Wissenschaftlicher Betrug grassiert: Es ist an der Zeit, für gute Wissenschaft zu demonstrieren

Die Art und Weise, mit der wir Wissenschaft finanzieren und in der wir mit ihr öffentlich umgehen, ermutigt zum Betrug. Ein Forum über akademische Irrwege hat zum Ziel, praktische Lösungen zu finden.

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Bild rechts: Wissenschaftliche Begutachtung erfolgt hinter verschlossenen Türen, mit anonymen Gutachten, die nur von Herausgebern und Autoren eingesehen werden können. Das bedeutet, dass wir keine Ahnung davon haben, wie effektiv die Begutachtung ist. Photo: Alamy

Die Wissenschaft ist zerstört. Die Psychologie wurde kürzlich durch Geschichten über von Akademikern erfundene Daten erschüttert, die manchmal ganze Karrieren überschatten. Und das ist nicht die einzige Disziplin mit Problemen – der  gegenwärtige Rekord betrügerischer Studien wird von Yoshitaka Fujii mit 172 frisierten Artikeln gehalten.

Diese Skandale rücken tiefere kulturelle Probleme der Akademien ins Rampenlicht. Der Druck, möglichst viele Veröffentlichungen hoher Qualität zu erzeugen, fördert nicht nur extreme Verhaltensweisen, sondern normalisiert auch die kleinen Dinge wie die selektive Veröffentlichung positiver Ergebnisse – was zu „nicht-signifikanten“, aber möglicherweise wahren Ergebnissen führt, die unveröffentlicht in irgendwelchen Regalen schmoren sowie zum Fehlen von Nachfolgestudien.

Warum ist das wichtig? Bei der Wissenschaft geht es darum, unser kollektives Wissen zu erweitern, und es passiert schrittweise. Erfolgreiche Generationen von Wissenschaftlern bauen auf theoretische Grundlagen, die von ihren Vorgängern erarbeitet worden waren. Wenn diese Grundlagen jedoch auf Sand gebaut sind, ist es Zeit- und Geldverschwendung, Ansätze zu verfolgen, die einfach nicht stimmen.

Eine aktuellen Studie im Journal Proceedings of the National Academy of Sciences zeigt, dass seit 1973 fast 1000 biomedizinische Studien zurückgezogen worden waren, weil irgendjemand im System geschummelt hat. Das sind massive 67% aller biomedizinischen Studien. Und es wird schlimmer – im vorigen Jahr hat Nature berichtet, dass der Anstieg der Rate zurückgezogener Studien die Anzahl der veröffentlichten Studien überstiegen hat.

Dies ist so, weil die gesamte Art und Weise, in der wir mit Wissenschaft umgehen hinsichtlich Förderung, Forschung und Veröffentlichung falsch ist. Chris Chambers und Petroc Sumner zufolge sind die Gründe dafür zahlreich und stehen miteinander in Wechselwirkung:

• Der Druck, in „höchst einflussreichen” Journalen etwas veröffentlichen zu müssen, und zwar auf jedem Niveau der Forschungskarriere;

• Universitäten behandeln erfolgreiche Anträge auf Förderung als Dinge, von denen weiter gehende Karrieren abhängen;

• Statistische Analysen sind schwierig, und manchmal liegen die Forscher falsch;

• Journale bevorzugen positive Ergebnisse gegenüber keinen Ergebnissen, obwohl keine Ergebnisse einer gut durchgeführten Studie ein genauso gutes Ergebnis sein können;

• Die Art und Weise, mir der Artikel unterstützt werden, ist inkonsistent und geheimnisvoll; sie erlaubt es statistischen Fehlern durchzuschlüpfen.

Probleme gibt es im System auf jeder Ebene, und wir müssen damit aufhören, stur zu argumentieren, „so schlimm ist es nicht“ oder darüber zu reden, dass das Reden darüber irgendwie die Wissenschaft beschädigt. Der Schaden ist bereits angerichtet – und jetzt müssen wir anfangen, ihn zu reparieren.

Chambers und Sumner argumentieren, dass die Wiederholung kritisch dafür ist, die Wissenschaft ehrlich zu halten, und da haben sie recht. Wiederholung ist ein großartiger Weg, um die Ergebnisse einer Studie zu verifizieren, und deren weit verbreitete Übernahme würde mit der Zeit als Abschreckung fragwürdiger Praktiken dienen. Die Natur der Statistik bedeutet, dass positive Ergebnisse manchmal zufällig gefunden werden, und wenn die Wiederholung nicht veröffentlicht wird, können wir nicht sicher sein, dass das Ergebnis nicht einfach nur eine statistische Anomalie war.

Aber Wiederholung reicht nicht: wir müssen auf jeder Ebene des Systems praktische Änderungen beschließen. Der wissenschaftliche Prozess muss gegenüber genauen Prüfungen so offen wie möglich sein – das bedeutet, dass man die Vorab-Registration von Studien ermutigen muss, um ungeeignete statistische Tests im Nachhinein abzuwehren, um Daten zu archivieren und online zu stellen, damit andere sie später genau untersuchen können, und um Anreize für diese Praktiken zu schaffen (wie zum Beispiel eine garantierte Veröffentlichung, unabhängig von den Ergebnissen).

Der Begutachtungsprozess muss überholt werden. Gegenwärtig findet er hinter verschlossenen Türen statt, mit anonymen Gutachten, die nur die Herausgeber der Magazine und die Autoren der Manuskripte zu Gesicht bekommen. Das heißt, dass wir nie wirklich wissen, wie effektiv die Begutachtung ist – obwohl wir wissen, wie einfach man damit Spielchen treiben kann. Extreme Beispiele von fälschenden Begutachtern, gefälschten Artikeln in Zeitschriften und sogar gefälschte Journale wurden schon entdeckt.

Immer öfter werden minderwertige Wissenschaft und fragwürdige Statistiken zur Veröffentlichung angenommen, und zwar von Begutachtern mit einem ungenügenden Niveau von Erfahrungen. Die wissenschaftliche Begutachtung muss transparenter werden. Journale wie Frontiers verwenden schon jetzt ein interaktives Format der Begutachtung, bei dem Begutachter und Autoren in Echtzeit auf einer forumartigen Veranstaltung diskutieren.

Ein einfacher nächster Schritt wäre es, das System für jeden offen und einsehbar zu machen, während die Begutachter selbst ihre Anonymität behalten. Dies würde es jungen Forschern erlauben, sich über eine Studie eines etablierten Wissenschaftlers kritisch zu äußern, ohne dass er damit gleich seine Karriere zerstört.

Am 12. November werden wir eine Sitzung zu den Irrwegen der Wissenschaft am SpotOn London abhalten, die Konferenz von Nature über alles von Wissenschaft online.

Das Ziel der Sitzung ist es, praktische Lösungen für diese Probleme zu finden, denen die Wissenschaft gegenüber steht. Teilnehmen werden wissenschaftliche Forscher, Journalisten und Herausgeber von Zeitschriften. Wir haben hier einige Vorschläge gemacht, aber wir wollen noch mehr Vorschläge von Ihnen hören. Was würden Sie gern besprochen sehen? Gibt es irgendwelche Ideen, Gedanken oder Lösungen?

Wir werden die besten Standpunkte sammeln und sie auf der Konferenz bekannt machen, also äußern Sie sich jetzt! Hören wir auf, unsere Köpfe in den Sand zu stecken, und lassen Sie uns für gute Wissenschaft eintreten.

Pete Etchells is a biological psychologist and Suzi Gage is a translational epidemiology PhD student. Both are at the University of Bristol

Link: http://www.guardian.co.uk/science/blog/2012/nov/02/scientific-fraud-good-science?cat=science&type=article

Übersetzt von Chris Frei EIKE

Anmerkung des Übersetzers: In diesem Beitrag geht es nicht um Klima, sondern um Wissenschaft allgemein. Das Wort ‚Klima’ taucht hier nicht ein einziges Mal auf. Dennoch dürfte ziemlich klar sein, warum ich der EIKE-Redaktion diesen Text zur Übersetzung und der Veröffentlichung bei EIKE vorgeschlagen habe.

Und ob man in unseren Medien je etwas von dieser Sitzung hören wird, wage ich zu bezweifeln.

C. F.

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4 Kommentare

  1. Albert Einstein soll einmal sinngemäß gesagt haben, dass es gut wäre, wenn jeder Forscher und Wissenschaftler einem geregelten Beruf nachgehen würde. Mit geregeltem Beruf meinte er nun bestimmt nicht eine Kariere als staatlich ausgehaltener Brotgelehrte und Wissenschaftsbeamter. Über die Brotgelehrten als solche hat sich schon Friedrich Schiller in seiner umjubelten Antrittsvorlesung für seine Professur, wohlgemerkt ohne Bezüge, im Mai 1789 ausgelassen, z.B. hier

    „Beklagenswerter Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet als der Taglöhner mit dem schlechtesten! der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!“

    und weiter hier:

    „Darum kein unversöhnlicherer Feind als der Brotgelehrte. Je weniger seine Kenntnisse durch sich selbst ihn belohnen, desto größere Vergeltung heischt er von außen; für das Verdienst der Handarbeiter und das Verdienst der Geister hat er nur einen Maßstab, die Mühe. Darum hört man niemand über Undank mehr klagen als den Brotgelehrten; nicht bei seinen Gedankenschätzen sucht er seinen Lohn, seinen Lohn erwartet er von fremder Anerkennung, von Ehrenstellen, von Versorgung. Schlägt ihm dieses fehl, wer ist unglücklicher als der Brotgelehrte? Er hat umsonst gelebt, gewacht, gearbeitet; er hat umsonst nach Wahrheit geforscht, wenn sich Wahrheit für ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt.“

    An dem Problem der beamteten Wissenschaft hat sich seitdem heute nicht geändert. Es wird sich auch nicht ändern, solange es eine von Staat aus den uns abgepressten Steuergeldern bezahlte Wissenschaft gibt. Erst wenn die Menschen von sich aus in freier Wahl die angebotenen Wissenschaftserzeugnisse und –erkenntnisse kaufen oder nicht und damit selbst entscheiden, was ihnen wichtig ist und was nicht, wird es eine freie Wissenschaft geben. Und eine freie Wissenschaft ist eben nicht eine staatlich alimentierte Wissenschaft, wie sie unosono von den Brotgelehrten als Voraussetzung von freier Wissenschaft behauptet wird.

    Glaubt hier irgendjemand, dass solche interpretierende Wissenschaft (die strenggenommen gemäß den Wissenschaftskriterium des kritischen Rationalismus keine Wissenschaft ist, weil sie keine wiederholbare wissenschaftlichen Experimente zur Überprüfung und damit eine möglicher Verifikation zulässt), wie die der Klimatologen, die den anthropogenen Klimawandel behaupten, ihre Erzeugnisse auf dem oben beschriebenen freien Markt der Wissenschaften absetzen könnten? Das geht wie zu beobachten nur mit Staatsknete in der derzeitigen geballter Form.

    Dabei spielen die Brotgelehrten ala Prof. Schellnhuber und Prof. Rahmstorf und die Politiker sich gegenseitig die Bälle zu. Mit ihrer Behauptung des anthropogenen Klimawandels geben sie den Politikern eine Mittel zur Hand, ihre eigenen Existenzberechtigung und damit Herrschaft über andere Menschen als solche zu begründen. Motto, da muss doch dringlich was getan werden!!!! Die Zeche dafür, was uns dabei aus der diesem Motto folgende zentralistischen Staatswirtschaft in Sachen Stromerzeugung und –verbrauch besonders in Deutschland mit der Energiewende, aber noch viel mehr mit dem schon lange vorher uns (vor)gesetzten EEG beschert worden ist, dürfen wir nun bezahlen – leider nicht die Besteller!

    PS empfehlenswerte Literatur zum Thema Wissenschaftskritik und Erkenntnistheorie
    1. Paul Feyerabend „Erkenntnis für freie Menschen“ edition suhrkamp 1011 ISBN 3-518-1101-x
    2. Max Stirner „Der Einzige und sein Eigentum“ Reclam ISBN: 978-3-15-003057-8

  2. Mein Vorschlag: Journalisten und Herausgeber von Zeitschriften müssen in der Lage sein, über wissenschaftliche Studien zu schreiben, ohne dass ihre Zeitschrift als Werbeplattform für die Finanzierung neuer Forschungsprojekte missbraucht wird. Journalisten merken oft nicht, dass sie nur benutzt werden. Viele Forscher nutzen die mangelnden wissenschaftlichen Kenntnisse der Journalisten aus. Da muss angesetzt werden. Wir brauchen irgendeine Seite oder Plattform im Internet, die ganz werteneutral die wissenschaftlichen theoretischen Grundkenntnisse der in der Öffentlichkeit diskutierten Themen als Hintergrundwissen zur Verfügung stellt. Denn es gibt noch genug Journalisten, die fest daran glauben, dass der Klimawandel (um beim Thema zu bleiben) durch den anthropogenen CO2-Ausstoß ausgelöst wurde. Da es Klimawandel aber schon 4,5 Milliarden Jahre gibt, und da es damals noch keine Menschen gab, kann er folglich auch nicht durch Menschen ausgelöst worden sein. Auch glauben diese Journalisten, dass unsere jetzige Phase der erhöhten Temperaturen einmalig und unnatürlich ist. Aber das glauben sie nur deshalb, weil man ihnen Hockystick-Kurven zeigt, bei denen die Temperaturerhöhungen der Vergangenheit ausgeblendet sind. Vergleiche der letzten 5 bis 10-tausend Jahre würden den Journalisten zeigen, dass es keinen Grund für die Vermutung gibt, dass unsere jetzigen Temperaturen irgendwie unnormal sind. Wissenschaftliches Hintergrundwissen zu diskutierten Umweltthemen, ganz neutral aufgebaut und im Internet interessierten Leuten zur Verfügung gestellt, würde so manchem Journalisten und Herausgeber von Zeitschriften vor Blamagen schützen. Siehe zum Beispiel Spiegelausgabe von 1986 mit dem überfluteten Kölner Dom!

  3. Dies liegt daran, dass wir Gott verloren haben. Wir glauben nicht mehr an Gott und damit auch nicht an die 10 Gebote und die dazugehörigen Konsequenzen.

    Gleichzeitig wird die Erkenntnis der Menschen ignoriert dass das Böse auch in uns regiert und niedere Triebe wie Selbstverherrlichung, Machtgier, Neid und Bosheit aktiviert und verwendet.

    Wenn der Mensch keine höhere Instanz hat, dann ist er die Instanz und dann entscheidet er selber was Gut oder Schlecht ist – die Schlechten entscheiden sich zum Betrügen und Lügen, die Guten ziehen sich angeekelt zurück und so weiter..

    gruss

    Michael

  4. Etchells und Gage sind auf dem richtigen Weg. Das dringendste Problem ist die Produktion von wissenschaftlichen Duckmäusern. Ich bin schon in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts aus einem Seminar geflogen, weil meine korrekten Daten vom Prof. persönlich verworfen wurden. Seine Begründung war, daß mit ihnen das gewünschte(!) Ergebnis nicht zu erreichen wäre und sie deshalb zu verwerfen seien. Mein Widerspruch gegen diese Aussage führte zum Rausschmiss. Sehr lehrreich für die Kommilitonen. Aber nicht im Sinne einer aufgeklärten Wissenschaft. Der Prof war seinerseits bestens in allen wichtigen Gremien tätig, viel auf Reisen und hat in seinem Fach bis heute nichts veröffentlicht was bemerkenswert gewesen wäre. Daher sehe ich die Notwendigkeit das Gremienwesen ebenfalls gründlich unter die Lupe zu nehmen. Es besteht auf jeden Fall die Gefahr, daß es sich zu einer Brutstätte für
    mediokre Wissenschaft entwickelt, die den wissenschaftlichen Fortschritt zu hindern sucht. Es ist schön, daß die Selbstheilungskräfte der Wissenschaft nicht erloschen sind. Unterstützt sie bei ihrer Arbeit.

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