Kernkraft, nein danke?

Die Angst der Deutschen vor der Kernkraft

Der hastige, panikartige Beschluss der Bundesregierung von 2011, aus der Stromerzeugung mittels Kernkraft auszusteigen (Stichwort Fukushima), war falsch, ist falsch und wird falsch bleiben. Aber die wohl meisten Deutschen haben vor der Kernkraft Angst. Mit Tatsachen ist ihr schwer beizukommen. Wer es versucht, stößt sofort auf Ablehnung, Tatsachen sind unerwünscht. Schon der Versuch wird wahrgenommen als Angriff auf die persönliche Meinung. Die steht unerschütterlich fest: Meine Angst gehört mir, die lasse ich mir nicht nehmen. Weil diese Angst besteht, müssen Politiker sie ernst nehmen. Aber sie ist irrational, sie ist geschürt, über Jahrzehnte, von Medien, von Politikern, an der Spitze die „Grünen“. Verantwortungsvolle Politiker hätten nicht mitschüren, sondern aufklären sollen. Das ist leicht gesagt und schwer getan. Politiker riskieren Wählerverlust, den Rückhalt ihrer Partei, den Mandatsverlust. Jetzt wird die Angst weitergeschürt. Der Anlass ist der Abschlussbericht über den Versuchsreaktor in Jülich.

Der Auftrag, die Betriebsgeschichte des Versuchsreaktors zu untersuchen

Dieser Reaktor ist längst stillgelegt, seit 21 Jahren. Betrieben worden war er von 1967 bis 1988. Niemand ist zu Schaden gekommen. Nicht stilllegen ließ sich jedoch die Diskussion über ihn und über die mit ihm zusammenhängenden technischen Fragestellungen. Dabei ging es auch um überhöhte Temperaturen im Reaktorkern, die seinerzeit angeblich nicht erkannt worden seien, und um angeblich hohe Freisetzungen von Spaltprodukten aus den Brennelementen. Die beiden für den Reaktor verantwortlichen Gesellschaften „nahmen dies schließlich zum Anlass, die Betriebsgeschichte des Versuchsreaktors durch externe Experten untersuchen zu lassen“. Weiteres dazu hier. Diese Expertengruppe hat ihre Arbeit aufgenommen im Sommer 2011. Ihr Bericht liegt mit dem Datum 26. März 2014 inzwischen vor. Morgen am 10. Juni findet dazu eine öffentliche Veranstaltung statt.*)

Feststellungen in der Untersuchung medial zum Skandal aufgeblasen

Doch schon vor der Veranstaltung wurde der Bericht medial instrumentalisiert, um gegen die Kernkraft im allgemeinen und gegen den Versuchsreaktor im besonderen zu polemisieren und dasjenige zum Skandal aufzublasen, was die Expertengruppe in ihrem Bericht beanstandet oder glaubt, beanstanden zu müssen. Ein Beispiel dafür liefert die Aachener Zeitung vom 26. April. Unter der Überschrift „Blindflug durch ein hochgefährliches Experiment“ teilte sie ihren Lesern mit, der Versuchsreaktor sei auf ganzer Breite gescheitert. Es habe Manipulationen, Vertuschungen, Täuschungen, Beschwichtigungen und einen sehr ernsten Störfall gegeben, der hochgefährliche Folgen hätte haben können. Durch den Bericht über den Reaktorbetrieb ziehe sich die mangelnde Kontrolle in vielen Bereichen wie ein roter Faden – eben wie eine Art Blindflug durch eine gefährliche Technologie. Den Vorsitzenden der Expertengruppe, Christian Küppers, zitiert das Blatt mit dessen Fazit „Vorher habe ich mir nicht vorgestellt, dass man an so eine gefährliche Technik in Deutschland so herangeht.“ Dem Expertenbericht selbst ist diese alarmistische Feststellung nicht zu entnehmen; er ist wissenschaftlich kühl und nüchtern gehalten. Seine Kurzfassung hier, seine Langfassung hier, der vollständige Zeitungsbericht hier.

Pannen, Störfälle, Eingriffe – ein Versuchsreaktor arbeitet nie gleich störungsfrei

Aber „gescheitert auf ganzer Breite“ ist der Versuchsreaktor keineswegs, jedenfalls nicht an sich selbst, nicht technisch. Wohl hat es Pannen und Störfälle gegeben, wohl zum Beispiel die Eingriffe per Hand in die Sicherheitsschaltung für eine zu hohe Kühlgasfeuchte, wodurch die Messbereiche umgestellt wurden, damit es nicht zu einer Schnellabschaltung kam. Aber für dergleichen war es schließlich ein Versuchsreaktor, und für Versuche, für das Erkennen möglicher Pannen und für das Beheben von Störfallen ist so ein Reaktor schließlich vorgesehen. Neue Technik, die in der Praxis erprobt wird, funktioniert nie gleich störungsfrei. Fehler werden gefunden, Schwächen werden erkannt – und behoben. Ebendies war die Aufgabe des Reaktors.

Ein Opfer der aufgeheizten Stimmung gegen die Kernkraft

Nicht deswegen also ist für den Reaktor in Jülich das Ende gekommen. Letztlich wurde er ein Opfer des Reaktorunfalls von Three Mile Island (1979) und von Tschernobyl (1986) und der damit gegen die Kernkraft politisch aufgeheizten Stimmung in der breiten Öffentlichkeit. Die hat bei zu vielen Menschen das Vertrauen in die Sicherheit von Kernkraftwerken zerstört. Dass es sich bei beiden Katastrophen um ganz andere Reaktortypen handelte als beim Jülicher Versuchsreaktor spielte in dieser Stimmung keine Rolle. Die Politiker bekamen Fracksausen Da nützten ihm auch seine überragenden und unbestreitbaren sicherheitstechnischen Eigenschaften nichts, obwohl sie, wie es im Expertenbericht heißt, „mit beträchtlichem Aufwand gegenüber Politik und Fachöffentlichkeit herausgestellt“ wurden. Zusätzlich, so ist dort ebenfalls zu lesen, hätten ihm „die schlechten Betriebsergebnisse“ und „das Ausbleiben neuer Aufträge“ geschadet.

Der Versuchsreaktor mit dem Kugelhaufen und das Ziel mit ihm

Wie ist es überhaupt zu dem Versuchsreaktor gekommen? 1959 hatten sich fünfzehn kommunale Elektrizitätsversorgungsunternehmen zur Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR GmbH) zusammengeschlossen. Ihr Ziel war, die Machbarkeit und Funktionsfähigkeit eines gasgekühlten, graphitmoderierten Hochtemperaturreaktors (HTR) zu demonstrieren. Dieser AVR-Versuchsreaktor, kurz dann meist nur „der AVR“ genannt, wurde in unmittelbarer Nachbarschaft zur damaligen Kernforschungsanlage Jülich (KFA) gebaut, die sich seit 1990 Forschungszentrum Jülich (FZJ) GmbH nennt.

Die drei großen Vorteile des Reaktors in Jülich

Dieser AVR in Jülich war ein Kugelhaufenreaktor. Erfunden hat solche Reaktoren der amerikanische Chemiephysiker Farrington Daniels (1889 bis 1972). Den Jülicher Kugelhaufenreaktor der AVR GmbH entwickelt hat in den 1950er Jahren der deutsche Physiker und Nukleartechniker Rudolf Schulten (1923 bis 1996) an den (damaligen) Kernforschungsanlagen Karlsruhe und Jülich. Im Kugelhaufenreaktor wird das Brennmaterial (Thorium, Uran oder Plutonium) in Graphitkugeln eingeschlossen. Etwa 5 Prozent der Masse einer tennisballgroßen Kugel besteht aus Körnern des radioaktiven Materials. Durch diesen Einschluss ergeben sich drei große Vorteile. Leicht verständlich hat sie der Physiker Jörg Ringshier beschrieben. Vor allem ist der Reaktor inhärent sicher.

Der Fachleute-Protest gegen den Zeitungsbericht

Gegen den Bericht in der Aachener Zeitung (AZ) vom 26. April und gegen andere ähnliche skandalisierende Darstellungen haben drei ehemalige Mitarbeiter und Studenten von Rudolf Schulten am 2. Mai in einem Brief an die AZ Einspruch erhoben und protestiert: Urban Cleve, Reinhard Böhnert und Helmut Alt, alle drei promovierte Ingenieure. Cleve hat an der RWTH Aachen Energietechnik studiert und dort auch promoviert und war Hauptabteilungsleiter für Technik der BBC/Krupp Reaktorbau GmbH, Böhnert emeritierter Professor für Anlagenbau und Verfahrenstechnik und Helmut Alt emeritierter Professor für Elektrotechnik und Informationstechnik. Die BBC/Krupp Reaktorbau GmbH war es, die den AVR geplant, konstruiert, montiert und in Betrieb genommen hat.

„Es war der Betrieb des sichersten Kernkraftwerks der Welt“

In ihrem Brief schreiben die drei mit dem AVR vertrauten Fachleute unter anderem: „Der Störfall von 1978 wurde nicht verschwiegen, sondern wissenschaftlich analysiert und bewertet, so, wie sich das für den Forschungsauftrag dieses Atom-Versuchs-Reaktorprojektes gehörte. Diese Analyse hatte mit Zustimmung aller zuständigen Aufsichtsgremien den Weiterbetrieb bis zum 31.12.1988 unter der Betriebsleitung von Egon Ziermann zur Folge.“ Es folgen ein paar technische Erläuterungen zu den grundlegenden Konstruktionsdaten des Reaktors, die aber nur Fachleuten etwas sagen. Dann als ein Fazit: „Es war also kein Blindflug durch eine der gefährlichsten Technologien, sondern der Betrieb des sichersten Kernkraftwerks der Welt. Der Dampferzeugerstörfall war kein Störfall sondern, nach der, allerdings erst später eingeführten, INES-Bewertungsskala der IAEA eine Störung nach INES 1 (das bedeutet: Störung, Abweichung vom normalen Betrieb der Anlage).“

„Kein anderes KKW hätte zweimal diesen Test-GAU überstanden“

Und ferner: „Alle weiteren Ereignisse die in dem Bericht erwähnt werden, waren Ereignisse nach Ines 0, (keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung), waren also zum Teil noch nicht einmal meldepflichtige Vorgänge. Es wurde also nichts vertuscht und das FZ-Jülich braucht sich auch für nichts zu entschuldigen.“ Im Übrigen sei der Jülich-Reaktor das einzige Kernkraftwerk in der Welt, mit dem zweimal ein “Test-GAU” durchgeführt worden sei. Niemand habe davon etwas gemerkt, und der Reaktor habe nach einigen Tagen der Abkühlung völlig problemlos weiterbetrieben werden können. „Er ist also das Kernkraftwerk mit der allerhöchst-denkbaren Sicherheit, kein anderes KKW in der Welt hätte einen solchen Test überstanden.“ Der vollständige Brief hier. Zugleich wendet er sich gegen das, was am 27. April Spiegel-Online vom Expertenbericht über den Reaktor geschrieben hatte. Der Bericht beschreibe haarsträubende Zustände: „Gefährliche Pannen wurden vertuscht, Strahlungsaustritte nur zufällig entdeckt.“ Der Spiegel-Bericht hier.

Was der Mit-Erbauer Urban Cleve im Expertenbericht alles vermisst

Einer der vier Experten, die den Bericht über den AVR verfasst haben, war der (am 27. April 2014 gestorbene) Leopold Weil, promovierter und habilitierter Ingenieur und zuletzt Leiter des Fachbereichs “Sicherheit in der Kerntechnik” des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS). Ihm hatte der Energietechniker Urban Cleve als einer der Mit-Erbauer des Reaktors am 26. März 2014 folgendes geschrieben: „Nach einer ersten Durchsicht vermisse ich:

1.) Den Hinweis, daß der AVR für eine Primärgasaktivität von 10 hoch 7 Curie ausgelegt und konstruiert worden ist. Gemessen wurden später im Durchschnitt 360 Curie, das ist fast der Faktor 1:1 Million. Damit relativieren sich alle beschriebenen “überhöhten Ereignisse und Messungen von Spaltprodukten”.

2.) Den Hinweis auf: – siehe Abb. 3 atw-Heft 12/2009 und atw. 5.1966 S. 269 -271 – Versuche mit der Kugelbettschüttung. Hieraus ergibt sich die Erklärung, daß einzelne BE an den “Einbuchtungen der Grafitwand” nur partiell gekühlt werden. Die ‚geschmolzenen Monitor-Kugeln’ haben wahrscheinlich, und das war bekannt, an diesen ‚Einbuchtungen’ gelegen und konnten nicht vollständig gekühlt werden. Die erwarteten höheren Temperaturen konnten, da sie weder festigkeitsmäßig noch in Bezug auf Spaltproduktdurchtritte hätten gefährdet werden können, oder eine Gefährdung hätte eintreten können, bewußt in Kauf genommen. Diese etwas geringer gekühlten Elemente wurden beim weiteren Durchlauf durch das Core dann wieder vollständig gekühlt. Im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Elemente lagen sie bei sicher unter 1%. Das im 1:1 Experiment ermittelte “Kühl-Strömungsprofi” des Cores war erstaunlich gleichmäßig von Wand zu Wand. (Erläuterung kpk: Mit Core ist der Reaktorkern gemeint, mit BE Brennelemente)

3.) In diesem Zusammenhang fehlt auch der Hinweis, daß in 21 Betriebsjahren nur 210 BE wegen Bruchs ausgeschleust werden mußten.

4.) Aus einer Undichtigkeit im Überhitzer des Dampferzeugers kann kein “Wasser” austreten, sondern nur Dampf. Hier liegt der alles bestimmende Gedankenfehler des Herrn Dr. Moormann. Die Darstellung in Ihrem Bericht ist also falsch. Das gefundene Wasser kondensierte erst nach Abschaltung des Reaktors an den kalten Stellen. Es handelte sich daher auch nicht um einen “Störfall” sondern um eine “Störung” nach Ines 1.

5.) Bei allen Kritikpunkten fehlt mir der Hinweis auf eine mögliche Gefährdung der Anlage. Sie hätten dann objektiverweise erwähnen sollen, daß alle beschriebenen kritischen Ereignisse /Störungen Ines 0-1 entsprachen, ja meist keinerlei Einfluß auf einen sicheren Betrieb des AVR hatten.

Dies nur zu den wichtigsten Punkten. Bitte informieren Sie hierzu auch Ihre Kollegen der Expertengruppe. Für eine kurze Stellungnahme wäre ich Ihnen dankbar, vielleicht überarbeiten Sie dann Ihren Bericht noch einmal, bevor Sie diesen übergeben.“

Leopold Weil hat darauf zwar am 30. März kurz geantwortet, aber zu keinem der Einwendungen von Cleve Stellung genommen – wohl deswegen, weil ihn seine Krankheit schon zu sehr mitgenommen hatte. In der postwendenden Antwort schreibt Cleve unter anderen:

„Warum nur diese negative Darstellungen?“

„Der Bericht ist zwar wissenschaftlich hochinteressant, nur, alles was beschrieben ist, war untersucht und die konstruktiven Maßnahmen waren getroffen. Auch fehlt der Hinweis, daß der AVR ein Versuchsreaktor war. Sie haben richtig geschrieben, daß zahlreiche Brennelemente (BE) verschiedener Konsistenz und Fertigung in diesem Reaktor untersucht worden sind. Alle waren noch in der Entwicklung!! Wegen der hochsicheren Auslegung für 10 hoch7 Curie Primärgasaktivität war der AVR ja hierzu auch bestens geeignet. Warum dann diese negative Darstellung? Die Aktivität im THTR war so gering, daß eine Totalemission des Kühlgases keine Evakuierung der Umgebung erforderlich gemacht hätte. Das war sicher auch ein Erfolg, der auf den Experimenten mit BE im AVR zurückzuführen ist. Auch dies hätte man erwähnen können. Warum nur diese negative Darstellungen? Wenn ein Nichtfachmann dies liest, kann er nur denken: “waren die von allen guten Geister verlassen?” dabei war der Betrieb des AVR ein toller, ja man kann fast sagen, einmaliger Erfolg. Politisch kann man alles schlechtreden, vor allem, wenn man keine Verantwortung für das trägt, was man schreibt. Ein Auto fährt ja auch noch, wenn mal eine Birne aus der Beleuchtung ausfällt, das sind in einem KKW schon meldepflichtige Ereignisse. Daß es nur 46 waren, ist phänomenal gut, oder?“ (Erläuterung kpk: Mit THTR ist der Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktor vom Typ Kugelhaufenreaktor in Hamm gemeint).

„Die grundlegenden Fehler schon in der Aufgabenstellung“

Gleich am 2. April schrieb Cleve an Weil nochmals: „Mir ist nicht klar, warum von der Expertenkommission niemand vom alleinigen Planer und Konstrukteur des AVR gehört wurde. Der AVR wurde ausschließlich von der damaligen BBC/Krupp Reaktorbau GmbH geplant, konstruiert, montiert und in Betrieb genommen. Da die grundlegenden Fehler schon in der Aufgabenstellung der Einleitung stehen, kann der ganze Bericht nicht den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen. Ich habe während der ganzen Zeit meiner Tätigkeit mit Verantwortung für all diese Fragen, weder bei Besprechungen intern, noch mit dem Kunden AVR noch mit den Genehmigungsbehörden oder den zuliefernden Gesellschaften je einen einzigen Mitarbeiter der damalig KFA als Teilnehmer erlebt. Daher kann die KFA überhaupt keine Kenntnisse von der wichtigen Zeit der Erstellung des AVR-KKW haben. Die KFA hatte auch nichts mit dem/der AVR zu tun. Ausgenommen hiervon war nur Prof. Dr. R. Schulten als ehemaliger GF der BBK, er hatte noch einen Beratervertrag mit BBC.“ (Erläuterung kpk: Kunde AVR = Kunde Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH, KFA = Kernforschungsanlage Jülich, KKW = Kernkraftwerk, GF = Geschäftsführer, BBK = Bundesanstalt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe)

„China baut seine neuesten Reaktoren heute noch so“

Und weiter: „Ich vermag beim besten Willen in dem ganzen Bericht nichts erkennen, was zu einer Gefährdung des AVR hätte führen können. Die hohe Verfügbarkeit von ztw. über 92 % ist doch ein Zeugnis hiervon, ganz abgesehen von den zweimaligen “Test-GAU” Experimenten. Auch die Funktion der Helium-Gasreinigungsanlagen wurde nicht erwähnt. Auch diese waren für die “Erstauslegung des AVR” mit einer Aktivität des Primärgases von 10 hoch 7 Curie ausgelegt, also völlig überdimensioniert und mit einer Doppelummantelung viel zu sicher gebaut. Probleme gab es erst durch Herrn Dr. R. Moormann,**) der bislang allen Diskussionen ausgewichen ist. In meinem Vortrag vor dem ICAPP in Nizza habe ich erklärt, daß der Moormann-Report der KFA eine Schande für die KFA darstellt. Diese Formulierung habe ich Herrn Dr. Moormann und auch Prof. Dr. Bachem***) zuvor mitgeteilt, da kein Einwand kam, habe ich das auch so vorgetragen, mit Zustimmung der EU-FZ-Petten. Siehe auch meine Ausführungen mit Dialog mit Dr. Moorman im ‚Zukunfsdialog der Bundeskanzlerin’. China baut seine neuesten Reaktoren heute noch so, daß der erfundene “Moormann-Störfall” eintreten könnte. Sind die alle soviel ‚dummer’ als Herr Dr. Moormann, es waren ja überwiegend seine Kollegen, die er damit heute noch ‚an den Pranger’ stellt.“ (Erläuterungen kpk: ICAPP = International Congress on Advances in Nuclear Power Plants im Mai 2011, EU-FZ-Petten = EU-Forschungszentrum – Institut für Energie – im niederländischen Petten).

“Der erdachte Moormann-Störfall”

Am 6. Juni hat Cleve auch an die FAZ geschrieben und zu Moormann dies: „Ich, und nicht nur ich, haben Herrn Dr. Moormann mehrfach um ein Gespräch gebeten. Er hat dies stets verweigert. Seine These wird weltweit von keinem Nuklearphysiker geteilt. Sein erdachter Störfall ist so trivial, daß wohl kaum jemand das nicht von selbst erkennt. Er wurde schon in den 50iger Jahren, als Dr. Schulten noch Mitarbeiter bei BBC in Mannheim war, von allen denkbaren Forschungsinstituten und TÜV untersucht. Ohne eine positive Stellungnahme wäre die AVR nie gegründet worden. Die beiden im Bau befindlichen KKW in China werden nach dem gleichen Prinzip gebaut, heute noch, auch hier könnte also der Moormann-Störfall eintreten. Die maßgeblichen Nuklearphysiker in China haben an der KFA studiert, sind, genauso wie er, Schüler von Prof. Dr. Schulten. Sie kennen den Bericht genau und bauen seit 6 Jahren weiter.“ Die FAZ hatte am 6. Juni eine ganze Seite über den Expertenbericht geschrieben und zog dieses Fazit: „Vor 36 Jahren kam es im Forschungsreaktor Jülich zu einem Störfall. Die Grünen sagen, Deutschland sei nur um Haaresbreite einem GAU entgangen. Doch Belege dafür gibt es nicht.“ Der ganze FAZ-Bericht hier.

Cleves Darstellungen gehören zur Beurteilung zwingend dazu

Cleve ist nach eigener Aussage der letzte noch Lebende aus der oberen Führung von der Erbauerfirma BBC/Krupp. Er hat am 2. Mai auch an Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft geschrieben hier, ferner an den Leiter des Forschungszentrums Jülich Professor Bachem hier sowie an die Expertengruppe hier. Mir liegen Stellungnahmen von Urban Cleve auch aus den Jahren 2008 bis 2013 vor, die hier nicht alle aufzuführen sind. Man mag zu seinen Einwendungen und Erklärungen sagen, ein damals Mitverantwortlicher versuche, sich von der Kritik im Expertenbericht reinzuwaschen. Nichtfachleute können das zwar schwerlich beurteilen. Auch ich bin einer von ihnen. Aber diese Einwendungen gehören zur Beurteilung zwingend dazu, denn sie klingen vernünftig, plausibel und nicht abwegig. Daher müssen auch sie öffentlich werden.

In Deutschland entwickelt, aber Deutschland hat nichts davon

Als Erkenntnis bleibt, wie Jörg Rings (a.a.O.) schreibt, „dass diese Technik zwar in Deutschland erfunden wurde, aber Deutschland fast nichts davon hat“. Und aus heutiger Sicht müsse man das echt bedauern: „Wenn noch 20 Jahre daran geforscht worden wäre, könnte man heute nochmal für Kernenergie sein und solche neuen Reaktoren bauen statt neuer Kohlekraftwerke.“Kernkraft ade, o weh, o weh.

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*) Um 18 Uhr im Technologiezentrum Jülich (TJZ). Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich (Anfahrt hier). Bis zum 5. Juni bestand die Möglichkeit, Fragen zum Bericht einzusenden. Die Experten wollen sie bei der Veranstaltung beantworten. Kontakt zur Expertengruppe: avr-expertengruppe@fz-juelich.de

**) Wer ist R. Moormann? Bei Wikipedia findet sich dies über ihn: hier

***) Wer ist Prof. Dr. Bachem? Siehe hier. Die Stellungnahme des Forschungszentrum Jülich vom 28. April 2014 zum Expertenbericht hier.

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