Vertrauensverlust in die Wissenschaft

Foto: Gerd Altmann (www.pixelio.de)

Berichte über den Verlust des “Vertrauens in die Wissenschaft” haben zu viel Nachdenklichkeit geführt, zu bedächtigem Kopfwiegen, und auch dazu, dass man in der Intelligenzia mit Fingern aufeinander zeigt – ganz besonders seit Studien auf einen scharfen (Vertrauens-)Einbruch bei den Konservativen verweisen. Einen Aufsatz dazu veröffentlichte der amerikanische Kulturwissenschaftler Walter R. Mead auf seinem Blog „Via Meadia“.


Die Öffentlichkeit verliert das Vertrauen in die Wissenschaft

Walter Russell Mead

Wir bei Via Meadia sind uns nicht so sicher, ob das nur in rechten Kreisen gilt. Als wir uns kürzlich damit beschäftigten, ging es darum, dass Umweltschützer weltweit Jahrzehnte sorgsamer wissenschaftlicher Forschung über die Sicherheit genetisch veränderter Organismen anprangerten. mit trüben Aussichten für die Entwicklung in Afrika. Auch haben wir eine ausgesprochene Rechenschwäche bei demokratischen Politikern feststellen müssen, die glauben, dass das Versprechen auf hohe Renten für gewerkschaftlich organisierte Arbeiter ohne dafür Geld zurückzustellen, eine Vorgehensweise ist, die schon irgendwie gut ausgehen wird.

Es gibt für die intellektuellen Eliten nichts Schöneres, als die Narrheiten und Irrtümer der tumben Amerikaner draußen auf dem platten weiten Land aufzuzählen und zu beklagen, dergestalt dass im akademischen Leben und auch anderswo das Gerede vom sinkenden Vertrauen in die Wissenschaft als ein sinkendes Vertrauen in den Verstand überhaupt begriffen wird – als Signal für die ansteigende Flut der Dummheit, gegen die wir aufgeklärte Geister unaufhörlich ankämpfen müssten.
Sind die Dinge aber wirklich so einfach?

Ein Teil des Skeptizismus ist die Skepsis gegen den Journalismus, nicht die Skepsis in die Wissenschaft, das hat sich der Journalismus selbst zuzuschreiben.

Und da gibt es auch das Problem der Schwarmgeisterei: Menschen, die sich einer großen Aufgabe verpflichtet fühlen (oft im Umweltschutz) verdrehen und überzeichnen wissenschaftliche Schlussfolgerungen bis zum Geht-nicht-Mehr. In diesen Zusammenhang gehört der unsägliche Rajendra Pachauri, Leiter des UNO-Klimarats, der bekanntlich Leute als „Voodoo-Wissenschaftler“ bezeichnete, die nicht seine falsche Meinung wegen des Schrumpfens der Himalaja-Gletscher teilten.

Unglücklicherweise ist da noch mehr am Werk.

Im vergangenen Mai 2011 wurde die Harvard University vom Skandal um den Professor Marc Hauser heimgesucht. Hauser war ein hochverdienter Forscher, ständig von den Studenten zu einem der beliebtesten Professoren gewählt, noch dazu Direktor des ‚Herz-Kopf-und-Verstand-Programms‘ der Universität und Vorreiter auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie. Er war aber auch ein Betrüger, der Daten bei Experimenten manipulierte und schließlich von seinen eigenen Doktoranden ertappt und angeschwärzt wurde. Als die Wahrheit ans Licht kam, erhielt er Lehrverbot und wurde unehrenhaft von Harvard entlassen.

Der Fall Hauser ist überhaupt kein Einzelfall. Sieben Monate später hat die New York Times von den Schwindeleien des bekannten holländischen Psychologen Diederik Stapel berichtet, der es schaffte, die führenden Fachjournale und die besten Wissenschaftsjournalisten an der Nase herumzuführen (auch die von der Times), in dem er Artikel auf Artikel mit gefälschten Ergebnissen schrieb:

Der Psychologe Diederik Stapel von der Tilburg University beging akademischen Betrug in “einigen Dutzend” veröffentlichten Papieren, viele davon waren von respektablen Journalen angenommen worden, Journalisten berichteten darüber.

So berichteten am Montag die drei holländischen Institutionen, wo er arbeitete: die Universitäten von Groningen, Amsterdam, Tilburg…

Über ein Dutzend der von ihm betreuten Dissertationen sind also fragwürdig, wie die Untersuchungkomission mitteilte. Sie hatte ehemalige Studenten, Ko-Autoren und Kollegen befragt. Dr. Stapel hat etwa 150 Papiere veröffentlicht, viele davon nur zu dem Zweck, Aufsehen bei den Medien zu erregen.

Die Times hat diesen Vorfall in einen weiteren, verstörenden Kontext gestellt.
Der Skandal betrifft ein ganzes Jahrzehnt von Forschungsarbeit, er ist das letzte Glied in einer Kette von unangenehmen Überraschungen auf einem Gebiet, von dem Kritiker und Statistiker sagen, es bedürfe dringend einer Veränderung bei der Art, wie Forschungsergebnisse behandelt würden. In den vergangenen Jahren haben Psychologen Unmengen von Forschungsergebnissen über Rassenvorurteile, Intelligenz und sogar übersinnliche Wahrnehmungen veröffentlicht, die keiner Überprüfung standhielten. Offener Betrug mag ja selten sein, sagen die Experten, aber sie geben zu, dass Dr. Stapel von einem System profitierte, das den Forschern gestattet, nahezu im Geheimen zu arbeiten und Daten so zu verdrehen, dass sie das hergeben, was gefunden werden soll. Und das alles ohne besonders fürchten zu müssen, das es herauskommt.

“Das große Problem ist, dass es gang und gäbe ist, dass die Forscher ihre Arbeit aufpeppen, um aus dem, was sie wirklich herausfanden, eine interessantere Geschichte zu machen,“ sagte Jonathan Schooler, Psychologe an der University of California, Santa Barbara. “Es ist fast schon so, dass jeder ’doped’. Um dranzubleiben, muss man ’dopen’.”

Korrupte, inkompetente Wissenschaftler? Laxe Forschungsstandards? Systematisch mangelhafte Fachbegutachung? Derartige Problem sind leider alles andere als selten. Vorfälle wie der mit Stapel, die Berichte von Forschungsergebnissen von der evidenz-basierten Medizienbewegung über die Unzuverlässigkeit eines Großteils der medizinischen Wissenschaft, dazu Studien wie die von Leslie John in Psychological Science (Sie enthüllte, das die überwiegende Mehrheit der Psychologen in fragwürdige Forschungspraktiken verwickelt ist, und dass je einer aus zehn die Daten fälscht) – ganz zu schweigen von den vielen alarmistischen Übertreibungen von vielen Klimaforschern – das alles zeigt, dass in vielen Fällen die Wissenschaftler ganz allein selbst dafür verantwortlich sind, wenn das Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Arbeit schwindet. Trägheit, Politisierung der Ergebnisse, glatte Fälschungen: Die in vielen unserer wichtigsten Disziplinen tätigen Wissenschaftler haben ihre eigenen Fächer diskreditiert. Jeder weitere Stapel oder Hauser stärkt die Stimmen der Wissenschaftsskeptiker – zu Recht.

Ach ja, da gibt es ja noch ein kleines weiteres Problem: die Wirtschaftswissenschaften. Von allen Sozialwissenschaften erfreuen sie sich des höchsten Ansehens in der akademischen Welt, wie auch draußen. Doch schon seit 2008 zeigt sich ein fühlbarer Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit, dass die ökonomische Disziplin nützliche Erkenntnisse hervorbringen könnte. Zu jeder gegebenen Zeit kann man qualifizierte, berühmte und verdiente Wirtschaftswissenschaftler finden für jede nur denkbare wirtschaftspolitische Empfehlung: Ist Skeptizismus angesichts der großspurigen Behauptungen der Ökonomen wirklich ein Zeichen von geistiger Unbedarftheit?

Ein schlimmer Sachstand, fürwahr. Die Fragestellungen in den sogenannten “weichen” Wissenschaften zielen in die Mitte unserer Selbstfindung als menschliche Wesen – in das Wesen unserer moralischen Urteile – auf die unbewussten, unseren bewussten Handlungen zugrunde liegenden Vorurteile, darauf, wie unsere Weltsicht unsere Umweltwahrnehmungen beeinflusst. Das sind die entscheidenden Fragen für die Wissenschaft.

Wenn aber wissenschaftliche Daten zu Knete werden in den Händen von skrupellosen Forschern, die nicht Erkenntnis sondern persönliches oder politisches Fortkommen suchen, dann wird das Fundament und der Grund unterspült. Und da befinden wir uns heute allzuoft.

Ernsthafte Selbsterkenntnis und Aufräumarbeit sind nötig, wenn die akademische Welt ihr Ansehen wiederherstellen will. Die Standards müssen verschärft werden, die Veröffentlichung der Forschungsdaten muss Pflicht werden, die Fachbegutachtung in den „weichen“ Wissenschaften muss anspruchsvoll sein.

Wir hoffen, dass der offenkundige Verlust des Vertrauens der Öffentlichkeit in die Wissenschaft wie ein herbeigesehntes Fanal für eine Reform wirkt. Eine Lösung ist nur möglich, wenn die Eliten selbst einsehen, dass es ihr eigenes Problem ist. Die Einsicht beginnt mit der Anerkennung der simplen aber tief beunruhigenden Wahrheit:
Marc Hauser war nicht der ganz seltene Einzelfall. Ihn aber hat’s erwischt.

(Original hier)

Zum Autor auszugsweise aus WIKEPEDIA:
Walter Russell Mead ist James Clarke Chace Professor of Foreign Affairs and Humanities am Bard College und externer redaktioneller Mitarbeiter am The American Interest Magazin. Er gilt in der amerikanischen politischen Optik als Demokrat.

Übersetzung: Helmut Jäger, EIKE

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4 Kommentar(e)

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1

@#1: erich richter,

Hallo Herr Richter,

schauen Sie mal in das Grundsatzprogramm der PdV auf Seite 6
http://tinyurl.com/6v8zv6q

Grüße

2
erich richter

Entschuldigung - es muss natürlich heißen "PdV"..

Erich Richter

3
Uwe Faulenbach

Der Autor hat die Ursache des Problems nicht erkannt. Jeder Mensch ist in einem gewissen Grade egoistisch. Wäre der Mensch völlig ohne Ego, so gäbe es ihn heute nicht, da der Egoismus ein Teil des Selbsterhaltungstriebes ist. Er wäre also durch die Evolution aussortiert worden. Es sind also nicht die angeblich bösen Eigenschaften und auch nicht die sogenannten "wissenschaftlichen Standards" - es sind die Rahmenbedingungen unter denen die heute sogenannte Wissenschaft betrieben wird. Die Mächtigen legen die Rahmenbedingungen fest und bestimmen so, welche Art von "Wissenschaft" sie für förderungswürdig halten und welche Art von „Wissenschaft“ sie nicht dulden wollen.

Hat sich durch die gesetzten Rahmenbedingungen erst einmal jener Menschentyp (den der Autor beklagt) durchgesetzt, so fördert dieser wiederum seines Gleichen - eine Kettenreaktion wurde somit in Gang gesetzt, der das ganze System erfaßt und auch erfassen mußte. Die bestehenden Rahmenbedingungen fördern solche Verhaltensweisen, wie sie der Autor beklagt! Diese Rahmenbedingungen unterdrücken auch zu großen Teilen echte Forschung.

Ja, es ist noch viel deprimierender: Wenn man unter der Fahne der „Chancengleichheit für alle“ selbst Menschen aus den "bildungsfernen Schichten" Hochschulabschlüsse ermöglicht, dann geht das nicht ohne drastische Abstriche an der Qualität dieser Abschlüsse. Anders lassen sich Personen, welche sonst als Müllfahrer oder Toilettenfrau tätig wären, nicht zu Doctores und Professores der modernen Wissenschaften "qualifizieren".

Die Einflüsse der Interessengruppen aus Industrie und Finanzkapital tun ein übriges dazu. Wie diese Rahmenbedingungen funktionieren, hat Dieter Broers in den folgenden Videos plastisch beschrieben:
Das therapeutische Potential von... - http://tinyurl.com/8yyeg8e
(Hier insbesondere die Abschnitte; 21:50min - 30:00min // 51:10min - 53:00min)
Unterdrückte Wissenschaft - http://tinyurl.com/75rx3lv

Zu DDR-Zeiten nannte man Menschen aus sogenannten bildungsfernen Schichten auch Lumpenproletariat - eben wegen den dort häufig auftretenden Menschentypen mit permanenter Lernresistenz und Charakterlosigkeit. Über den Weg der sogenannten Geisteswissenschaften beherrschen diese L-Proletarier heute nicht nur weite Bereiche des Staatsapparats, sondern auch die Bildungsinstitutionen und die gesellschaftlichen Führung in allen Ebenen. Wie wollte man mittels der vorgeschlagenen Nano-Korrekturen - also ohne einen ernsthaften harten Schnitt in der gesamten Politik diesen Zustand beenden?

4
erich richter

Solche Anmerkungen und Erkenntnisse kommen interessanter Weise nur aus dem Ausland, zumeist von US Wissenschaftlern oder Politikern.
Hier ist die Verblendung dem Anschein nach immer
noch so gewaltig, dass sich keiner wohl getraut
in dieser Richtung den Mund aufzumachen.
Dem Anschein nach fehlt hier zu Lande wirklich ein Partei welche die Rebellion sich dieser Normen zu widersetzen primär verfolgt.
Warum soll es eigentlich nur eine Piratenpartei geben, die ohne Programm zu 8-9% Stimmenanteil kommt. Wie weit höher wäre der Stimmenanteil, wenn es gelänge die (Klima)Rebellion in ein entsprechendes Programm zu stellen ?
Die PdF sollte ggf. einmal hierüber konkret nachdenken und ihr Programm entsprechend "aufmöbeln" ! Übrigens habe ich heute offiziell
eine spezielle Nachrichtenagentur "Medien-Service-West" ins Leben gerufen.

Erich Richter