Der Durchbruch für die Energiewende ist da: Die Mondlichtkugel

Das Produkt heißt „Beta.ray“, aber auf Grund der ihm zugeschriebenen Fähigkeiten möchte ich es poetischer als „Mondlichtkugel“ bezeichnen, denn: „Das System produziert grünen Strom und zwar Tag und Nacht“ und „Die Kollektoren (funktionieren) auch bei diffusem Licht und sogar bei Mondschein. Nachts wird aus Solarenergie dann Lunarenergie. Durch Lichtenergie gewonnener Strom könnte damit auch nachts und somit wesentlich konstanter produziert werden“ schwärmt der

Mondlichtkugel; Bild rawlemon

SPIEGEL . Die Lademöglichkeit im automobilen Bereich sei von enormer Bedeutung.

Andere Quellen wie erneuerbareenergien.de informieren über den „optischen Tracker“ mit mühsam verhaltener Begeisterung. Die angegrünte WIWO stellt heraus, dass das Gerät „schick aussieht“ und man sein Handy damit auch am See laden kann. Auch die „Welt“ bewundert das Aussehen des Geräts, es sei ein echter „Hingucker“.

Dabei ist das Prinzip der Kugellinse nicht neu. Es gab bereits im 19. Jahrhundert die so genannte „Schusterkugel“. Vor Erfindung des elektrischen Lichts nutzten Handwerker wie eben die Schuster eine Glaskugel zur Konzentration des diffusen Umgebungslichts, um ihren Arbeitsplatz mangels elektrischem Licht besser auszuleuchten.

Mondlichtkugel auf dem Dach, Bild rawlemon

Der Erfinder der Mondlichtkugel, ein in Barcelona lebender deutscher Architekt, gab an, von der Idee beim Frühstück erleuchtet worden zu sein. Seine Tochter legte ihm eine Murmel in den Eierbecher und das Sonnenlicht konzentrierte sich auf einen Punkt. Das sind sie, die Heureka-Momente, von denen jeder Energiewendebewegte in seinen ökologisch reinen Nächten nachhaltig träumt.

In einem schicken Videoclip erfährt man mehr über den „Sunshine recorder“ als „a smile to the sun“. Auch der Einbau in Gebäudefassaden sei möglich.

Neben einem Modell in Wahrsagerkugelgröße gibt es zwei Bauformen mit einem beziehungsweise 1,80 Meter Durchmesser. Die größere Variante sei schon für schlappe 4.200 Euro zu haben.

Wir halten kurz inne und denken mal nach.

Selbst bei Berücksichtigung des „Einsammelns“ diffusen Lichts wird die Kugel kaum mehr Licht fangen, als auf ihrer beschienenen Seite anfällt. Das sind bei den angebotenen Modellen etwa 0,8 beziehungsweise 1,4 Quadratmeter. Im Juni gibt es pro Tag etwa 5 Kilowattstunden Sonneneinstrahlung in Deutschland. Ob das Licht dann gebündelt wird oder nicht ist für die Menge der eingestrahlten Energie ohne Bedeutung. Dass die Solarzelle am unteren Teil der Kugel nachgeführt werden muss, ist eher als Nachteil zu sehen. Zudem erhitzt das konzentrierte Licht die Solarzelle mehr als bei einer Flächenkonstruktion, so dass der Wirkungsgrad sinkt.

Selbst bei Vollmond und klarem Himmel beträgt die Lichteinstrahlung nachts unter einem Promille der Sonnenstrahlung zur Mittagszeit. Wie viele Tage im Jahr scheint der Mond am wolkenfreien Himmel, an wie vielen Tage ist Neumond, hat er eine kleine Sichel oder geht nur tagsüber auf? Zudem reflektiert der Mond entsprechend seiner Oberflächentemperatur nur Strahlung im langwelligen Bereich, mit denen PV-Module kaum etwas anfangen können.

Die Kugel ist mit destilliertem Wasser gefüllt, allein diese Füllung bringt zwei beziehungsweise 3,8 Tonnen auf die Waage zuzüglich des Glasgewichts, dass auf Grund der nötigen Wandstärke erheblich sein dürfte. Die in Frage kommenden Aufstellungsorte werden dadurch stark eingeschränkt, vor allem, was Dächer und Fassaden betrifft.

Kühlt die Kugel nachts aus, dürfte sie je nach Wetterlage morgens des öfteren beschlagen sein, also das Licht dämpfen. Im Winter kommt die Frostgefahr hinzu, die Kugel müsste beheizt oder entleert werden und Schnee gibt es auch manchmal.

Elektrischer Eigenbedarf fällt für die Nachführung der Solarzelle an.

Mitdenkende Leser des Artikels bei Spiegel online äußern sich teils drastisch über „Pseudoinnovation“ und „Technikesoterik“, bestätigen aber das ansprechende Design, verbunden mit dem Vorschlag, auch einen Goldfisch einsetzen zu können.

Es gibt die Frage, ob der Erfinder auch bald neben Asbeck im Schloss wohnt. Oder es sei der Versuch, Prokon-Anlegern neue Anlagemöglichkeiten zu verschaffen.

Auch treu-naives Grundvertrauen kommt zum Vorschein, wie

„Wunder gibt es immer wieder“, „Der Mann als Architekt hat einen Ruf zu verlieren“.

Oder einfach Bewunderung für den Mut des Erfinders.

Auf „globalmagazin.com“ beschwert sich allerdings ein Forist, dass er sich das Prinzip schon 2008 hat patentieren lassen. Es erscheint auch ein Eintrag ungezügelter Begeisterung:

„So gibt es mit dieser Erfindung endlich die Möglichkeit, den stark schmutzigen Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken durch sauberen Solar- und Lunarstrom zu ersetzen. Und sage mir einer, aus Deutschland kommen keine Innovationen mehr. Hier zeigt sich, dass unser Bildungssystem doch gar nicht so schlecht sein kann wie manche Ignoranten behaupten.“

Speziell der letzte Satz lässt vermuten, dass hier ein vom Bildungssystem eher Vernachlässigter spricht.

Man sollte aufmerken, wenn bei neuartigem technischem Gerät primär auch vom schönen Design gesprochen wird. Das erinnert dann sehr an den schon legendären

Atomstromfilter (789 Euro), der noch einige Folgeerfindungen wie den ASTROSEP (Atomstromseparator) oder den Spektralrichter hervorbrachte. Na gut, auf ebay wurden auch schon W-LAN-Kabel verkauft. Kolbenrückholfedern oder solare Böschungswinkel sind bei entsprechend ökologisch getrimmter Ansprache vermutlich auch an den grün orientierten und durch unser Bildungssystem geprägten Verbraucher verkäuflich.

Natürlich braucht die Mondlichtkugel Startkapital. Jede Bank würde den Erfinder und seinen Kreditwunsch freundlich wieder zur Tür komplimentieren. Schwer vorstellbar aber, dass er das überhaupt versucht hat. Heutzutage läuft sowas eher postfaktisch über das Crowdfunding.

Nachdem 2014 die Meldungen zur Mondlichtkugel nach und nach gegen Null tendierten, mehren sich auf der entsprechenden Crowdfunding-Homepage die Kommentare der Ökozielgruppe mit der energischen Forderung im Sinne Maggie Thatchers: “I want my money back!“

Bisher gingen über 233.000 Dollar für Bestellungen der „Beta.ray“ ein. Wir legen schon mal eine Tüte Mitleid für die Investoren bereit. Der Erfinder hat Ausgaben gehabt und leben will er auch. Wir können davon ausgehen, dass trotz tollen Designs aus rein physikalischen, also ewiggestrigen Gründen die Mondlichtkugel nicht kommen wird. Die Produkthomepage befindet sich derzeit im Umbau.

Warten wir auf die Verschwörungstheorien, warum sie sich nicht durchsetzt. Mein Tipp: Die Atomkonzerne sind schuld.

Wenn Atom- und Kohlehass mit Unwissenheit und festem grünen Glauben fusionieren, können wir auf weitere solche als Erfindung getarnte Fake-News hoffen.

Der Blick in die Zukunft der „Erneuerbaren“ ist wie ein Blick in die Glaskugel – man kann nie wissen, was kommt, aber sehr oft ist es eine optische Täuschung.

Fotos: rawlemon