Begutachtungen, Veröffentlichungen in Top-Journalen, wissenschaftlicher Konsens und so weiter

Bild rechts: Autor Robert Higgs

Ich gebe nicht vor, eine Expertise in Klimatologie zu haben oder irgendeine der mit Physik zusammen hängenden Wissenschaften. Daher ist nichts, was ich zu strikt klimatologischen oder damit verbundenen physikalischen Dingen sage, von Bedeutung. Allerdings verfüge ich über 39 Jahre professioneller Erfahrung – 26 als ein Universitätsprofessor einschließlich 15 Jahre an einer maßgebenden Forschungsuniversität, danach 13 Jahre als Forscher, Autor und Herausgeber – in engem Kontakt mit Wissenschaftlern aller Art, einschließlich einiger in biologischen und physikalischen Wissenschaften und vieler in Sozialwissenschaften und Demographie. Ich habe als Begutachter für über 30 Journale fungiert sowie als Begutachter von Forschungsanträgen für die National Science Foundation NSF, den National Institutes of Health NIH sowie einer großen Zahl privater Stiftungen. Ich war leitender Ermittler eines wesentlichen, vom NSF geförderten Forschungsprojektes auf dem Gebiet der Demographie. Also denke ich, dass ich Einiges darüber weiß, wie das System funktioniert.

Es funktioniert nicht so, wie Außenstehende zu denken scheinen.

Wissenschaftliche Begutachtung, auf die Laien großen Wert legen, variiert. Die Bandbreite reicht von einer wichtigen Kontrolle, bei der die Herausgeber und Beurteiler kompetent und verantwortungsbewusst sind, bis zur vollständigen Farce, wo sie das nicht sind. In der Regel und nicht überraschend verläuft dieser Prozess irgendwo in der Mitte und ist mehr als nur ein Witz, aber weniger als das nahezu einwandfreie System olympischer Genauigkeit, eine Vorstellung, die bei Außenstehenden vorherrscht. Irgendein Herausgeber irgendeiner Zeitschrift, der aus welchen Gründen auch immer einen eingereichten Artikel ablehnen möchte, kann dies leicht bewerkstelligen, indem er ihm gut bekannte Gutachter wählt, von denen er weiß, dass sie den Artikel verreißen werden; genauso kann er aber auch Begutachter bestellen, die den Artikel in den Himmel heben. Da ich immer junge Leute beraten habe, deren Arbeit zurückgewiesen worden war, offensichtlich aus vorgeschobenen oder unzutreffenden Gründen, kann ich sagen, dass das System Schrott ist. Persönliche Rachefeldzüge, ideologische Konflikte, professionelle Eifersüchteleien, methodische Widersprüche, übermäßige Selbstdarstellungen  und eine Menge glatter Inkompetenz und Unverantwortlichkeit sind der wissenschaftlichen Welt nicht fremd; tatsächlich ist diese Welt nur zu voll mit all diesen nur allzu menschlichen Eigenschaften. In keinem Fall kann die Begutachtung sicherstellen, dass die Forschung korrekt hinsichtlich der Methodik und der Ergebnisse ist. Die Historie jeder Wissenschaft ist eine Chronik von einem Fehler nach dem anderen. In einigen Wissenschaften werden diese Fehler im Laufe der Zeit ausgemerzt, in anderen bleiben sie für lange Zeit bestehen, und in einigen Wissenschaften wie der Wirtschaft könnte der aktuelle wissenschaftliche Rückschritt noch Generationen andauern, und zwar unter dem irregeleiteten (aber sich selbst zufrieden stellenden) Glauben, dass es sich in Wirklichkeit um Fortschritt handelt.

Zu jeder Zeit kann es in einer bestimmten Wissenschaft in jeder Hinsicht einen Konsens geben. In der Rückschau erscheint dieser Konsens jedoch häufig als ein Fehler. Erst in den siebziger Jahren beispielsweise gab es einen wissenschaftlichen Konsens unter Klimatologen und Wissenschaftlern in angrenzenden Disziplinen, dass die Erde in eine neue Eiszeit eintreten würde. Drastische Vorschläge wurden gemacht wie zum Beispiel Wasserstoffbomben über den polaren Eiskappen explodieren zu lassen (um diese zu schmelzen) oder die Bering-Straße mit einem Damm zu schließen (um zu verhindern, das kaltes Wasser aus der Arktischen See in den Pazifik gelangt), um diese drohende Katastrophe zu umgehen. Angesehene Wissenschaftler und nicht irgendwelche uniformierten Spinner haben diese Vorschläge gemacht. Wie schnell wir vergessen!

Forscher, die sich unorthodoxer Methoden oder theoretischer Grundlagen bedienen, haben unter den gegenwärtigen Umständen große Schwierigkeiten, ihre Ergebnisse in den „besten“ oder – zeitweise – in irgendeiner Zeitschrift zu veröffentlichen. Wissenschaftliche Neuerer oder kreative Exzentriker werden von der großen Masse der Fachleute als Verrückte angesehen – bis es unmöglich ist, ihre Ergebnisse weiter zu leugnen, was jedoch oftmals erst nach dem Aussterben der ersten Generation der Ringträger der Fall ist. Wissenschaft ist ein merkwürdiges Unterfangen: Jeder strebt danach, den nächsten Durchbruch zu erzielen, aber wenn jemandem das dann gelingt, wird er oft behandelt, als trage er das Ebola-Virus in sich. Zu viele Leute haben zu viel in gängige Ideen investiert; für diese Leute ist die Anerkennung, dass ihre eigenen Gedanken falsch sind, das Gleiche wie zuzugeben, dass sie ihr Leben verschwendet haben. Oftmals, vielleicht um erkannte Unstimmigkeiten zu vermeiden, geben sie niemals zu, dass ihre Gedanken falsch waren. Noch wichtiger: Es gilt die Regel – und zwar sowohl in der Wissenschaft als auch anderswo – dass man mit den Wölfen heulen muss, wenn man weiterkommen will.

Forschungswelten sind in ihren oberen Bereichen ziemlich klein. Führende Forscher kennen alle wesentlichen Mitspieler und was jeder davon macht. Sie nehmen an den gleichen Konferenzen teil, gehören zu den gleichen Gesellschaften, schicken ihre Studenten in die Laboratorien dieser Mitspieler begutachten einander ihre Arbeiten für die NSF oder NIH oder andere von der Regierung bezahlte Organisationen, und so weiter. Wenn Sie nicht zu dieser strammen Bruderschaft gehören, wird sich herausstellen, dass es sehr, sehr schwierig für Sie wird, hinsichtlich Ihrer Arbeit angehört zu werden, sie in einem „Top“-Magazin zu veröffentlichen, eine Zuwendung der Regierung genehmigt zu bekommen, eine Einladung zu erhalten für eine Teilnahme in einer wissenschaftlichen Podiumsdiskussion oder Ihre Studenten in angemessene Stellungen zu bringen. Der ganze Klüngel ist unwahrscheinlich inzestuös; die Wechselbeziehungen sind zahlreich, stark und eng.

In diesem Zusammenhang braucht ein aufgeweckter junger Mensch Cleverness, sich an die vorherrschende Orthodoxie anzupassen, aber es geziemt sich für ihn nicht, das Boot zum Schaukeln zu bringen, indem er irgendetwas Fundamentales herausfordert oder es wagt, in die inneren Zirkel derjenigen vorzustoßen, die die Begutachtungsgremien für NSF, NIH und andere Organisationen festlegen. Moderne biologische und physikalische Wissenschaft ist zum überwältigenden Teil von der Regierung finanzierte Wissenschaft. Falls Ihre Arbeit aus welchen Gründen auch immer den relevanten Bürokraten der Agentur oder den akademischen Begutachtungsgremien nicht gefällt, können Sie alle Hoffnungen begraben, jemals Geld zur Erreichung Ihrer Ziele zu erhalten. Erinnern Sie sich an die oben von mir erwähnten Schwachpunkte; sie spielen im Zusammenhang mit Förderung eine genauso große Rolle wie im Zusammenhang mit der Veröffentlichung. Tatsächlich sind diese beiden Zusammenhänge eng miteinander verknüpft: Erhält man keine Förderung, wird man niemals veröffentlichungswürdige Arbeiten erstellen können, und wenn man keine guten Veröffentlichungen nachweisen kann, wird man auch weiterhin keine Förderungen erhalten.

Wenn Ihre Forschung eine „Notwendigkeit” für drastische Maßnahmen der Regierung impliziert, um eine bevor stehende Katastrophe zu umgehen oder um ein schlimmes bestehendes Problem abzumildern, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Regierungs-Bürokraten und Gesetzgeber Förderungen genehmigen. Falls die Manager bei NSF, NIH und anderen Geld gebenden Regierungsagenturen große Summen Geldes an Wissenschaftler vergeben haben, deren Forschung impliziert, dass keine Katastrophe droht oder derzeit kein schlimmes Problem existiert oder, falls das doch der Fall ist, dass keine durchführbare Politik daran etwas ändern kann, ohne in der Folge noch viel größere Probleme zu schaffen, dann wären die Mitglieder des Kongresses viel weniger geneigt sein, der Agentur Geld hinterher zu werfen, mit allen Konsequenzen, die eine Beschneidung der Fördermittel für das Gedeihen der Bürokratie impliziert. Niemand muss alle diese Dinge den beteiligten Parteien erklären; das sind keine Idioten, und sie verstehen, wie die Dinge in ihren kleinen engen Welten laufen.

Und schließlich müssen wir einen viel feineren Sinn dafür entwickeln, über was zu reden ein Wissenschaftler qualifiziert ist und über was zu reden ihm nicht zusteht. Klimatologen zum Beispiel sind qualifiziert, über die Wissenschaft der Klimatologie zu sprechen (wenngleich das auch Gegen­stand aller Eingriffe in die reine Wissenschaft ist, die ich schon erwähnt habe). Sie sind allerdings nicht qualifiziert zu sagen, dass „wir jetzt handeln müssen“ mittels aufgezwungenen „Lösungen“ irgendeiner Art seitens der Regierung. Sie haben kein professionelles Hintergrundwissen darüber, welches Risiko besser oder schlechter ist für die Menschen, die es auf sich nehmen; nur die Individuen, die diesem Risiko ausgesetzt sind, können das entscheiden, weil es eine Sache der persönlichen Vorliebe ist und nicht eine Sache der Wissenschaft. Klimatologen wissen nichts hinsichtlich Kosten-/Nutzen-Überlegungen; tatsächlich sind die meisten Mainstream-Ökonomen selbst in dieser Hinsicht fundamental fehlgeleitet (zum Beispiel wenn sie Prozeduren und Hypothesen über die Summe individueller Bewertungen übernehmen, denen jede wissenschaftliche Grundlage fehlt). Klimawissenschaftler sind am besten qualifiziert, über die Klimawissenschaft zu reden, aber sie haben keinerlei Qualifikation, über öffentliche Politik zu reden, über Gesetze, individuelle Werte, Zeiteinteilungen und den Grad der Risikovermeidung. Wenn sie über wünschenswerte Maßnahmen der Regierung reden, erwecken sie den Eindruck, dass sie entweder Narren oder Scharlatane sind, aber sie reden immer weiter – und am schlimmsten ist, wenn sie mit untergangslüsternen Journalisten reden – nichtsdestotrotz.

In diesem Zusammenhang sollten wir uns gut daran erinnern, dass die UN (nebst seinen Komitees und Büros) keine wissenschaftlichere Organisation ist als der US-Kongress (nebst seinen Komitees und Büros). Wenn von diesen politischen Organisationen Entscheidungen und Ankündigungen kommen, ist es sinnvoll, diese als im Wesentlichen politisch hinsichtlich Ursprung und Ziel anzusehen. Politiker sind auch nicht dumm – bösartig, ja, aber nicht dumm. Eine Sache, die ihnen mehr als alles andere klar ist, wie man Menschenmassen dazu bringen kann, schlecht gemachten politischen Maßnahmen hinterher zu laufen, auch wenn diese langfristig ernsthaft sowohl den Lebensstandard als auch ihre Freiheiten bedrohen.

Robert Higgs

Eine ausführliche Biographie des Autors nebst seiner jüngsten Schriften gibt es hier.

Link: http://www.independent.org/newsroom/article.asp?id=1963

Übersetzt von Chris Frey EIKE