Leben die Angestellten in Kernkraftwerken gefährlich?

von Dr. Hermann Hinsch
Das behauptete einmal wieder der „Spiegel“, so las man in „Spiegel online“ am 21.10.2015: „Radioaktive Strahlung: AKW-Angestellte sterben häufiger an Krebs.“

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Von 307.297 KKW-Angestellten waren 51.131 keiner berufsbedingten Strahlung ausgesetzt, für weit über 90 % der übrigen war die berufliche Dosis geringer als die natürliche.

Der „Spiegel“ stützt sich auf eine Veröffentlichung im British Medical Journal (BMJ) 2015 unter dem Titel: Risk of cancer from occupational exposure to ionising radiation: retrospective cohort study of workers in France, the United Kingdom, and the United States (INWORKS) (Richardson, D.B. und 12 andere).

Das Diagramm gibt die Zahlen aus dieser Arbeit wieder.

Wäre es so, würden wir schon von Natur aus recht gefährlich leben. Mit den Fortschritten der Molekularbiologie wird aber immer deutlicher, dass sehr kleine Strahlenschäden vollständig repariert werden; möglicherweise verbessern geringe Strahlendosen sogar die Gesundheit. Jedoch wird offiziell noch die LNT-Hypothese (linear no threshold) zugrunde gelegt, wonach auch kleinste Dosen eine Wirkung haben. Lässt man Leukämie und Lungenkrebs weg, wie das in der Arbeit von Richardson u.a. gemacht wurde, welcher Prozentsatz der übrigen Krebsfälle wäre dann nach LNT auf die Umgebungsstrahlung zurückzuführen? 2 % nach Strahlenschutzkommission, ICRP (International Commission on Radiological Protection) und anderen. Da die Krebsrate schwankt, sind 2 % nicht nachzuweisen. An manchen Orten der Welt sind die Leute von Natur aus der zehnfachen Dosis ausgesetzt. Da wären es dann 20 %, das müsste sich in Krebsstatistiken zeigen, tut es aber nicht.

Also, die 2 % sind schon rein hypothetisch, was könnte man aus den geringeren Zusatzdosen in Kernkraftwerken statistisch herausquetschen? Ehrlicherweise nichts. Selbst manche Kernkraftgegner sind dafür noch zu ehrlich, so schrieb mir der Mitarbeiter eines Öko-Instituts:

„Ihre Meinung, dass Wirkungen auch Ursachen haben und umgekehrt und dass beides einigermaßen zueinander passen muss, teile ich vollständig. Das Stochern in Unsicherheitsbandbreiten, das epidemiologischen Studien immer so eigen ist, ist in der Tat etwas, das eher in Richtung Glauben geht. Im Fach Statistik an der Uni habe ich gelernt, dass die Population der Störche in Nordniedersachen eng mit der Geburtenrate im gleichen Landstrich korreliert, was aber an sich noch nicht zu weitreichenden Schlussfolgerungen verleiten sollte.“

Nicht so die Autoren der Arbeit im „British Medical Journal“.

Es gibt auch Leute, die mit entsprechenden statistischen Kunststücken das Gegenteil „beweisen“, dass nämlich bei KKW-Angestellten weniger Krebsfälle auftreten. Natürlich bleiben derartige Veröffentlichungen in den Massenmedien unerwähnt.

Aus den Zahlen der Arbeit im BMJ ist zu entnehmen: Kommt zur natürlichen Strahlendosis noch einmal ebenso viel durch den Beruf dazu, dann hätte angeblich die oder der Betreffende ein um 10 % erhöhtes Krebsrisiko. Das steht in klarem Gegensatz zu den Zahlen z.B. von ICRP (2 %), und natürlich zu den Krankenstatistiken z.B. brasilianischer Küstenorte, wo die Dosis nicht verdoppelt, sondern von Natur aus mehr als verzehnfacht ist.

Nun machen die Zahlen in der BMJ-Arbeit den Eindruck, sie wären objektiv und das Ergebnis wäre rein mathematisch zustande gekommen. Dieser Eindruck trügt. Es wurden nämlich nicht einfach Fälle gezählt, sondern jeweils entschieden, wer aus der zu untersuchenden und wer aus der Vergleichsgruppe herausfällt, welches statistische Gewicht jeweils zugeordnet wird und dergleichen. Berücksichtigt wurden Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status und anderes. Ganz unberücksichtigt blieben dagegen medizinische Anwendungen, welche oft mit wesentlich höheren Strahlenexpositionen verbunden sind (Hinweis von R. Klute, Nuklearia). Sicher wären die Autoren sehr böse, würde man ihnen vorwerfen, sie hätten ihre Daten frisiert. Nein, sie drücken sich weit vornehmer aus, ihre Daten seien „adjusted“.

Es gibt auch Statistiken, welche Hand und Fuß haben, weil Unterschiede groß und Kriterien eindeutig sind. Zählt man einfach Sterbefälle jeder Art, dann zeigt sich: Angestellte in Kernkraftwerken leben länger. Ihre Sterbewahrscheinlich in mittleren Lebensjahren, so wird in vielen Veröffentlichungen berichtet, beträgt nur etwa 70 % des Durchschnitts. Nimmt man die Zahlen unseres Statistischen Bundesamtes für Männer, dann bedeutet das: Von 1.400 Männern, welche das 50. Lebensjahr erreicht haben, sterben im Durchschnitt 100, bevor sie 60 Jahre alt werden konnten. Nach den erwähnten Veröffentlichungen gibt es bei Beschäftigten in Kernkraftwerken nur 70 Todesfälle, es bleiben 30 mehr am Leben.

Seriöse Autoren sind zu vorsichtig, um das als Strahleneffekt zu erklären, zumal die Dosen sehr klein sind. Man muss andere Gründe annehmen, z.B., dass es intelligente Menschen sind, die vernünftig leben.

Auf jeden Fall ist es nicht gefährlich, in einer kerntechnischen Anlage zu arbeiten.

Hannover, den 13.11.2015

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11 Kommentare

  1. Oh je, jetzt ist wieder die Rede von Strahlen“belastung“!!! Damit hat der Demagoge gewonnen!!! — Wie groß ist eigentlich die Ethanol“belastung“ der Besucher von Oktoberfest, der eine Maß trinkt, denn im Bier befindet sich das Gift und Kanzerogen Ethanol???

    Es ist richtig, es gibt auch diese Untersuchungen auch beim fliegenden Personal, erste Ergebnisse wurden 2014 in der StrahlenschutzPRAXIS veröffentlicht. Ergebnisse: Rückgang bei Herz-Kreislauf-Krankheiten um ca. 50%; nichts zu sehen bei Krebs. Das ist ja auch klar, denn Herz-Kreislauf-Krankheiten lassen sich durch eine gesunde Lebensweise vermeiden, Krebs aber nicht denn das ist meistens Zufall.

  2. Wenn es sich um die Kernenergie handelt, dann sind die Studien dazu in der Regel „politische Studien“, insbesondere in Deutschland dienen sie einem politischen Zweck.

    Die Mitarbeiter in einem KKW sind ein ausgesuchtes Kollektiv, und führt es zu Trugschlüssen, wenn mit der Normalbevölkerung verglichen wird. Es ist damit zu rechnen, daß die Mitarbeiter eines KKW gesünder leben, als die Normalbevölkerung. Damit reduzieren sich bei ihnen die Fälle von Herz-Kreislauf-Krankheiten, denn deren ca. 10 Risikofaktoren sind bekannt (ich mache das auch, nur meine beiden Risikofaktoren „männlich“ und „Gene“ kann ich nicht beeinflussen). So wird die normale Sterblichkeit von ca. 50% bei Herz-Kreislauf-Krankheiten vermindert, das wurde auch festgestellt und ist sehr plausibel.

    Wenn aber das große Risiko der Herz-Kreislauf-Krankheiten vermindert ist, dann müssen zwangsläufig alle anderen möglichen Todesursachen ansteigen, als nächstes das Krebsrisiko, was etwa bei 25% liegt. Das bedeutet: Wenn bei den KKW-Mitarbeitern mehr Krebs beobachtet wird, dann ist nicht die erhaltene geringe Dosis der Grund.

    Im übrigen ist die Dosis von Mitarbeitern im KKW viel zu gering, als daß dadurch irgendetwas bewirkt werden könnte. Das Bundesamt für Strahlenschutz gab für 2010 die mittere zusätzliche Jahresdosis der strahlenexponierten Personen in KKW‘s von 0,66mSv an, das ist in Übereinstimmung mit dem Wert in der obigen Darstellung.

  3. Es gibt eine seltsame Diskrepanz zwischen den akademischen Lehrinhalten und der Qualität vieler ‚wissenschaftlicher‘ Veröffentlichung. So lernen bereits die meisten Studenten, zu deren Fächern auch Statistik und Biometrie gehört, was eine Scheinkorrelation ist, wie man statistische Signifikanz ermittelt, was hinreichende Stichprobengößen sind und vieles mehr. In den Veröffentlichungen findet man dann oft nichts mehr davon. Wird das Handwerkszeug wiedr gündlich vergessen? Oder wollen die Autoren sich um seriöses Arbeiten einfach drum herum mogeln?

    Ich habe die hier genannte Studie nicht geprüft, aber das LNT-Modell ist so offensichtlich falsch, dass man stets die Seriosität bezweifeln muss, wenn mit diesem Ansatz gearbeitet wird.

  4. „Die höhere Lebenserwartung von Leuten die mit der Radioaktivität berufsmäßig zu tun gehabt haben kann man auch an die regelmäßige ärztliche Untersuchungen zurückzuführen.
    MfG “

    Fazit: Dann sollte man EEG abschaffen und von dem Geld jedem 500€ geben der sich 2x im Jahr untersuchen lässt. Ich sage schon immer, das man mit dem Geld auf andere Weise viel mehr gutes bewirken kann.

  5. Ergänzung zu 1:
    Sehr gehrter Herr Dr. Hinsch,
    inzwischen habe ich mir die Arbeit einmal angesehen. Es ist tatsächlich eine retrospektive Studie, enthält aber die Gesamtzahl der Todesfälle und der Krebstodesfälle. Es gibt auch eine Abb., welche die Dosisabhängigkeit des RR zeigt. Dabei fällt auf, daß insbesondere bei den Fällen mit einer höheren Exposition immer das RR von 1 innerhalb der angegeben Fehlerbreite liegt. Damit ist die Aussagekraft dieser Studie sehr zweifelhaft.
    MfG

  6. Sehr geehrter Herr Dr. Hinsch,
    dies sieht doch wieder einmal nach einer Studie aus, die durch „Data-Mining“ zustande gekommen ist. Retropesktive Studien sind mit sehr großer Vorsicht zu behandeln. Ich habe diese Studie noch nicht gelesen, vermute aber, daß die Gesamtsterblichkeit an Krebs nicht genannt wird, wie das so üblich ist. Vermutlich haben diese Autoren nicht untersucht, ob es eine Dosisabhängigkeit gibt.
    mfG

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