Tschernobyl am 24.5.13 – Ein Reisebericht

Der Kuckuck rief, die Robinien waren voller Blüten, die Heckenrosen blühten schon, ein Wildpferd lief über die Straße, seiner Herde hinterher. Ein Ausflug ins Grüne!

Auch vor dem Kontrollpunkt „Dityatki“ zur 30 km-Zone ist die Gegend schön: Felder, Wiesen, alles ohne Windräder, viel Wald. Aber es sind doch meist recht einförmige Kiefernforsten, während hinter dem Kontrollpunkt auch viele Laubbäume wachsen und die Wälder voller Unterholz sind.

Ich hatte 159 Dollar bezahlt und mich einem Tagesausflug in das Gebiet des verunglückten Reaktors angeschlossen. Wir waren vier, dazu der Führer. Außer meinem Bekannten war ein finnisches Ehepaar dabei. Zum Anlass ihres vierten Hochzeitstages hatten sie eine kurze Reise nach Kiev unternommen, hauptsächlich, um Tschernobyl zu sehen. Der Mann hatte als Bauingenieur 8 Monate auf der Baustelle des Kernkraftwerkes Olkiluoto gearbeitet, was das Interesse des Paares für Radioaktivität weckte.

Ich selbst war im Jahr 1992 schon einmal in Tschernobyl. Damals mussten wir am Kontrollpunkt Fahrzeug und Kleidung wechseln, diesmal reichte eine Passkontrolle. Der Kontrollpunkt soll übrigens in den nächsten Jahren viele km zurückverlegt werden, ein großes Gebiet gilt als nicht mehr belastet.

Eine Tafel informiert über die derzeitigen Konzentrationen an radioaktivem Caesium und Strontium in Becquerel pro Kilogramm bzw. Liter

 

Caesium 137

Strontium 90

Pilze

500 – 390.000

50 – 100

Wildfleisch

500 – 120.000

40 – 25.000

Fische

50 – 14.000

10 – 22.000

Fluss Pripyat

0,1 – 0,4

0,1 – 0,6

Bäche

0,1 – 2

1 – 5

Stehende Gewässer

1 – 20

10 – 150

Jeder Mensch enthält von Natur aus etwa 8.000 Becquerel an radioaktiven Isotopen. Insofern sind die Konzentrationen an Caesium und Strontium – andere Isotope spielen keine Rolle – nicht geeignet, Wilderer abzuschrecken. Im alleräußersten Fall würde ein Mahlzeit von 150 g Hirsch die persönliche Aktivität kurzfristig um 270 % steigern. Die Dosis wäre 0,38 Millisievert, nicht einmal ein Fünftel dessen, was wir von Natur aus pro Jahr erhalten. Das bringt keinen um, und daher müssen Wilderer anders abgeschreckt werden: Wer sich erwischen lässt, wird zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Wildpferde haben eine Aufgabe. Indem sie Gras und Laub fressen und verdauen, tragen sie ein wenig zur gleichmäßigen Verteilung der Radioaktivität und ihrer schnelleren Abwanderung in tiefere Bodenschichten bei. Man interessiert sich natürlich für den Gesundheitszustand der Pferde und findet, dass er völlig normal ist.

Den Pferden steht nicht das ganze Gebiet zur Verfügung. Vor dem inneren, stärker belasteten Bereich gibt es einen zweiten Kontrollpunkt. Wasserläufe und Zäune verhindern, dass die Pferde in diesen Bereich gelangen. Wild gibt es jedoch auch dort. Wir haben keins gesehen, nur die Losung eines Hirsches.

Nicht in der ganzen 30 km-Zone hat die Natur die Freisetzung von Radioaktivität gut überstanden. In Bereichen nahe am Reaktor wurden die Bäume totgestrahlt. An einer solchen Stelle habe ich im Jahr 1992 eine Gammastrahlung gemessen, welche 70mal intensiver war als normale Umgebungsstrahlung. Das reichte aber schon nicht mehr, um Pflanzenwachstum zu verhindern. Es kamen wieder kleine Birken hoch. Heute steht dort ein dichter Wald, meist aus mehr als 5 m hohen Birken. Es fällt auf, dass es dort nur junge Bäume gibt. Die Baumleichen hat man entfernt, sie hätten eine Brandgefahr dargestellt. Überhaupt wäre ein Waldbrand ganz schlecht, er würde Radioaktivität in die Atmosphäre bringen. Überall sieht man Maßnahmen zur Verhinderung von Bränden, was bis heute offenbar Erfolg hatte.

Artenvielfalt und Anzahl von Tieren und Pflanzen haben zugenommen. Selbstverständlich behaupten „Grüne“ genau das Gegenteil. Es ist ihre Art, unterschiedlichste, nicht zu einander passende „Ergebnisse“ zu präsentieren. In einer „Arbeit“ wird behauptet, die Anzahl von Insekten, Spinnen und anderen Kleintieren pro Quadratmeter wäre weniger als ein Hundertstel dessen, was normalerweise vorkommt. Nun vertragen gerade Insekten 100mal mehr Strahlung als wir. Gäbe es Stellen mit so hoher Strahlenintensität, dass Insekten kaum noch leben können, und jemand kriecht da herum, um noch die letzte Ameise zu suchen, dann wird er das nicht überleben. Allerdings kann er seine Arbeit noch zu Ende bringen, denn der Strahlentod tritt erst nach etwa 3 Wochen ein.

Eine Art ist allerdings tatsächlich verschwunden, nämlich Störche. 86 Dörfer wurden aufgegeben, und in vielen nisteten Störche. Sie fühlen sich nur wohl, wo Menschen sind. In einem verlassenen Ort bleiben sie nicht.

Für diese Dörfer wurde im Sperrgebiet eine eindrucksvolle Gedenkstätte in Form einer Allee mit Namensschildern angelegt. Zu manchen Schildern werden Blumen gebracht.

Im Jahr 1992 sah man die Häuser noch fast in Ordnung, umgeben von verwilderten Gärten. Heute findet man die einstöckigen Häuser kaum. Sie sind vom Wald überwuchert, die Bäume überragen die Häuser um das Doppelte. Wir haben unser Fahrzeug verlassen und sind auf einem Trampelpfad zu einem großen ehemaligen Kindergarten gegangen. Sehr anrührend: Ein zurückgelassener Teddybär.

„Passen Sie auf, hier gibt es ‚hot spots‘“, sagte unser Führer. Da aber niemand ein Messgerät hatte, konnten wir mit dieser Warnung nichts anfangen. 

Gedenkstätte für die 86 aufgegebenen Dörfer

In einem aufgegebenen Dorf

Mit dem Wetter hatten wir Glück. Erst schien noch die Sonne, dann setzte heftiger Regen ein. Das veranlasste unseren Führer, sich über das Verbot hinwegzusetzen, die Gebäude der Stadt Pripyat zu betreten.

Die Sowjetunion wollte hier das größte Kraftwerkszentrum der Welt bauen. Vier Kraftwerksblöcke liefen schon, 2 weitere waren fast fertig, sechs waren in der Planung. Unsere Flucht vor dem Regen verschaffte uns einen Einblick, was alles für die dort arbeitenden Menschen getan wurde. Wir waren in dem großen Kulturpalast, in den beiden Hallenbädern, eins mit 6 m tiefem Becken, nun ohne Wasser. Außerdem liefen wir in den Sportanlagen herum. Es gab einen Boxring und mehrere Turnhallen. Vor einer war eine Tafel mit den üblichen Anweisungen: Nicht mit Straßenschuhen betreten usw., und auch: Das Betreten der Turnhalle in betrunkenem Zustand ist verboten.

Derartige Hinweise sind in russischer Sprache geschrieben. Es war eben kein Projekt der Ukraine, sondern der gesamten Sowjetunion. Heute ist nur die Ukraine zuständig, und es wird ukrainisch geschrieben, ganz selten auch einmal englisch.

Der Zustand der Gebäude ist schlimmer als man nach 27 Jahren Vernachlässigung erwartet. Offenbar wurde alles Brauchbare in grober Weise herausgerissen. Nach den vielen herumliegenden Glasscherben zu urteilen, gab es auch mutwillige Zerstörungen. 

Wir waren noch in einer ehemaligen Polizeistation mit 20 Gefängniszellen. Offenbar braucht man das in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern.

Der Regen hörte auf, und wir konnten am Reaktor herumlaufen. Da allerdings muss man auf der Straße bleiben, in den angrenzenden Wiesen warnen Schilder vor Radioaktivität. Zur Zeit ist eine Hülle für den Sarkophag im Bau.

Wir fuhren dann zurück. Am inneren Kontrollpunkt erfolgte die Kontaminationskontrolle mit den entsprechenden Geräten, in welchen in erster Linie Hände und Füße ausgemessen werden. Natürlich waren wir sauber. Man hat dort eine ganze Reihe solcher Geräte, um Gruppen abfertigen zu können. An diesem Tag war außer uns nur eine weitere Touristengruppe mit etwa 10 Teilnehmern auf dem Gelände. 

Zwischen innerem und äußerem Kontrollpunkt geht es locker zu. Man kann Souvenirs und Getränke kaufen. In einer Kantine bekamen wir ein mehrgängiges Mittagessen, allerdings recht spät. Es war im Preis inbegriffen.

Am äußeren Kontrollpunkt wurden wir dann noch einmal ausgemessen, mit dem erwarteten Nullergebnis. 

Dr. Hermann Hinsch Hannover