Die Schiefergas-Revolution versetzt den russischen Staatskapitalismus in Unruhe

Schumpeter, The Economist
Ein Gespenst sucht Russland heim: Das Gespenst heißt Schiefergas. Es kriecht in die Paläste der Mächtigen und verursacht bei den russischen Führern und seinen Geschäftskumpanen Unbehagen. Energieunternehmen machen die Hälfte des Wertes des russischen Aktienmarktes aus, und eine einzelne staatlich gestützte Firma, Gazprom, erzeugt 10% der Ausfuhr des Landes. Russische Politik baut auch auf konventionellem Öl und Gas: Im Grunde ist Wladimir Putin der geschäftsführende Direktor der russischen Energie Inc. Die Revolution durch die unkonventionelle Gasproduktion aus Schiefer-Lagerstätten, die in den USA begonnen hatte und sich jetzt weltweit ausbreitet, erschüttert den russischen Staatskapitalismus in seinen Grundfesten.


Alle Mächtigen im Russland Putins haben sich zu einer heiligen Allianz zusammen geschlossen, um dieses Gespenst zu bannen: Präsident und Premierminister, Oligarchen und Bürokraten, trendige Umweltaktivisten und Politspione des Kreml. Mr. Putin hat Schiefer als zu teuer und die Umwelt ruinierend denunziert. Alexej Miller, Chef von Gazprom, hat die Revolution beschrieben als einen „Mythos“ und eine „Blase, die bald platzen wird“. „Wir sind skeptisch hinsichtlich Schiefergas“, sagt er. „Wir sehen für uns keinerlei Risiken“. Aber kürzlich ist die Haltung des regierenden Clans nuancierter geworden. Mr. Putin räumt inzwischen ein, dass es „wohl doch eine echte Schiefer-Revolution“ geben könnte und drängt die russischen Energieunternehmen, sich der „Herausforderung durch Schiefer“ zu stellen.

Die gleiche Ambivalenz konnte man auf dem internationalen Energieforum in St. Petersburg vom 20. bis 22. Juni finden. Das Forum projizierte das übliche Bild von Russland als einem Land, das aus der Kälte kam und der Gemeinschaft des globalen Business beigetreten ist. Fast 3700 Geschäftsleute und Funktionäre kamen zusammen, um die Art von Dingen zu diskutieren, die diese Leute immer auf Tagungen diskutieren: Reduktion der Korruption, neues Wachstum entfachen, den Handel zu befreien.

Es gab bei dem Treffen nicht eine einzige öffentliche Sitzung zum Thema Schiefer. Aber wie Banquos Geist schwebte es durch die Bankettsäle. Es tauchte auf in Unterhaltungen im Pepsi-Cola-Café und der Mercedes-Benz Star Bar, und zwar mit Phrasen wie „Game Changer“ und „störende Innovation“. Es war Thema einer Sitzung hinter verschlossenen Türen unter dem Vorsitz von Daniel Yergin, einem amerikanischen Energieberater. Teilgenommen haben auch die Chefs von einem Dutzend der weltgrößten Energieunternehmen. Alexander Novak, der Energieminister, sagte dem Auditorium, dass es Steuerreformen geben werde, um unkonventionelles Öl und Gas voranzubringen. Aber der in seine Anti-Schiefer-Haltung zurück fallende Mr. Putin sagte auf dem Forum, dass das nicht wettbewerbsfähig sei, „Schwärze“ im Trinkwasser und viele „Explosionen“ verursachen würde.

Die Schiefer-Revolution verändert das Gleichgewicht der Macht zwischen dem russischen Bären und seinen europäischen Verbrauchern. In der Vergangenheit war sich Russland seiner Wirtschaftskraft hinsichtlich Energie so sicher, dass es sich in der Lage wähnte, Kunden einschüchtern zu können: So wurde der Gasexport in die Ukraine während Vertragsverhandlungen in den Jahren 2006 und 2009 unterbunden. Aber die durch Schiefer angetriebene Transformation von Amerika von einem abnehmenden Energieverbraucher zum größten Gaserzeuger der Welt und ein potentieller großer Exporteur, drückt den Gaspreis auf dem Weltmarkt. Verflüssigtes Gas aus dem Nahen Osten, das Amerika nicht mehr haben will, wird jetzt den Europäern angeboten. Letzte Woche wurde ein Konsortium gewählt, das Gas aus Aserbeidschan nach Westeuropa pumpen soll, was die Abhängigkeit von russischen Lieferungen weiter reduziert. Die Europäer merken, dass sie Marktmacht haben: Bulgarien hat kürzlich in einem neuen Zehnjahresvertrag mit Russland einen Preisnachlass um 20% ausgehandelt. Andere sind auch auf dem Wege, sich aus ihrer Abhängigkeit von einem Land zu befreien, das Energie als Waffe der Außenpolitik benutzt hat. Polen und die Ukraine beabsichtigen, ihre eigene Versorgung mit Schiefergas zu entwickeln, auch aus ökonomischen Gründen.

Gazprom ist dieser Tage ein verwundeter Riese, und Schiefer ist eines der Dinge, das ihn am meisten geschmerzt hat. Im Jahr 2008 verfügte er über ein Marktkapital von 367 Milliarden Dollar, und Mr. Miller spekulierte, dass sein Unternehmen das erste Billionen-Dollar-Unternehmen der Welt werden würde. Jetzt liegt der Wert bei 78 Milliarden Dollar, und sein Geschäftsmodell – Geld in den Kreml zu pumpen für den Schutz vor Wettbewerb – sieht ruiniert aus.

Gazprom in Verlegenheit bringen

Agilere Unternehmen wie Statoil in Norwegen haben sich an die Gasschwemme angepasst, indem sie den Verbrauchern „Spotpreise“ anbieten an Stelle von Preisen, die sich am Ölpreis orientieren. Die Europäische Kommission erwägt, Gazprom zu zwingen, seine Pipelines zu verkaufen und Kartellstrafen bis zu 14 Milliarden Dollar zu zahlen. Und heimische Wettbewerber wie Novatek fragen, warum ein Unternehmen, das „verschlafen“ hat, sich immer noch an einem Monopol für Gasexporte erfreuen soll.

Der Aktienkurs von Novatek ist seit 2008 um 60% gestiegen, während der von Gazprom um drei Viertel gefallen ist. Man hat riesige Ambitionen einschließlich einer Partnerschaft mit Total in Frankreich, in Nordwest-Sibirien eine Gasverflüssigungs-Anlage zu bauen, um Gas nach Asien und Europa zu verschiffen. Novatek ist eine neue Art von Unternehmen, das sich aus einem Splitter entwickelt hat und nicht aus Resten der Sowjetunion, aber es ist nicht das erste. Gennadi Timtschenko, einer von Putins Verbündeten, hat seine Aktienbeteiligung im Jahr 2009 um 23% erhöht. Es erfreut sich auch der Unterstützung anderer Energiegiganten wie Rosneft, Russlands größtem Ölerzeuger, der plant, seine Anteile am heimischen Gasmarkt bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln, teilweise auch mit Schiefer. Aber das Gazprom-Monopol bzgl. von Gasexporten los zu werden würde nichtsdestotrotz einen Schritt in die richtige Richtung markieren.

Einige Analysten weisen darauf hin, dass Russland sehr wohl in der Lage ist, den Energie-Aufruhr zu überstehen. Es verfügt selbst über eigene potentiell riesige Reserven an Schiefergas und –öl, was Putin zu erwähnen pflegt, wenn er denn mal in Schieferlaune gerät. Russland kann sowohl nach Westen als auch nach Osten schauen auf energiehungrige Märkte wie China. Vielleicht hat das Schiefergespenst wie so viele andere fiktive Geister noch rechtzeitig eine Warnung ausgesprochen: Wenn man die Profite weiterhin in fetter werdende Monopole investiert anstatt Innovationen voranzutreiben, wird man wahrscheinlich erniedrigt. Putin und Co. müssen ihre feindlichen Versuche aufgeben, den Schiefer-Geist zu bannen und stattdessen auf das hören, was er ihnen zu sagen versucht: was gut ist für Gazprom ist, ist nicht notwendigerweise auch gut für Russland.

Link: http://www.economist.com/news/business/21580131-shale-gas-revolution-unnerves-russian-state-capitalism-spooked-shale

Übersetzt von Chris Frey EIKE

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4 Kommentar(e)

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1
Dirk Weißenborn

#2 Dr.Paul

Hallo Herr Dr.Paul,

ob da ein antirussischer Akzent bei manchen Lesern rüberkommt, ist nun im Grunde nicht das hauptsächliche Thema.

Und Sie haben auch die Rolle der Ukraine entsprechend korrekt dargestellt.

Das alles ändert jedoch nichts daran, dass unser Land seinen Erdgasbedarf zu ca einem Drittel durch Importe russischen Erdgases deckt. Wir sitzen mit den Russen auf einer Kontinentalmasse und nicht mit den Amerikanern. Der Erdgasmarkt ist in wesentlich höherem Ausmaß als der Rohölmarkt ein "lokaler" Markt, der sich überwiegend auf die jeweiligen Kontinente beschränkt. Tankertransporte mit Rohöl sind immer noch wesentlich zahlreicher als Transporte verflüssigten Erdgases über die Ozeane.

Somit steht unser Land wohl eher vor dem Problem der großen russischen Marktmacht. Mit einigen Prozent mehr heimischem Erdgasanteil an der Gesamtversorgung unseres Landes (ca. 95-100 Mrd.m3 jährlich)aus Schiefer- und Kohlegas käme man u.U. schon in eine etwas bessere Verhandlungsposition gegenüber Gazprom - auch bei laufenden Verträgen.

Rußland wird dennoch ein bedeutender Erdgaslieferant bleiben. Importe verflüssigten Erdgases über den Atlantik aus den USA wird es möglicherweise nicht in vergleichbaren Mengen geben, ganz abgeshen davon, dass ich die eine große Abhängigkeit auch nicht gegen eine andere tauschen möchte.

Europa bzw. die EU müssen sich um die umweltfreundliche Gewinnung eigenen Erdgases mehr bemühen.

mfG

Dirk Weißenborn

2

@#2 Es ist weder die Führung Russlands oder der USA, die uns das Leben schwermachen. Russland würde liebend gerne hier seine AKW Technik verkaufen, wie sie es im Rest der Welt forcieren (VVER werden gebaut in China, Indien, Naher Osten, in China sogar zwei Brüter), und Putin hatte ja bei einem Deutschland-Besuch den Kopf geschüttelt über unsere Anti-Bewegung, und gewitzelt ob wir zumindest dann Feuerholz aus Sibirien importieren wollen. Auch aus Amerika gibt es von offizieller Seite keine Einschränkungen auf unsere Energieversorgung, die würden uns am liebsten einen AP1000 Reaktor liefern, frei Haus und schlüsselfertig.

Das soll nicht heißen, daß es keine Verschwörung gibt, die Deutschland bewußt schaden will. Alles was in der Politik grünen Anstrich hat, scheint in der Realität auf mehr Abhängigkeit von Öl&Gas (und nicht billiger Kohle&Uran) hinauszulaufen. Die Öl/Gas-Konzerne sollten nicht unterschätzt werden. Mit der Umstellung der Stromerzeugung auf Erdgas (dekoriert mit nutzlosen Windturbinen) erobern diese einen Markt, der ihnen bisher verschlossen war. Spendengelder der Öko-Institute lassen sich oft auf diese zurückverfolgen.

3

Ich verstehe den atirussischen Akzent des Beitrags ÜBERHAUPT NICHT!
Wir sind weder im heißen noch im kalten Krieg mit Russland und ein russischer Energielieferant ist mir lieber als ein "arabischer".
Die viel zitierte Ukraine-Affäre stellt diese Zuverlässigkeit wirklich böswillig auf den Kopf.
Denn die Ukraine, nicht Russland hat als privilegiertes Transitland unsere Versorgung gefährdet!
Das ist eher zurückgebliebener US-Amerikanismus,
von dem man sich nun wirklich allmälig verabschieden sollte,
siehe Spionage-affäre!
Schröder und die gesamte Deutsche Industrie hat das schnell erkannt. Die Wirtschaft ist wiedermal der Politik weit voraus. Merkel ist ein Rückschritt. Wir wollen bitte Deutsche Politik und keine US-Amerikanische!

mfG

4
Dirk Weißenborn

Schon länger drängt sich der Verdacht auf die russische Regierung nähme Einfluß auf die Schiefergasdebatte in Westeuropa.

Ex-Bundeskanzler Schröder riet ja den Deutschen auch schon vom Schiefergas ab, weil man dabei mit "Chemikalien hantieren würde."

Es fällt schwer, solche Äußerungen als seine Privatmeinung anzusehen. Schließlich ist er ein hochrangiger Angestellter im Gazprom-Imperium.