“Forever, and Ever, and Ever”

Achtung Wissenschaftler und Journalisten: Ich möchte mein Wort zurück. Sie dürfen es nicht länger benutzen, es sei denn, Sie wollen zugeben, dass Sie im Geschäftsbereich Täuschung der Öffentlichkeit tätig sind. Das Wort? „JEMALS“!

Bild rechts: Händels Messias: Das gilt nicht mehr nur für Weihnachten*

Ich weiß, dass ich jedes Mal die Augen verdrehe, wenn ich dieses Wort zu Hause höre. „nie dürfen Sie jemals“ und „sie sollen immer“ – dies sind Begriffe, von denen ich meine beliebte Frau überzeugen konnte, dass sie selten etwas mit Wahrheit zu tun haben. Was sie allerdings auslösen, sind starke Gefühle.

Und man würde starke Gefühle brauchen, um das Wort „jemals“ zu verwenden, um 150 Jahre der Erdgeschichte zu beschreiben: „das wärmste jemals“, „das drittwärmste jemals“, „das heißeste jemals“, „das fünftwärmste jemals“, „das zweitwärmste jemals“. Als Ganzes werden diese Begriffe, welche in Artikeln gefunden werden, die angeblich die Leute informieren sollen, beschwörerisch, und tatsächlich hören wir das Echo, wie es buchstäblich in christlichen Kirchen weltweit gesungen wird: „Forever and ever and ever …. Hallelujah, hallelujah,” und so weiter, wie es in Händels Messias aufgeführt wird. Mancher hat gesagt, dass die globale Erwärmung ihre eigene Religion ist, und es sieht so aus, als hätten diese Leute recht.

Was haben nun aber der Höhepunkt des Messias’ und Klimawissenschaft miteinander zu tun, wenn überhaupt? Wie sich zeigt, zumindest Einiges. Der Messias wurde geschrieben, um ein Gefühl für das Unendliche, für Ewigkeit und Vollständigkeit, für das Einssein mit Gott zu erwecken. Die Geschichte der jüngsten gegenwärtigen Erwärmung, die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, wurde auf eine Art und Weise durchgeführt, die genau das Gegenteil erzeugen sollte: Ein Gefühl für das Endliche, die Unbeständigkeit der Biosphäre, für Unvollständigkeit und für die Entfremdung von Natur, Gott und dem Heiligen Geist. Über diese Geschichte schreibe ich noch viel mehr  in meinem Buch.

Man kann vereinfacht sagen, dass das Gebilde der globalen Erwärmung errichtet wurde, um einen Zustand der Verzweiflung zu induzieren.

Man kann auch sagen, dass die Geschichte in dieser Hinsicht außerordentlich erfolgreich war. Welcher geistig gesunde Mensch zum Beispiel kann, wenn er „das jemals Wärmste“ wieder und immer wieder von den Kanzeln der Wissenschaft und der Medien hört, daraus nicht schließen, dass vor allem seine eigene Zeit auf der Erde unglücklich, düster und verloren ist?

Was hat es überhaupt mit diesem Wort „jemals“ auf sich? Ist es wirklich ein geeignetes Wort, um die letzten paar Jahrzehnte der Klimageschichte der Erde zu beschreiben? Nun, wenn man Verrücktheiten mag, ist es ein großes Wort! Ursprünglich waren klimawissenschaftliche Artikel in den Zeitungen und Zeitschriften vorsichtig mit Äußerungen wie „drittwärmstes Jahr“, war es doch lediglich das Drittwärmste in den modernen Aufzeichnungen. Und in einigen Artikeln findet sich diese Abgrenzung immer noch. Was jedoch zum weit verbreiteten Gebrauch des Wortes „jemals“ führte, scheinen müde, nach Dramatik suchende Schlagzeilenschreiber gewesen zu sein (ich war dort), die spätnachts zusammengeschustert worden sind und in denen eine kleine Anzahl von Wörtern eine Masse an Informationen liefern sollte. „2010 war der eineinhalb Jahrhunderte langen Aufzeichnung einer Klimaagentur zufolge das wärmste Jahr“ – das ergibt keine Top-Schlagzeile, nicht einmal annähernd. „2010 war das jemals wärmste Jahr“ dagegen schon – jetzt kocht man es richtig auf. Das ist eine Schlagzeile. Und Schlagzeilen verkaufen sich gut; sie geben den Leuten das Gefühl, engagiert zu sein.

Die Kürze der Aufzeichnungen ist ein wichtiger Punkt, weil die klimatologische Vergangenheit des Planeten ein wenig weiter zurück reicht! Diese Vergangenheit erschließt sich aber nur mit indirekten Methoden, durch Proxies – oftmals durch Baumringe, Eisbohrkerne und Sedimenten in Gewässern. Aber wen die NASA und danach The New York Times sagen, dass das Jahr 2010 den instrumentellen Aufzeichnungen zufolge das wärmste Jahr war, ignorieren sie das wichtige Proxy, das die Temperaturen während der Eiszeit zeigte, die vor drei Millionen Jahren begonnen hat (was nicht allzu lange ist), in der die Werte routinemäßig höher lagen als die, die über die Fernsehbildschirme, die Tafeln am Times Square und Frontseiten von Zeitungen strömen.

Einer der am meisten zitierten Klimawissenschaftler ist Michael Mann von Penn State. In einem Interview mit NPR (National Public Radio) sprach er das an, was Klimatologen die „moderne Erwärmung“ nennen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie Teil eines natürlichen Zyklus’ sei. Das ist sehr unwahrscheinlich, sagte Dr. Mann: „Es gibt keine Möglichkeit, diese von uns beobachteten Änderungen mit irgendeinem dieser natürlichen Faktoren zu erklären… Das heißt in diesem Zusammenhang, wenn wir über die jüngste Klimaänderung reden, reden wir über die Menschen“.

Aber wie kann Dr. Mann das wissen? Er spielt auf den Gedanken an, dass die gegenwärtigen Temperaturen die „jemals wärmsten“ sind, aber die heutigen Temperaturen liegen unter dem Niveau vor 7000 Jahren während des Klimaoptimums des Holozäns; sie liegen unter den Werten der Eemian-Zwischeneiszeit vor 115000 Jahren und auch unter den Werten der drei Zwischeneiszeiten zuvor. (Zwischeneiszeiten sind Unterbrechungen der weit verbreiteten Vergletscherung und ein Charakteristikum der gegenwärtigen drei Millionen Jahre alten Eiszeit). Kein Klimatologe, der etwas auf sich hält, bestreitet das, auch nicht Dr. Mann. Der Eisbohrkern aus Wostok zeigt, dass nicht bestritten werden kann, dass die gegenwärtige Temperatur deutlich unter dem Niveau dieser jüngeren Perioden der Erdgeschichte liegt.

Als in der Eemian-Zwischeneiszeit, die vor 130 000 Jahren begonnen hat und vor 115 000 Jahren zu Ende gegangen ist,  die Temperaturen ein oder zwei Grad höher lagen als heute, spiegelte der Meeresspiegel diese warmen Bedingungen und die dadurch ausgelöste Gletscherschmelze. Er lag 15 Fuß (ca. 4,5 m) höher als heute. Mittlerweile haben die Klimatologen die Leute davon überzeugt, dass der gegenwärtige Meeresspiegel als „normal“ anzusehen sei, oder noch absurder „permanent“. Der Meeresspiegel war niemals stabil, das kann er auch gar nicht.

Wenn man einmal weiß, dass sich die gegenwärtige Temperatur sehr gut innerhalb der Bandbreite der normalen Variabilität des Klimasystems der Erde bewegt, wird der Gebrauch des Wortes „jemals“ als ein Stück Anti-Wissenschaft entlarvt, als ein vorsätzlicher Anschlag, egal ob es von einem mitgenommenen Schlagzeilenschreiber oder Wissenschaftsjournalisten verwendet wird.

Das Holozän wird auf dieser Graphik von Petit et al. aus dem Wostok-Eisbohrkern heraus gearbeitet. Das Eemian-Interglazial zeigt sich rechts.

Heute ist die Zeit, in der wir leben, nicht die heißeste, wärmste oder schlimmste Zeit auf diesem wundervollen Planeten. Es ist wohl die beste Zeit! Der Wostok-Eisbohrkern zeigt, dass unsere eigene Zwischeneiszeit, das Holozän, das gemäßigste, das stabilste Klima aufweist – tatsächlich ist es wie ein gemütliches klimatisches Nest.

Vergeben Sie den Schlagzeilenschreibern und den „wissenschaftlichen“ Autoren, wenn Sie wollen. Ich tue das. Es sind Menschen, und Verrücktheit geht mit Mensch sein einher – manchmal. Aber hören Sie besonders aufmerksam den Wissenschaftlern zu, die selbst dieses Wort „jemals“ verwenden. Da auch sie Menschen sind, haben sie schnell erkannt, welche Macht das Wort „jemals“ über die Öffentlichkeit ausüben kann. Es hat begonnen, sich in hoch wissenschaftlichen Artikeln wiederzufinden, in denen einst sorgfältig eigene Analysen beschrieben wurden, so unvollkommen sie auch waren. Wenn ein Klimawissenschaftler das Wort „jemals“ verwendet, noch dazu routinemäßig und immer öfter, muss man verstehen, dass dies zumindest mit Ästhetik zu tun hat, wie der Messias, jenes beeindruckende Werk von Händel – und möglicherweise mit etwas, dass man nicht so leicht vergeben kann: mit dem Vorsatz, in die Irre zu führen.

Also, Journalisten, Wissenschaftler: Warum gebt ihr nicht der übrigen Welt unser Wort zurück. Wir wissen, wie man es benutzt.

Harold Ambler ist Besitzer von www.talkingabouttheweather.com und Autor von Don’t Sell Your Coat

Harold Ambler hat seit über 20 Jahren über die Themen Wetter und Klima geschrieben. Er begann seine journalistische Laufbahn bei The New Yorker, und seine Arbeiten erschienen in The Wall Street Journal, The Huffington Post, The Atlantic Wire und auf www.wattsupwiththat.com. Er lebt in Rhode Island.

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* Der Halleluja-Chor im Messias gehört eigentlich zur Auferstehung Christi, also zum Osterfest. Warum dieser weltberühmte Chor eher mit Weihnachten in Verbindung gebracht und gespielt wird, ist unklar. Händel wäre deswegen wahrscheinlich heute sehr überrascht. A. d. Übers.

Übersetzt von Chris Frey EIKE

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4 Kommentare

  1. Da es nicht zum Thema gehört, nur kurz:

    #1 Herr Boos, vielen Dank für die Nebenbemerkung! Sie haben natürlich recht! Offenbar sind Sie noch vertrauter damit als ich.

    #2 Herr Schoeps,

    auch für Ihren Hinweis vielen Dank! Tatsächlich habe ich lange überlegt, wie man dieses Schlüsselwort des ganzen Artikels übersetzt, so dass es auch in alle Satzzusammenhänge passt. Dann fiel mir ein, dass jeder Wohlwollende schon wissen wird, was gemeint ist.

    Chris Frey, Übersetzer

  2. „…meine beliebte Frau…“

    Ich musste nicht nur an dieser Stelle über die etwas holprige Übersetzung schmunzeln 😉

  3. In Deutschland wird eher die Redewendung „aller Zeiten“ verwendet. Was noch schlimmer ist als das englische „ever“ (jemals). Denn alle Zeiten sind noch gar nicht vorüber.

  4. Kleine Nebenbemerkung für Herrn Frey.
    Der Messias von Händel behandelt im ersten Teil durchaus auch die Geburt Christi und gipfelt in dem herrlichen Chorsatz „For unto us a child is born“(den ich fast über das „Halleluja“ stelle).
    Aber die Unbildung heutigen Zeitgeistes ist da enzyklöpädisch – heute ist ja Weihnachten die Zeit wo ein verblödeter „Weihnachtsmann“ mit Rentieren durch den Nordpolhimmel braust und die Passion die Zeit, in der hoppelnde Schokohasen von geistvergessenen Eltern vor ihren ahnungslosen Kindern (soweit die noch vorhanden sind) versteckt werden.
    Darüber wären Händel und wohl alle jene unvergleichlichen Schöpfer abendländischer Passionen und Oratorien mehr als nur verwundert.
    Da bleibt wohl nur mehr der herzbetörende
    Schlußsatz der Mathäuspassion – „Wir setzen uns mit Tränern nieder“

    Nichts für ungut, wenn ich drüber nachdenke werde ich nur schwermütig……

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