Prof. S. Fred Singer über das „Peer Review“

von S. Fred Singer
Um die Begutachtung [Peer Review] wissenschaftlicher Studien wird viel Wirbel gemacht. Vielfach wird Begutachtung als der „goldene Standard“ hoch gehalten, der die Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen sicherstellen soll. Die Leute fragen oft, ob manche Arbeiten „die Begutachtung durchlaufen haben“ und sind dann bereit, deren Wahrheiten zu akzeptieren, falls dem so ist. Ich wünschte nur, das wäre so!


Bild rechts: Begutachtung!

Ordentliche Begutachtung hängt ab von der Integrität des Herausgebers, der zwei oder mehr anonyme Begutachter auswählt, deren Namen nur er kennt, und auf deren Akzeptanz einer Studie er die Entscheidung zur Veröffentlichung trifft aufgrund ihres unparteiischen Ratschlags.

Aber dieses ideale System kann leicht missbraucht werden. Falls der Herausgeber eine vorgefasste Meinung hat – was bei kontroversen Themen wie dem Klimawandel oftmals der Fall ist – kann man sich fast darauf verlassen: Der Herausgeber wählt die Begutachter danach aus, ob sie die Meinungen äußern, die er haben will. Selbst falls der Autor der Studie einige bestimmte Punkte in der Begutachtung seiner Arbeit in Frage stellt, hat der Herausgeber immer das letzte Wort – und die Studie wird abgelehnt.

Einige Beispiele

Ich hatte in letzter Zeit drei Erlebnisse, die mich hinsichtlich Begutachtung desillusioniert haben – darunter prestigeträchtige Zeitschriften: das International Journal of Climatology (IJC), veröffentlicht von der Royal Meteorological Society (RMS), die Geophysical Research Letters (GRL-AGU) und Eos (EOS-AGU), beide veröffentlicht von der American Geophysical Union.

1. IJC-RMS: Meine Mitautoren David Douglass (University of Rochester) und John Christy (UAH) [D&C] haben ihre Erfahrungen mit dem Herausgeber Glenn McGregor in einem Essay im American Thinker beschrieben (20. Dezember 2009) [1] (hier). Beide diskutieren dabei über die wissenschaftliche Kontroverse mit B. D. Santer in ihrem Anhang A.

Einige Monate später fand ich schwere Fehler in Santers 90-seitiger IJC-Studie und übermittelte eine entsprechende Mitteilung an IJC-Herausgeber McGregor. Zu jener Zeit wusste ich noch nichts von der komplizierten Historie, die D&C aus den Klimagate-E-Mails herausgefiltert hatten. Ich erlebte dann ein extensives Hin und Her mit den IJC-Begutachtern und habe schließlich frustriert aufgegeben, als keinerlei Rückendeckung vom IJC-Herausgeber kam. Nachdem ich zwei Jahre verplempert hatte, habe ich eine vollständige Liste der Fehler von Santer (IJC 2008) veröffentlicht in der begutachteten (jawohl!) Zeitschrift Energy&Environment (2011) und noch einmal in E&E im Jahre 2013, nachdem Andere die gleichen Fehler gefunden und ihre Ergebnisse veröffentlicht hatten.

2. GRL-AGU: Das Problem hier unterschied sich recht erheblich davon. GRL deckt die meisten Gebiete der Geophysik ab – und heuert daher Neben-Herausgeber für jedes Fachgebiet an – wobei für das Thema Klima Noah Diffenbaugh zuständig ist. Zufällig habe ich erfahren, dass er eine Zuwendung in Höhe einer Viertelmillion Dollar von Google erhalten hatte, die für die Propaganda für die globale Erwärmung gedacht waren. Daher war ich nicht überrascht, dass meine Einreichung von GRL abgelehnt wurde. Natürlich habe ich mich beim geschäftsführenden Direktor über diesen offensichtlichen Interessenkonflikt beschwert, weiß aber nicht, ob er jemals intern angemessen darauf reagiert hat.

3. Eos-AGU: Hier zitiere ich aus dem Brief, den ich vom für Klima zuständigen Unter-Herausgeber Jose Fuentes erhalten habe, der drei ablehnende Berichte von Begutachtern heranzog, welche die Grundlage für seine Entscheidung bildeten, die Einreichung abzulehnen.

Dear Dr. Singer:

Nochmals vielen Dank für die Übermittlung Ihrer Meinung in einem Manuskript mit dem Titel „Geo-engineering – stopping ice ages“.

Auf der Grundlage der Empfehlung von drei Begutachtern kann ich dieses Manuskript derzeit nicht für eine Veröffentlichung akzeptieren. Ich habe die Berichte der Begutachter zu Ihrer Kenntnisnahme beigefügt.

Danke für die Gelegenheit, diese Arbeit zu untersuchen.

Sincerely, Jose D. Fuentes

[Prof., Penn State Univ., Department of Meteorology]
Editor, Eos 
American Geophysical Union
 

2000 Florida Avenue NW 

Washington DC 20009 USA 

——————————————

Bericht von Begutachter Nr. 1:

Diese Studie sollte abgelehnt werden. Sie enthält unbewiesene Behauptungen und Beschimpfungen. Außerdem fehlt eine Referenz-Liste. Ich füge das Manuskript bei mit Anmerkungen zu allen Problemen, aber die Hauptprobleme sind die beiden Folgenden:

Der Autor behauptet, dass eine Eiszeit bevorstehe, führt aber keine Beweise zur Unterstützung dieser Behauptung an. Was sagen die Klimamodell-Projektionen? So wie ich es verstehe, steht eine massive globale Erwärmung im nächsten Jahrhundert bevor, falls alles so weitergeht wie bisher und lange bevor irgendein astronomischer Antrieb wirksam werden kann.

Die Methode, Ruß auf dem Eis zu verteilen, müsste jedes Mal wiederholt werden, wenn es geschneit hat. Die Studie behauptet, dass dies billig sein würde, bietet aber keine Daten oder Berechnungen, um diese Behauptung zu stützen. Außerdem kann ich mir viele Risiken und negative Auswirkungen eines solchen Verfahrens vorstellen, aber diese werden nicht angesprochen.

——————————————

Begutachter Nr. 2: Kommentare zu „Geo-Engineering stopping ice ages“ von F. Singer:

Singer argumentiert, dass es das dringendste Anliegen der Menschheit bzgl. Klima sei, eine neue Eiszeit zu verhindern. Um dies zu erreichen, schlägt er ein Geo-Engineering-Experiment vor, dass das Schmelzen von Eisfeldern enthält, indem man Ruß auf ihnen verteilt, was die Albedo verringert und den Planeten erwärmt. Unglücklicherweise ist gerade ein Geo-Engineering-Experiment im globalen Maßstab im Gange, das ziemlich effektiv war hinsichtlich steigender Temperaturen und Abschmelzen des Polareises: die Zunahme von CO2 durch das Verbrennen fossiler Treibstoffe.

Es ist daher schwierig, diese Studie als etwas anderes als eine Provokation der wissenschaftlichen Gemeinschaft anzusehen (ein schlechter Witz). Die Studie sollte nicht veröffentlicht werden.

——————————————

Begutachter Nr. 3:

In diesem Brief an Eos von S. Fred Singer geht es um einen kürzlich erschienenen Bericht zum Thema Geo-Engineering des National Research Council, in welchem die Machbarkeit und die potentiellen Konsequenzen von Bemühungen evaluiert werden, die anthropogene Treibhaus-Erwärmung zu bekämpfen. Er behauptet, dass Bemühungen im Bereich Geo-Engineering sich stattdessen darauf konzentrieren sollten, die nächste Eiszeit zu verhindern, zu welcher sich der Übergang im Zeitmaßstab von Jahrtausenden vollziehen würde.

Das war interessant zu lesen, hauptsächlich weil es Einblick in die Denkweise von einem gibt, der das Thema Klimawandel aus einer wahrhaft wahnhaften und verqueren Perspektive betrachtet. Es ist unbestreitbar, dass während der letzten Jahrzehnte das arktische Eis rapide abgenommen hat, während sich das Abschmelzen des grönländischen Eisschildes beschleunigt hat. Was sollten wir nach Mr. Singers Ansicht tun? Seiner Meinung nach sollten wir Ruß auf Schneefelder streuen, was deren Abschmelzen weiter beschleunigt und zum beobachteten Anstieg des Meeresspiegels beiträgt, alles im Namen einer Eiszeit, zu der es in tausenden von Jahren kommen könnte. Es ist schwierig zu sagen, ob dieser Brief als Witz gemeint ist oder aus irgendwelchen Gründen als „vermittelbar“, weil er so völlig frei von Begründungen ist. Ich könnte fast die Veröffentlichung dieses Briefes empfehlen, weil er die verschrobene Denkweise von jemandem spiegelt, der die anthropogene Treibhaus-Erwärmung als das Produkt irgendeiner UN-basierten Verschwörung ansieht. Eos schuldet es aber seiner Leserschaft, sie vor der Mühe des Lesens von Unsinn zu bewahren, um ernsthafte Informationen zu erlangen.

Ist es wert, den Begutachtern zu antworten?

Ich denke, dass es absolute Zeitverschwendung wäre, da der Bias der Herausgeber von Eos ziemlich klar hervortritt: Sie hätten Meinungen zurückweisen sollen, die allein auf Ideologie oder auf absichtliches Missverstehen meiner Argumente basieren. Jedoch für das Protokoll: Man beachte, dass ich einen Beitrag als Leserbrief übermittelt habe, um die Diskussion anzuregen; Leserbriefe tendieren allgemein dazu, provokativ zu sein und enthalten keine Referenzen.

An Begutachter Nr. 1: Natürlich können die IPCC-Modelle keine Eiszeiten vorhersagen – aber immer mehr Solarexperten sehen eine „Kleine Eiszeit“ während der nächsten Jahrzehnte kommen.

Und außerdem, das Holozän könnte bereits beendet sein. Da große Vereisungen nur allmählich eintreten, kann man diese Möglichkeit nur in der Retrospektive beurteilen.

Meiner Erinnerung nach wurde das Ausbringen von Ruß zum Schmelzen von Schnee und Eis vom Wissenschaftsdirektor der NOAA Joe Fletcher um das Jahr 1970 ins Spiel gebracht und von Jim Hansen wiederbelebt.

An Begutachter Nr. 2: Er spricht von abschmelzendem polaren Meereis; ich rede von der Begrenzung des Wachstums eines (gegenwärtig kleinen) Schneefeldes in hohen Breiten und den Lehren, die man daraus ziehen kann.

An Begutachter Nr. 3: Ich hoffe, dass er in der Hölle schmort – aber Gefrieren könnte ihn erhalten – ach du liebe Zeit!

Übersetzt von Chris Frey EIKE

Da es sich hier um einen Brief Singers handelt, kann kein Link zu einem Original angegeben werden. Damit aber die korrekte Übersetzung geprüft werden kann, ist sein Brief im Original beigefügt. – Anm. d. Übers.

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4 Kommentare

  1. Wenn Peer und Autor das naturwissenschaftliche Prinzip der Wiederholgenauigkeit und der Fehlervermeidung akzeptieren, sollten sie im Konsens zu einem von beiden Seiten akzeptierten Text kommen. Das wäre optimales Peer Review.
    Wenn das nicht gelingt, hat die Veröffentlichung des Autors Vorrang und der Peer kann unmittelbar nachfolgend Gegenrede halten. Das ist dann ein weniger optimales Peer Review.
    Geheimes Peer Review wie es heute weit verbreitet ist, gehört verboten. Es dient nur der Aufrechterhaltung von Herrschaft über Beherrschte.
    ,eden

  2. Das System des „Peer Review“ bewirkt meines Erachtens vor allem die Selbsterhaltung eines „Status quo“ in der Wissenschaft. Ideen die den Begutachtern als zu neu oder zu revolutionär erscheinen, dürften in der Regel keinerlei Chancen zur Veröffentlichung haben. Ich wage auch einmal zu behaupten, daß es ein Mann wie Albert Einstein im heutigen System zumindest sehr schwer hätte zu publizieren.

    Natürlich besteht immer die Möglichkeit das in einem „offenen“ System auch Papiere erscheinen würden die, objektiv betrachtet, das Papier nicht wert sind auf dem sie geschrieben wurden, aber letztlich erscheint mir die offene Diskussion, in der man sich ab und an eben auch mal mit Absurditäten befassen muß, besser zu sein, als eine Kultur die tendenziell damit beschäftigt ist sich immer wieder selbst zu bestätigen.

    Allerdings scheint der Glaube, davon auszugehen das mit uns der Gipfel des technischen Fortschritts erreicht wurde, weit verbreitet. Anders läßt sich die derzeitige allgemeine Stagnation jedenfalls nicht erklären. Ich benutze hier übrigens ganz bewußt die Formulierung „Glaube“, weil es sich meiner Ansicht nach um eine quasi-religiöse Überzeugung handelt. Da werden zum Thema Klimawandel im Brustton der Überzeugung Ergebnisse einer Computersimulation als feststehende Fakten verkündet. Natürlich „vergisst“ man dabei zu erwähnen, daß es sich bei dem simulierten Vorgang um etwas handelt, daß man bisher noch nicht wirklich in der Lage ist zu verstehen. Da wird zum Thema „Atommüll“ so getan, als wäre es der Weisheit letzter Schluß das Zeug so zu verbuddeln, daß es für tausende von Jahren von der Erdoberfläche verschwunden ist.

    Dabei war es erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, daß die elektrische Beleuchtung Fuss fasste. 1976 erschien mit dem Apple I der erste Vertreter der modernen Personal Computer dem 1979 die Geburt des 8088 Prozessors von Intel folgte. Der 80286 erschien 1982, der Pentium 1993 und die Core-I-Serie 2008. Seit dem Erscheinen des Apple I sind jetzt 39 Jahre ins Land gegangen und wenn z.B. 1969 ein Zeitreisender aus dem Jahre 2015 mit den Experten gesprochen hätte, hätten diese wohl Schwierigkeiten gehabt zu glauben, daß all das was wir heute das Internet nennen aus jenem entstehen würde was sie gerade als Arpanet aus der Taufe gehoben hatten.

    Dieser rasante technische Fortschritt war vor allem durch den freien Fluss der Ideen möglich. Natürlich gab es auch Rückschläge und Fehleinschätzungen, aber das gehört eben dazu. Das Konzept der „Peer Review“ ist nun so ziemlich das genaue Gegenteil dieser Freiheit. Es bewirkt, daß Ideen die den Begutachtern als zu neu, zu unkonventionell (Ideen also die mit den Konventionen brechen) oder zu revolutionär erscheinen gar nicht erst abgedruckt werden. Die Frage ist, ob wir das wirklich wollen können.

  3. @ #1

    Inzucht?

    Nein. Es ist das Prinzip des Konservatismus, der Neuerungen nicht zuläßt.

    Die Gefahr im sog. Peer-Review-Verfahren bestaht darin, daß eine inhaltliche Kontrolle stattfindet und nicht etwa eine formale auf die Einhaltung der wissenschaftlichen Regeln und sonstiger Formalien beschränkt. Natürlich gilt es zu verhindern, daß Altes als Neu ausgegeben wird. Und natürlich Fehlschlüsse der Vergangenheit durch bloßes Abschreiben (Zitieren als wahr obwohl falsch) zu verhindern.

    Beispiel:

    Die Windmühlentechnik macht gewaltige Fortschritte, denn die Windmühlen werden mit zunehmender Größe effizienter und billiger aufgrund von Lerneffekten.

    Das ist Falsch. Mit zunehmendem Rotordurchmesser sinkt der Wirkungsgrad und die Technik wird nicht effizienter, weil 50% Umwandlungagrad im Maximum der technisch erreichbare Wert ist, der schon 1988 erreicht wurde. Die höhere Stromproduktion pro m² Rotorfläche ist allein der Zunahme des nutzbaren Windes geschuldet und des kubischen Zusammenhangs zwischen Windgeschwindigkeit und nutzbarer potentieller Energie. Lernkurven zur Kostensenkung gibt es nicht mehr. Die beobachteten Kostensenkungen beruhen auf reiner Fixkostendegression.

    Trotzdem wird der Unfug von den Lernkurven und der steigenden Effizienz immer wieder abgeschrieben und von Reviewern durchgewunken, weil die halt von der Materie nichts verstehen. Ökonomen (BWer) sind in dem Metier allgemein nicht tätig. Die wissen sowas.

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