultiviert hat, dann sind es die Japaner.

Was sie ebenso gut ausbildeten, ist ihr Sinn fürs Praktische, für das, was nötig ist und das, was überflüssig. Wer aus beruflichen oder alltäglichen Gründen ein Auto benötigt, fährt steuerlich gut gestellte Kleinwagen oder als Besserverdienender gerne mal Hybrid, und dass elektrische Energie rund um die Uhr zur Verfügung steht, ist viel wichtiger als die Art und Weise, wie sie erzeugt wird. Wer als Krebskranker zur Strahlentherapie zu den Nuklearmedizinern geht, wird kaum zu hören bekommen, dass die Substanz, mit deren Hilfe sein Krebs bekämpft wird, im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Anders als in Deutschland, wo die Grünen mit zu den politischen Meinungsführern gehören, spielt die hiesige politische Vereinigung Midori No To, die als die Grünen Japans bezeichnet wird, politisch überhaupt keine Rolle. Die herausragende japanische Ästhetik zeigt sich auch in ihrem Umgang mit der sie umgebenden Sphäre – von der Mülltrennung bis zur Parkpflege. Dass sie zur Regulierung ihres Miteinanders mit der Natur eine spezialisierte Partei bräuchten, wäre den Japanern wohl keine Überlegung wert. WWF und Greenpeace haben zwar Büros in Tokio, doch sind sie für die Mehrheit der Japaner uninteressant und so spielen sich die meisten der auf deren Websites veröffentlichten Projekte mehr im Großraum Asien/Afrika ab, als in Japan selbst. Auch wenn in Kyoto eine wichtige Konferenz zur Klimathematik abgehalten wurde, und selbst wenn ihre Abgesandten artig diverse Vereinbarungen unterzeichnen, so ist den Japanern ihr besonderer Weg, ihre Gemeinsamkeit und das politische Verhältnis zu ihren Nachbarn Korea, China und Russland weitaus wichtiger, als das Verfolgen spekulativer Ziele (Klimaschutz).

Bei ihrer exponierten geologischen Lage ist der Wettstreit gegen die Natur mit jedem schweren Beben tatsächlich ein Kampf ums Überleben. Die Japaner, die über viele Jahrhunderte dieses gewaltige Felsenriff besiedelten, das nach alter Vorstellung regelmäßig durch göttliche Kräfte aus dem Erdinneren erschüttert wird, trotzten diesem mit großer Mühe ihren Lebensraum ab, weil sie es bis heute als ein göttliches Land der aufgehenden Sonne verehren.

 

 

 

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