Moskau’s europäische Gas-Strategie funktioniert nicht länger

Alan Riley
Je offener der europäische Energiemarkt, umso weniger zugkräftig ist es für Russland. Der Vizepräsident der Europäischen Kommission für Energieunion Maros Sefcovic war bei einem Treffen in Moskau am 14. Januar überrascht zu hören, dass der Leiter von Gazprom Alexej Miller erklärte, Europa müsse seine eigenen Pipelines bis zur türkischen Grenze bauen, wenn die Europäer weiterhin Zugang zum russischen Erdgas haben wollen, das derzeit durch die Ukraine geleitet wird.


Unter Berufung auf "Transitrisiken" durch den Transport von Erdgas durch "unzuverlässige Länder", wollen die Russen die Ukraine umgehen und ein System aufbauen, wie es als Turk-Stream durch das Schwarze Meer durch Anatolien bis zum Balkan bekannt ist. Westeuropa, das etwa 30% seines Erdgases aus Russland bekommt, müsse nun mit der Entscheidung leben, wurde Mr. Sefcovic mitgeteilt. "Turk Stream ist jetzt die einzige Pipeline" erklärte Mr. Miller gegenüber Reportern. "Unsere europäischen Partner sind hiervon unterrichtet worden und ihre Aufgabe ist es nun, die notwendige Infrastruktur für Gastransporte ab den Grenzen der Türkei und Griechenlands zu etablieren."

Dennoch wissen Mr. Sefcovic und andere Experten, dass die europäischen Verbraucher keinen wirklichen Grund zur Sorge haben. Mr. Millers polternder Ton reflektiert wenig mehr als die Zwielichtigkeit der plumpen Pipeline-Politik von Gazprom, Tatsache ist, dass der Griff des russischen Energieriesen auf Preise und die Verteilung schwächer wird, wenn die Gas- und Ölpreise sinken und der Wettbewerb steigt.

Viele Europäer haben schlechte Erinnerungen, als Gazprom wegen der Meinungsverschiedenheiten mit der Ukraine über Preise die Lieferungen während der Winter von 2006 und 2009 unterbrochen hatte. Ein Gefühl der Verwundbarkeit wurde durch russische Bemühungen verschärft, mehr Liefersysteme zu entwickeln, die es Moskau erlauben, den Gasfluss in bestimmte Länder direkt steuern zu können: Die Blue-Stream-Pipeline in die Türkei, die Jamal-Pipeline nach Polen und Deutschland sowie Nord Stream nach Deutschland. Dieses erweiterte Netzwerk war Teil von Moskaus kommerzieller und politischer Strategie, eine Strategie, die die Position der Ukraine als wichtigstes Transitland in den Westen aushöhlt; Kiew und die kleineren Staaten Osteuropas verlieren Transitgebühren und ermöglichen es damit Moskau, Lieferungen ungestraft zu beschneiden.

Aber die Strategie der Verwendung von Rohrleitungen als Hebel, um Märkte zu steuern, funktioniert nicht mehr. Seit 2009 ist die Europäische Union bemüht, ihre Energiesicherheit zu verbessern, vor allem durch Aktivitäten, einen einzigen offenen Markt mit Rohrleitungssystemen und neuen Bezugsquellen zu entwickeln. Wird einer der Mitgliedstaaten der Europäischen Union durch Gazprom der Gashahn zugedreht wird, kann Gas einfach von einem anderen Mitgliedsland aus fließen. Die Schwächung von Russlands Einfluss auf die Energiepolitik wurde im Dezember deutlich, als Präsident Wladimir Putin das viel beschworene South-Stream-Projekt aufkündigte, das eine Unterwasser-Pipeline von Russland nach Bulgarien enthielt. Europäische und amerikanische Sanktionen gegen Russland, verbunden mit finanziellen und rechtlichen Problemen, hatte das 40-Milliarden-Dollar-Projekt zur Umgehung der Ukraine unhaltbar gemacht. Anstatt nur die Akte zu schließen, hat Putin Pläne für Turk Stream angekündigt.

Auf den ersten Blick scheint der Schwenk wie ein cleverer Versuch, Ankara näher an Moskau zu bringen, während Europa weiter von russischem Gas abhängig ist und um Kiew für den Bruch mit dem Kreml zu bestrafen. Doch bei näherer Betrachtung sieht es aus wie ein Akt der Verzweiflung.

Im vorigen Jahr, als die Krise um die Krim und die Region Donbass überkochte, sperrte Russland die Gasströme nach Kiew unter Berufung auf Preisstreitigkeiten fast ein halbes Jahr lang. Auch wenn EU-Beamte Moskaus Zusicherung haben, dass der [Energie-]Fluss in diesem Jahr weiterhin sicher erhalten bleibt, öffnet sich der europäische Markt zunehmend anderen Quellen. Norwegen ist nun ein Rivale Russlands um den Titel des größten Gasexporteurs in andere Länder auf dem Kontinent. Auch Algerien ist in der Lage, mehr Gas zu liefern; die ersten Importe von verflüssigtem Erdgas aus Amerika sind nur ein Jahr her, während die Anfänge der Schiefergas-Entwicklung in Polen und Großbritannien zu sehen sind. Darüber hinaus werden Fernleitungsnetze nach Italien und zum Balkan von der Türkei und Aserbaidschan gebaut.

Für Russland, durch taumelnde Öleinnahmen und andere Leiden getroffen, wird die Suche nach Investoren für neue Rohrleitungssystemen bestenfalls schwierig sein. South Stream ist mit vielen Hürden konfrontiert, einschließlich rechtlicher Hindernisse. Die neuen Regeln der Europäischen Union zur Marktliberalisierung erfordern die Trennung der Übertragungsnetze vom Gaslieferanten. Grundsätzlich kann Gazprom sowohl die Rohrleitungen und das Gas nicht legal besitzen, sie hätten sonst die Rohrleitungen durch Osteuropa bis in den wichtigsten Handelsknotenpunkt in Österreich gekauft. Auch wenn Brüssel eine Ausnahme gewähren würde, würde das Unternehmen immer noch aufgefordert werden, Dritten Zugang zu seiner Pipeline zu gewähren. Auch würde Brüssel eine transparente Preisgestaltung für die Nutzung des Systems durch andere Unternehmen fordern. Ein solcher Eingriff wäre ein Gräuel für Moskau.

In gewisser Weise ist das Turk-Stream-Projekt noch problematischer als South Stream. Der russische Vorschlag sieht die Vermeidung von Konflikten mit dem europäischen Recht vor, indem die Kunden von Gazprom die Lieferung an der europäischen Grenze annehmen. Aber diese Hoffnung könnte leicht nach hinten losgehen. Ist das russische Gas einmal in Europa, könnte es überall hin dirigiert werden. Ein Hauptspeicherpunkt, speziell im Sommer, würden die großen Einrichtungen in der Westukraine sein. Turk-Stream könnte den Einfluss von Gazprom weiter verringern, indem ein weiterer Erdgasspeicher eingerichtet wird, der gegen eine russische Sperre immunisiert.

Zuerst erschienen am 13.02. 2015, National Post

Gelesen auf : The Global Warming Policy Forum

Link: http://www.thegwpf.com/moscows-european-gas-strategy-is-no-longer-working/

Übersetzt durch Andreas Demmig für das EIKE

Zusatz des Übersetzers: Ich habe beruflich auch mit Pipeline Projekten zu tun gehabt. Sofern auch der Kunde seine Zusagen (Geld) einhält, haben sowohl die Russen, als auch z.B. die Iraner ihre Verpflichtungen immer sorgfältig eingehalten. Selbst während der politischen „Eiszeit“.

Ob es tatsächlich sinnvoll und wirtschaftlich ist, eine weitere teure Infrastruktur aufzubauen , nur um „unabhängig“ zu sein, ist sicherlich näherer Betrachtung wert.

Unabhängigkeit würde bedeuten, auch die eigenen Lagerstätten zu nutzen.

A. D.

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Ein Kommentar

  1. Kiew und die kleineren Staaten Osteuropas verlieren Transitgebühren und ermöglichen es damit Moskau, Lieferungen ungestraft zu beschneiden.> Na das tut mir aber wirkich leid dass z.b. Polen und die baltischen Staaten keine Wegelagereigebühren erheben können die der deutsche Kunde zu bezahlen hat und was Kiev angeht da müßte man schon aus Gründen der Hygiene in der freien Marktwirtschaft deklarieren dass es sich nicht um Gebührenerhebung sondern schlichten Diebstahl handelt der im Land dafür sorgt das Zwielichter ihr korruptives Auftreten zementieren können – Da hat Gas-Gerd wirklich gute Arbeit geleistet mit einer direkten Verbindung durch die baltische See nach Deutschland. – Das unsere best friends and partners das natürlich aus deren Interessenlage anders sehen ist klar. Würde in der Ukraine Opium gedeihen oder Koka kultiviert werden können hätte man natürlich eine gern genutzte Alternative zur Wegelagereigebühr um die Chunta schmieren zu können.

    Wird einer der Mitgliedstaaten der Europäischen Union durch Gazprom der Gashahn zugedreht , kann Gas einfach von einem anderen Mitgliedsland aus fließen. > Gazprom ficht das überhaupt nicht an da mit Sicherheit „irgendjemand “ für das Gaz bezahlen wird – im Zweifelsfall Deutschland. Was daran so toll sein sollweiss ich nicht – für die US obschon.
    Der Bericht ist von vorne bis hinten tendenziell – selbst in Zeiten des kalten Krieges hatte Westdeutschland mit russischem Gas/Öl eine verlässliche Energieressource. Bezüglich der Lieferung in die Ukraine empfehle ich dringendst einmal zu bedenken dass „Russland“ weit unter Weltmarktpreis jahrelang geliefert hat- natürlich unter vertaglich ausgehandelten Prämissen (eine davon ist die schlichte „Bezahlung“ -aber selbst die wurde nicht immer eingehalten) – dazu kommt ein jahrelanger,relevanter schlicht zu nennender Diebstahl von Gas durch bestimmte Gestalten in der Ukraine – nicht zuletzt durch das geszimmerte Geschäftimperium einer ehemaligen first Lady von orchstrierter Gnaden welche die Ressource dann auf eigene Rechnung zu weitaus höheren Preisen weiterverhökert hat. Da sind persönlich gewaltige Summen hängengeblieben. Aber lassen wir das – ja Russland hat Probleme. Ich frage mich nur ob die gute Freunde aus Amerika nicht noch viel größere Probleme haben und haben werden mit einer Frakingblase die rein aus billigem Fiatpenuncen aufgeblasen wurde und nun unter relativ geringen Ressourcenpreisen darbt. Wer hier tatsächlich verantwortlich dafür ist das „Russland“ Probleme beim Vertrieb hat und was die „rechtlichen“ Dinge sind die bestimmte Pipelines verhindern – zu wessen Nachteil eigentlich auch (!) – das wäre wirklich mal eine Recherche wert.

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