Strahlenaberglauben in voller Aktion

Diagramm versch. Strahlungsquellen, siehe Text

von Dr. Hermann Hinsch
Wo? Bei der SPD-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung von Wiesbaden. 1.000 Tonnen Material aus dem Abriss des Kernkraftwerks Stade sollten auf eine Wiesbadener Deponie kommen.


Das Material ist radioaktiv, aber völlig im Rahmen dessen, was überall vorkommt. Ganz grob ist das im Diagramm dargestellt. Mit solchem Abbruchmaterial befasste sich auch ein Dr. Werner Neumann, Physiker, in der Ausgabe vom 07.08.2014 des Fachblattes für Strahlenhysteriker „Strahlentelex mit Elektrosmog Report“.

Es wäre zu viel der Ehre für Herrn Neumann, würde ich ihn mit Johannes Kepler vergleichen. Dieser nutzte den Aberglauben seiner Zeitgenossen, um Horoskope zu verkaufen, war sonst aber einer der bedeutendsten Astronomen. Herr Neumann hat sich dagegen völlig auf den Aberglauben spezialisiert. An „Fachleute“ wie Herrn Neumann denkt offensichtlich die umweltpolitische Sprecherin Nadine Ruf: „Ob  es auch langfristig ungefährlich ist, bleibt unter Fachleuten umstritten.“

Die Radioaktivität irgendwelcher Materialien muss mit der Natur verglichen werden. Was auch in der Natur vorkommt, kann nicht schlimm sein. Aber das würde den Angstmachern ihr Geschäft verderben. Früher haben sie gesagt: Natur ist gut, entsprechende künstliche radioaktive Stoffe sind dagegen gefährlich. Heute sagen sie mal so, mal anders. Natur wäre gefährlich, der Uranabbau, bei dem nur Naturstoffe gefördert werden, würde „ganze Landstriche radioaktiv verseuchen.“ Andererseits schreibt Herr Neumann in seinem Artikel über Abbruchmaterial aus stillgelegten Kernkraftwerken: „Dieser Verweis zur Beurteilung zusätzlicher Strahlendosen auf die natürliche Radioaktivität ist so alt wie falsch, weil aus der Existenz der natürlichen Radioaktivität keine zusätzliche Belastung abgeleitet werden kann, sondern dies nur mit einer anderweitigen Rechtfertigung erfolgen darf.“

„Herr, dunkel war der Rede Sinn!“ (Schiller)

Dahinter steckt möglicherweise die Vorstellung, wir würden schon sehr unter der natürlichen Strahlenexposition leiden, und daher darf nicht das Geringste dazukommen. Aber betritt Herr Neumann kein Gebäude aus Beton, macht keine Flugreisen, vermeidet Körperkontakt mit anderen Menschen, die ja alle eine Strahlenquelle von etwa 8.000 Becquerel darstellen?

Zurück zur Realität: Der Naturzustand ist der richtige Vergleichsmaßstab. Aber enthält Abrissmaterial nicht mehr Radioaktivität als normaler Erdboden? Zum Teil schon, aber wesentlich weniger als z.B. der dunkle Sand am Strand von Kerala in Indien, auf dem die Touristen ganz entspannt sitzen.

In jedem Fall sagt die Konzentration an radioaktiven Elementen noch nichts über die Strahlenexposition von Menschen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Frau Christiane Hinninger, behauptet, die Gesundheit der Bevölkerung könne gefährdet werden. Aber welcher Strahlendosis wird die Bevölkerung durch die Deponie ausgesetzt? Gar keiner.

Eines Tages werden wir hier afrikanische Verhältnisse haben, und Leute durchwühlen Mülldeponien nach Brauchbarem. Dann allerdings werden die Halbwertzeiten dafür sorgen, dass nur noch geringe Radioaktivität vorhanden ist. Heute sind nur die Arbeiter betroffen, und für diese wurden die 10 Mikrosievert berechnet. Die am meisten exponierten vermehren ihre natürliche Strahlendosis um ein Zweihundertstel. Wenn die Stadtverwaltung das nicht glaubt, kann sie es nachprüfen lassen.

Unter wirklichen Fachleuten ist die Strahlenwirkung keinesfalls umstritten, wie Frau Ruf meint. Allerdings sind viele Fachleute noch nicht bereit, das alte Konzept der Kollektivdosis zu verwerfen. Es ist noch Grundlage unserer Strahlenschutzgesetzgebung. UNSCEAR (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation) empfiehlt schon heute, dies Konzept nicht auf kleine Dosen anzuwenden. Es erscheint auch absurd. Auf Blut angewandt, sähe es so aus: Verliert jemand 5 l Blut, ist er tot. Verlieren 1.000 Menschen je 5 Milliliter, sind das zusammen wieder 5 l und es gibt genau einen Todesfall. Bei Strahlung ist es so, als könnte man vielen 1.000 Menschen ihre Strahlendosis abnehmen und auf eine einzelne Person übertragen, bis bei dieser genug angehäuft ist, dass sie stirbt. Selbst bei einer solchen Betrachtungsweise stellt das Abbruchmaterial aus Kernkraftwerken keine Gefahr für die Bevölkerung dar.

Kernkraftgegner wie Herr Neumann lieben dieses Konzept der Kollektivdosis und wenden es phantasievoll an. Die für Einzelpersonen unter ungünstigen Umständen ermittelte Dosis wird als mittlere Dosis der Gesamtbevölkerung zugrunde gelegt. Im Fall Wiesbaden würde das bedeuten, dass alle Einwohner auf der Deponie leben. Dazu werden noch die Ausgangsdaten frisiert, wie Konzentrationen, Strahlendosen usw.

Aber auch wenn es so wäre, wie uns solche Strahlenhysteriker weismachen wollen, unser Lebensrisiko würde dadurch nicht wesentlich erhöht. In Wiesbaden gibt es nicht nur die Stadtverordnetenversammlung, sondern auch eine Institution, die sich mit Tatsachen befasst, nämlich das Statistische Bundesamt. Deren Veröffentlichungen ist zu entnehmen: Von 1.000 Männern, die ihren 40. Geburtstag feiern, sterben 2 im folgenden Jahr, nur 998 können ihren 41. Geburtstag feiern. Das ist eine Sterbewahrscheinlichkeit von 0,2 %. Alles, was man fälschlicherweise der Radioaktivität zur Last legt, kommt erst viel weiter hinter dem Komma.

Hannover, den 29.08.2015

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4 Kommentare

  1. Radioaktivität ist in der heutigen Welt das, was im Mittelalter die Hexen waren. So hat es einer gesagt, der es wissen muß: Kardinal Marx aus München im Rahmen der Ethik-Kommission: Kernkraft ist Teufelszeug. Die Kirche trägt Schuld an den Hexenverbrennungen über ca. 5 Jahrhunderte. Heute sind Regierungen Schuld an der Verdammung der Kernkraft, unterstützt werden sie von den hauptamtlichen Strahlenschützern. Man lese dazu
    James Muckerheide: “It’s Time to Tell the Truth About the Health Benefits of Low-Dose Radiation” zu finden unter http://tinyurl.com/olsa23s

    Prof. Jaworowski (einer der ganz GROSSEN bei Strahlung) nannte daher die Verteufelung dieser Strahlung KRIMINELL, dem kann ich zustimmen.

    Auf der anderen Seite wird Geld zum Fenster hinaus geworfen für unnötige Dinge, weil irgendwo ein Becquerel zu viel sein könnte (z.B. der Bau des zweiten Sarkophags um die Ruine in Tschernobyl für runde 2 Mrd. EURO). Becquerels sind nicht gefährlich, denn wenn sie das wären, dann hätte Herr Minister Peter Altmaier seine eigenen ca. 15 000 Becquerels längst um einige tausend Bq reduziert, und Sigmar Gabriel ebenso.

  2. Nun ja, mit Hysterie und Aberglauben ließ sich schon immer gut Politik machen. Da hat sich seit dem Mittelalter nicht allzuviel geändert. Und wenn man das Volk mit dem Fegefeuer nicht mehr schrecken kann muß man sich eben mit der radioaktiven Strahlung behelfen. Das läuft ganz nach dem Grundsatz: „Ich habe einen festen Glauben, mit Fakten kann man mich nicht verwirren.“

    Der besonders geniale Kunstgriff ist hier folgende Passage auf der Homepage der Grünen-Fraktion Wiesbaden: „Die Einschätzung des Dezernenten, es handele sich um „absolut unbelastetes“ Material ist unzutreffend. Eine Unterschreitung der ohnehin umstrittenen gesetzlichen Grenzwerte bedeutet nämlich nicht, dass das Material unbedenklich ist.“

    Wissenschaftlich gesehen ist natürlich kein Material dieser Welt „absolut unbelastet“. Selbst der glaubensstärkste Ökologist strahlt friedlich vor sich hin. Und daß die gesetzlichen Grenzwerte umstritten sind ist auch eine Binsenweisheit, dafür sorgen schon jede Menge Gläubige die voller Inbrunst das LNT-Mantra vor sich hinmurmeln. Daß die Menschen in beispielsweise Ramsar (Iran) die Impertinenz besitzen nicht wie die Fliegen zu sterben und auch an anderen Orten der Welt mit besonders hoher Strahlenexposition keine erhöhte Sterblichkeit nachzuweisen ist liegt vermutlich nur an der Ignoranz der jeweiligen Bewohner.

    Ich bitte darum die Polemik zu entschuldigen, aber angesichts der hierzulande grassierenden Hysterie fällt einem (umgangssprachlich gesagt) nicht mehr allzuviel ein.

  3. Die SPD in Wiesbaden will halt ein paar zusätzliche Wähler gewinnen und das wird funktionieren. Wer die passende Expertise bringt, interessiert keine Menschenseele.
    In einer Fernsehsendung wurde berichtet, dass ebenfalls ein KkW Abbruch auf eine Bauschuttdeponie sollte. Das bekamen die Bewohner dort mit und sofort ging der Bürgerprotest (unterstützt vom ebenfalls hochentrüsteten Fernseh-Moderator)los. Begründung einer Interviewten: „Wenn auf der Deponie Radiaoaktivität liegt, ist mein Haus vollkommen wertlos geworden“. Sachinformation gab es keine.
    Kein (noch auf Wählerstimmen angewiesener) Politiker der von Verstand ist, wird dagegen angehen. Gerade wurden Veteranen der Wackersdorf-Proteste (geplante Wiederaufbereitungsanlage) groß als die wahren Helden Deutschlands gefeiert.

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