Könnte Deutschland die große Schweiz werden?

Schweizer Fahnenschwinger; Bild Paul-Georg Meister / pixelio.de

von Dr. Klaus Humpich
Die Bürger der Schweiz haben sich gegen eine vorzeitige Abschaltung ihrer Kernkraftwerke entschieden. Ein Anlass, einmal über die Verhältnisse in Deutschland (neu) nachzudenken.

Der Istzustand

Vielen Menschen in Deutschland ist gar nicht bewußt, daß immer noch acht Blöcke am Netz sind (Isar 2, Brokdorf, Philippsburg 2, Grohnde, Emsland, Neckarwestheim 2, Gundremmingen B und C) und in aller Stille reichlich zur Energieversorgung in Deutschland beitragen. Sie haben immerhin zusammen die stolze Leistung von 10.799 MWel und produzieren damit durchschnittlich 86.595.052.800 kWh elektrische Energie jährlich. Wohl gemerkt, jedes Jahr, unabhängig davon, wie stark der Wind bläst oder die Sonne scheint. Halt Energie nach den Bedürfnissen der Menschen und nicht “auf Bezugsschein” irgendwelcher Schlangenölverkäufer mit (meist) öko-sozialistischer Gesinnung. Ganz neben bei, tragen sie durch ihre gewaltigen Generatoren auch noch zur Netzstabilität bei. Wie wichtig und kostenträchtig allein dieser Aspekt ist, werden unsere Laiendarsteller erst merken, wenn diese Kraftwerke endgültig abgeschaltet sind.

Wieviel Volksvermögen vernichtet werden soll

Fangen wir mal mit dem letzten Aspekt an: Die Standorte zukünftiger Windparks und Photovoltaikanlagen können – wegen der geringen Energiedichte von Wind und Sonne – gar nicht den Kernkraftwerken entsprechen. Das vorhandene Stromnetz muß daher komplett umgebaut bzw. erweitert werden. In der Öffentlichkeit wird wohlweislich nur von den neuen “Stromautobahnen” gesprochen, die den “Windstrom” von Norddeutschland nach Süddeutschland transportieren sollen. Freilich, sind bereits dafür Milliarden erforderlich. Kaum ein Wort über die Frequenzregelung und die Niedervolt Netze zum Einsammeln des flächigen Angebots (z. B. Sonnenkollektoren auf den Dächern). 

Wir reden hier nicht von irgendwelchen “Schrottreaktoren”, sondern ausnahmslos von Kernkraftwerken, die erst zwischen 1984 und 1989 ans Netz gegangen sind. Für solche Kraftwerke geht man heute international von einer Betriebszeit von 60 bis 80 Jahren aus. Sie hätten also eine “Restlaufzeit” bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts vor sich – wenn sie nicht in Deutschland, sondern bei unseren Nachbarn stehen würden! Warum nur, fällt mir an dieser Stelle, der alte Witz-über-die-Geisterfahrer ein? 

Um es klar und deutlich zu sagen, sie verfügen über Sicherheitseinrichtungen, die heute noch international Spitze sind. Teilweise werden japanische und osteuropäische Kernkraftwerke gerade erst auf dieses Niveau nachgerüstet. Selbst noch im Bau befindliche Reaktoren in China und den Emiraten, sind keinesfalls sicherer. Das alles, obwohl es in Deutschland weder schwere Erdbeben noch Tsunamis gibt.

Wenn man als Wiederbeschaffungswert die Baukosten der koreanischen Reaktoren in den Vereinigten Emiraten ansetzt (4 x 1400 MW für 20 Milliarden US-Dollar), werden hier mal eben rund 35 Milliarden Euro verbrannt. Zugegeben eine grobe Abschätzung, aber wie war das noch mal mit dem Rentenniveau für die kommende Generation? Es ist ja offensichtlich nicht so, als wäre in diesem Land überhaupt kein Kapital mehr vorhanden oder anders: Der Kleinrentner soll auch noch durch überteuerten “Ökostrom” zusätzlich bluten.

Der energetische Ersatz

Ein beliebter Vergleich der Schlangenölverkäufer ist immer die produzierte Energie. Lassen wir die Zahlen für sich sprechen: Im Jahr 2015 wurden insgesamt 86 TWh Windenergie erzeugt. Dazu waren 27.147 Windmühlen mit einer Gesamtleistung von 44,95 GW notwendig gewesen. Wollte man die acht verbliebenen Kernkraftwerke durch Windmühlen ersetzen, müßte man also noch einmal die gleiche Anzahl zusätzlich bauen. Besser kann man den Irrsinn nicht verdeutlichen. Schon allein unsere Vogelwelt könnte 20.000 zusätzliche Schredderanlagen nicht verkraften. Welche Wälder sollen noch gerodet werden?

Wollte man die gleiche Energie mit Photovoltaik erzeugen, müßte man über 82 GW zusätzlich installieren. Trotzdem wäre es weiterhin des Nachts dunkel. 

Die Speicherfrage erübrigt sich, denn allen ökologischen Sturmgeschützen zum Trotz: Es gibt sie wirklich, die Dunkel-Flaute. Jawohl, besonders bei Hochdruck-Wetterlage im Winter weht tagelang kein Wind – auch großflächig nicht. 

Andererseits wird es den berühmten Muttertag (8.5.2016) auch immer wieder geben: Sonnenschein mit Starkwind an einem verbrauchsarmen Sonntag, der die Entsorgungskosten an der Strombörse auf –130 EUR/MWh hochgetrieben hat. Wie hoch dürfte die Entsorgungsgebühr wohl sein, wenn der Ausbau noch einmal verdoppelt wird? Sind dann unsere Nachbarn überhaupt noch bereit, unseren “Strommüll” für uns zu entsorgen? Ich glaube nicht. Zwangsweise Abschaltungen wären die Folge: Die Abwärtsspirale immer schlechter werdender Auslastung für die “Erneuerbaren”wird immer steiler werden. Das Rennen nach der Fabel von Hase und Igel hat ja bereits längst begonnen. Dies sei allen Traumtänzern gesagt, die von einer Vollversorgung durch Wind und Sonne schwadronieren.

Der notwendige Ersatz

Wie gesagt, es gibt sie wirklich, die Dunkel-Flaute. Speicher in der erforderlichen Größe sind nicht vorhanden. Das seit Jahren erklingende Geraune von der “Wunderwaffe-der-Großspeicher” wabert konsequenzlos durch die deutschen “Qualitätsmedien”. Physik läßt sich halt nicht durch den richtigen Klassenstandpunkt ersetzen. Es müssen deshalb neue Grundlastkraftwerke gebaut werden. Kurzfristig kann man elektrische Energie aus dem Ausland hinzukaufen – “Atomstrom” und “Dreckstrom” aus den östlichen Nachbarländern – bzw. vorhandene Mittellastkraftwerke im Dauerbetrieb verschleißen. 

Will man 11 GWel durch Kombikraftwerke mit Erdgas als Brennstoff ersetzen, sind dafür etwa 20 Blöcke notwendig. Würde man sie an den vorhandenen Standorten der Kernkraftwerke bauen, könnte man zwar die elektrischen Anlagen weiter nutzen, müßte aber neue Erdgaspipelines bauen. Die Mengen können sich sehen lassen: Für 86 TWh braucht man immerhin etwa 15 Milliarden Kubikmeter Erdgas jedes Jahr. Wo die wohl herkommen? Wieviel das Erdgas für die Heizung wohl teurer wird, wenn die Nachfrage derart angekurbelt wird?

Wahrscheinlicher ist der Ersatz durch Steinkohlekraftwerke. Um die 8 noch laufenden Kernkraftwerke zu ersetzen, wären etwa 14 Blöcke vom Typ Hamburg-Moorburg nötig. Die würden etwa 28 Millionen to Steinkohle pro Jahr fressen. Die müssen nicht nur im Ausland gekauft, sondern auch bis zu den Kraftwerken transportiert werden. 

Will man wenigstens die Versorgungssicherheit erhalten, bleibt nur die eigene Braunkohle. Man müßte nur etwa 10 neue Braunkohleblöcke vom Typ BoA-Neurath bauen. Die würden allerdings über 84 Millionen to Braunkohle pro Jahr verbrauchen. Unsere Grünen würde das sicherlich freuen, man müßte die Braunkohleförderung nicht einmal um die Hälfte erhöhen. Wieviele schöne “Demos” gegen neue Tagebaue könnte man veranstalten!

Politik

Das Wahljahr 2017 (Landtagswahl in NRW und Bundestagswahl) kommt immer näher. Zwischen März und Juli soll der geplante Wahnsinn mit der Abschaltung von Gundremmingen beginnen. Da in Deutschland das Regulativ einer Volksabstimmung (über lebenswichtige Fragen) fehlt, bleibt nur die Auseinandersetzung in einer Parteien-Demokratie. Parteitage und Walkämpfe bieten die Möglichkeit, Parteien zu zwingen, “Farbe zu bekennen”. Dies gelingt aber nur, wenn die Bürger auch (öffentlich und nachdrücklich) Fragen stellen. Gerade in Deutschland neigt man eher zu “Man-hat-doch-nichts-davon-gewußt” oder “innerlich-war-man-auch-dagegen”. Zumindest der ersten Lebenslüge, soll dieser Artikel entgegenwirken. 

Die Forderung an alle Parteien kann nur lauten: Schluß mit der Kapitalvernichtung durch Abschaltung moderner Kernkraftwerke. Bis 2022 ist es weder möglich, geeignete Groß-Speicher zu erfinden, das Stromnetz völlig umzukrempeln, noch fossile Kraftwerke in der benötigten Stückzahl als Ersatz zu bauen. Nicht einmal die Verdoppelung der Windenergie in nur vier Jahren ist möglich – jedenfalls nicht ohne bürgerkriegsähnliche Zustände heraufzubeschwören. Parteien, die dies nicht einsehen wollen, sind schlicht nicht wählbar. In einer indirekten Demokratie, in der dem Bürger das Recht auf Entscheidungen – in überlebenswichtigen Fragen — abgesprochen wird, kann sich der Bürger nur an der Wahlurne wehren. Nichts tut den etablierten Parteien mehr weh, als der Mandatsverlust. Dies ist halt die Kehrseite der Allmachtsphantasien der “indirekten Demokraten”.

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des Autors hier

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6 Kommentare

  1. Es tut immer wieder gut, die Texte von Herrn Dr. Humpich zu lesen. Vielen Dank!

    Die britsche Alvin Weinberg Foundation beschäftigte sich in einem am 29. November 2016 erschienenen Beitrag mit der Volksabstimmung in der Schweiz zur Zukunft der Kernkraft.

    Auszugsweise hier die drei letzten Sätze:

    „But a continued commitment to phase out nuclear could risk the environmental and economic benefits that nuclear provides Switzerland. Reuters have reported that the entire phase out plan is now being questioned, with the Swiss People’s Party (SVP), the largest in parliament, aiming to challenge it with a separate referendum on the grounds it is too expensive. Hopefully this referendum could represent a turning point for nuclear power in Switzerland and around the world, a very timely one considering the accelerating imperative of decarbonisation.“

    Nun geht also eine wichtige Partei von der Defensive (Verhinderung der vorzeitigen Abschaltung der KKW) in die Offensive, gerichtet gegen Energieverteuerung durch Abschaltung der KKw und – wahrscheinlich – auch gegen Pläne analog der deutschen Energiewende.

    Es ist der EIKE-Redation, aber auch allen anderen hier im Forum, zu empfehlen den Fortgang dieser Initiative zu begleiten und zu kommentieren.

    Es ist auch aus Sicht von „Klimaschützern“ geradezu aberwitzig, die Schweiz durch Ausschaltung des 40-prozentigen Kernkraftstromanteils in eine energiepolitisch unsichere Zukunft zu katapultieren. Die CO2-Emissionen würden durch einen „Rückfall“ auf fossile Energieträger (Erdgas?)eher steigen. Die Strompreise und volkswirtschaftlichen Belastungen ohnehin.

    Im Grunde würde man damit die schon vollständig „decarbonisierte“ Stromerzeugung der Schweiz zurück werfen.

    Ersatz? Den 60-prozentigen Wasserkraftanteil noch weiter ausbauen? Ist wahrscheinlich möglich, jedoch aus ökologischer Sicht heraus auch durchaus zu kritisieren.

    Von Windmühlen und Solarpannels in den Zentralalpen als ernstzunemende Hauptstandbeine der Stromversorgung wollen wir hier gar nicht erst reden. Falls doch, würden die jeweiligen Überschüsse zwischen Süddeutschland und der Schweiz hin- und herflattern.

    Wer den ganzen Beitrag der britischen Stiftung lesen möchte, kann dies unter dem folgenden Link tun.

    http://tinyurl.com/3g6kt3u

    Aber aufgepasst: Die Stiftung verfolgt neben ihrer klar-pro-nuklear Haltung ebenso kompromisslos die Gedanken des „Klimaschutzes“.

  2. Die mindestens 30 Milliarden Euro, die die Energiewende jährlich kostet, würden bei Baukosten von 1500 Euro/m2 für 250.000 Wohnungen a 80m2 reichen. Genug Wohnraum für 1 Mio Menschen. Die Flächen zu diesem Wohnungsbau müssten gestellt werden.

    Wenn wir also wirklich wollten, dann könnten wir das Hauptproblem aller Familien, nämlich die Unterbringung, in einem Handstreich lösen. Schon jetzt zahlen viele Familien mehr als die Hälfte ihres verfügbaren Einkommens für Miete.

    1000 Mrd. für die Energiewende, so sagte es einst Altmeier, wahrscheinlich aber noch viel mehr, 1500 Mrd. für die Eurorettung (http://bit.ly/2dip5Xa) und noch einmal
    1000 Mrd. für die neuen Facharbeiter (http://bit.ly/1WD5oVl). Alles zusammen wäre es Wohnraum für mehr als 110 Mio Menschen.

    Energiewende bedeutet statt Wohnungen für 33 Mio Menschen zu bauen, ein hundert Tausendstel der CO2 Emissionen der Erde zu vermeiden. Jetzt kann sich jeder in Deutschland lebende Mensch gerne überlegen, ob er lieber (fast) gratis wohnt oder diese 0,001% CO2 aus der Luft holt.

  3. Es stimmt schon sehr traurig, wie sehr Deutschland sich vom „Land der Dichter und Denker“ verabschiedet hat. Inzwischen sind wir wohl nicht ganz dicht und denken überlassen wir den politisch korrekten Personen.

    Was sind schon 34Mrd Euro, wenn wir nur in diesem Jahr 26 Mrd. Euro für Zappelstrom ausgeben müssen, den keiner braucht.

  4. Besten Dank Hr. Dr. Humpich,

    exakt und mit vielen Fakten auf den Punkt gebracht. Leider wird es nicht viel nützen, denn eine altersstarrsinnig werdende Damenriege nebst Mr. Mugel (=Mischwesen zwischen Mensch und Kugel)wird vermutlich wieder die Wahlen unter sich ausmachen. Diese Leute haben einfach zuviel Macht über die Gefühle der breiten Mehrheit, die „die Welt mit dem Herzen sieht“, siehe den geschickten PR-Gag mit dem weinenden Flüchtlingsjungen auf der Parteiversammlung der Konservativen.

    Auch in der Schweiz ist noch längst nicht alles in Butter. Zwar wurde die Initiative der grünen abgelehnt, dafür steht das Gleiche aber immer noch in Form der „Energiestrategie 2050“ an, nur eben zeitlich gestreckter Agenda. Und auch hier hat die entsprechende Mafia das Volk immer noch fest im Griff. Dazu tragen auch massive Indoktrinationskampagnen im Erziehungswesen bei, wo die AGW-Phantasien von eifrigen Lehrern teif in den Gehirnen der Jugend verankert wird.

    Mfg

  5. Danke für einen weiteren Sachbeitrag zur Kernkraft und den Hinweis auf die Konsequenzen, wenn unser Land diese nach dem Willen von unzurechnungsfähigen Politikern nicht mehr nutzen darf!

    Hätte man aus der alten DDR wenigstens die Strafgesetze für vorsätzliche Sabotage übernommen und sie mit einem weiteren Gesetz ergänzt, nach welchem Politiker für Schäden, die sie aus ideologischen Gründen wider besseres (Fach-)Wissen anrichten, haften müssen.

    Doch so, wie die Dinge liegen,scheint die geplante De-Industriealisierung Hand in Hand mit der Abzocke der Endverbraucher als alternativloses „Klimarettungs“-Projekt festzustehen.

    Dass es den Wählern überhaupt klar ist, wohin die Reise geht, bezweifele ich angesichts des medialen Trommelfeuers der ‚Weltretter‘ und der EU-Junta jedoch stark.

    Ich kenne jedenfalls kein einziges staatliches Großprojekt, bei dem vernünftiger Sachverstand, Planungssicherheit und Kostendisziplin jemals eine Rolle gespielt hätten.

    Hinterher hat wieder niemand Schuld, und die Deppen im Hamsterrad müssen später den Schlamassel ja sowieso ungefragt bezahlen, während sich die Politbonzen in den üppigen Ruhestand oder auf einen Versorgungsposten in der Wirtschaft verdrückt haben.

    Wenn Wahlen daran etwas ändern könnten, wären sie längst verboten

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