Wirklich ergebnisoffene Suche nach einem Endlager-Standort? Märchen Nr. 15

Nach dem Willen der Regierung wird jetzt die lange vorbereitete Wahl des Atommüll-Endlagers Gorleben zur Seite geschoben und eine neue landesweite Suche angekündigt. Die Ministerpräsidenten der Länder wurden damit schauspielerisch hart gefordert, denn sie mußten große Freude darstellen, während sie sich die Reaktion ihrer Bürger vorstellten, falls das absolut endgültige Suchergebnis in ihr Land fallen würde. Dabei kam eine besondere Begabung der Spitzenpolitiker in der Disziplin des gehobenen politischen Ausdruckstanzes zum Einsatz: Der Eiertanz.
Erst waren es 13 Energiewende-Märchen (hier, dann kam mit dem Märchen vom Ökostrom Nr. 14 (hier) hinzu. Und nun das ebenfalls zu dieser leider nicht fiktiven Energiewende-Saga gehörende Endlager-Märchen.

0 Flares 0 Flares ×

An der bayerischen Landesregierung konnte man das besonders schön sehen: Der urplötzlich ergrünte Ministerpräsident Seehofer spielte eine schwierige Doppelrolle, indem er die Pläne der Kanzlerin, jetzt überall nach geeigneten Atommüll-Endlagerstätten zu suchen, wärmstens befürwortete, aber zugleich durchblicken ließ, daß doch wohl Bayern nicht gemeint sein könne. Auch andere Ministerpräsidenten bezeugten zähneknirschend ihre Freude über das Kuckucksei.

Weshalb ist dies alles ein Märchen ?

Die Antwort lieferte am 17.6.2011 Dr. Klaus Tägder in einem "Aufgabe erfüllt" getitelten Leserbrief an den Bonner Generalanzeiger.

Zitat: "Diverse Politiker haben die Debatte um einen Endlagerstandort wieder angestoßen. Alle geologischen Aspekte müssten auf den Prüfstand, Deutschland müsse erst mal ausgeleuchtet werden. Ihnen sei gesagt – und eigentlich sollten sie es wissen: Diese Aufgabe hat das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe bereits vor Jahren erfüllt. In seinem im August 2006 vorgelegten Bericht fasst das Amt die Forschungsergebnisse über Regionen mit den in Deutschland potenziell geeigneten Gesteinsformationen Steinsalz, Kristallin und Tongestein zusammen. Als Grundlage der Bearbeitung dienten alle verfügbaren Daten aus Karten, Archivmaterial und Bohrungen, heißt es in dem Bericht. Fernerhin: "Für die Auswahl von potenziellen Wirtsgesteinen für die Endlagerung ….in tiefen geologischen Formationen in Deutschland wurden international anerkannte geowissenschaftliche Auswahlkriterien und Mindestanforderungen sowie zusätzliche aus geowissenschaftlicher Sicht als maßgeblich zu betrachtende Kriterien herangezogen."

Die Eigenschaften potenzieller Wirtsgesteine wurden vergleichend bewertet. In einer Karte sind die untersuchungswürdigen Regionen mit Steinsalz- und Tonformationen zusammengestellt. Kristallgestein (zum Beispiel Granit) wurde wegen eindeutiger Nachteile gegenüber Steinsalz- und Tonformationen in der Karte nicht mit aufgenommen."

Für diesen Artikel hat Klaus Tägder nun weitere, ausführlichere Informationen über die bald unendliche deutsche Endlagergeschichte beigesteuert:

Zitat: "Die bereits in den frühen 60er Jahren getroffene Empfehlung für Salz als Wirtsgestein für die Endlagerung basiert vorrangig auf der Undurchlässigkeit und der Kriecheigenschaft (Konvergenz) des Steinsalzes und somit auf dem vollständigen Einschluß der Abfälle, ferner auf der guten Wärme(ab)leitfähigkeit – eine für hochradioaktive und daher wärmeentwickelnde Abfälle wesentliche Eigenschaft.

Überdies sind die Kenntnisse über Steinsalzvorkommen in Deutschland im Vergleich zum Kenntnisstand über Tongesteins- und Kristallinvorkommen (z.B. Granit) nach Aussage des Bundesamtes BGR wesentlich größer.

Erinnert sei auch an die Erklärung der Bundesregierung zur Salzstockerkundung in Gorleben, die sie im Rahmen der Vereinbarung mit den Energieversorgungsunternehmen vom 14.06.2000 abgab. Darin heißt es (Zitat): "Die bisherigen Erkenntnisse über ein dichtes Gebirge und damit die Barrierefunktion des Salzes wurden positiv bestätigt. Somit stehen die bisher gewonnenen geologischen Befunde einer Eignungshöffigkeit (Nutzung des Salzstocks für den vorgesehenen Zweck) des Salzstocks Gorleben ….nicht entgegen." Gleichwohl erließ die Regierung ein mindestens dreijähriges, höchstens zehnjähriges Moratorium (d.h. Untätigkeit) in der Salzstockerkundung zur zwischenzeitlichen Klärung sicherheitstechnischer Fragen. Diese Klärung lieferte im Ergebnis keine neuen Erkenntnisse. Dieses Moratorium war somit ein politischer Schachzug, um das Argument der fehlenden Endlagerung so lange wie möglich aufrecht erhalten zu können.

Wieso war die Wahl auf Gorleben gefallen ?

Die Standortsuche, die bereits 1964 einsetzte, war ein 12-jähriger mehrstufiger Prozess, an dessen Ende von ursprünglich 166 in Augenschein genommenen Standorten nach zuvor festgelegten, breit gefächerten Auswahl- und Ausschlusskriterien nur zwei gleichwertige Standorte, beide in Niedersachsen, übrig blieben. Einer davon war der Standort Gorleben, für den sich die Niedersächsische Landesregierung 1976 entschied. Die Entscheidung fiel im

Konsens zwischen Bund, Land, Standortregion und –gemeinde ! Über Einzelheiten des Entscheidungsprozesses gibt die vom Niedersächsischen Umweltministerium 2010 vorgelegte Expertise zur Standortauswahl ausführlich Auskunft.

Sind sich die Politiker, die Deutschland auf weitere Standorte hin "durchleuchten" lassen wollen, eigentlich darüber im Klaren, daß sie eine Kette von Untersuchungen fordern, von denen jede einzelne auf die Erarbeitung des umfassenden Kenntnisstandes hinausläuft, den man gegenwärtig über den Salzstock Gorleben hat? Nur so ließe sich ein wirklicher Vergleich durchführen. Ein derartiger Vergleich bedeutet nichts anderes als die vielfache Anwendung der gleichen Untersuchungstiefe, die nach Absolvierung der Standort-Vorauswahl schließlich bei Gorleben angewendet wurde. Und das würde sehr teuer werden:

Die Kosten allein der Salzstockerkundung in Gorleben belaufen sich bisher auf ca. 1,6 Milliarden Euro, die nach dem Verursacherprinzip fast vollständig von den Abfallverursachern bereits aufgebracht werden mußten. Angesichts der von der Bundesregierung bestätigten positiven Untersuchungsergebnisse zum Salzstock Gorleben hätten sie nun wohl gute Aussichten, sich gerichtlich gegen die erneute Kostenübernahme von alternativen Standort-Intensivuntersuchungen zu wehren, die in jedem Einzelfall abermals um eine Milliarde kosten können.

Eine intensive Suche nach anderen Standorten könnte unter Umständen dazu führen, daß man einen findet, der gewisse Vorteile gegenüber Gorleben hat, aber ebenso auch wieder Nachteile. Auf jeden Fall würde viel Zeit vergehen und sehr viel Geld verbraucht werden.

Wie müßte die Regierung vorgehen, um möglichst rasch und mit dem geringsten Geldaufwand zu einer Entscheidung über ein Endlager zu kommen?

Sehr einfach: Die Prüfung von Gorleben zu Ende bringen. Eine endgültige Entscheidung über die Eignung dieses Standortes ist in Kürze möglich und würde ca. eine weitere Milliarde Euro kosten. Bei einem "ja" wäre die Hängepartie zu Ende.

Nur bei einem "nein" müßte man eine Suche nach alternativen Standorten beginnen."

(Zitat Ende). 

Aber bei diesem Vorgehen hätte man ja in absehbarer Zeit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, die sich aus den  bisherigen gründlichen Vorarbeiten ergibt, das geeignete Endlager gefunden: Gorleben. Es wäre der Abschied von dem Dauerargument der ungelösten Endlager-Frage und es sieht nicht danach aus, daß jemand ehrlich eine Antwort wünscht.

Dr. Günter Keil, Dr. Klaus Tägder

Die gesamten Märchen (Dreizehn & zwei) finden Sie als pdf Datei im Anhang. Die Anhänge in den Vorläuferartikeln (s. o.)wurden entsprechend erneuert.

Related Files

image_pdfimage_print
0 Flares Twitter 0 Facebook 0 0 Flares ×

7 Kommentare

  1. Zu 6:

    Sehr geehrter Herr Dr. Rothdach!

    Ich habe aus der atw 12/08 entnommen:
    Forschungsförderung für KKW (LWR, mit Stromerzeugung): 7,8 Mrd. € für 4080 Mrd. kWh (bis Ende 2007) ergibt 0,19ct/kWh, mit Inflationsausgleich zu heutigem Geldwert ergibt das 14 Mrd. EURO ergibt 0,35ct/kWh (vgl. 1/04) (diese Zahl wurde bestätigt von Gabriel in atw 4/09 S.256). Die Forschungsförderung geschah in den Zentren z.B. von Karlsruhe, aber diese haben das Wort „Kern“ in ihrem Namen schon seit etlichen Jahren gestrichen (dsgl. die GSF in Neuherberg). Die ersten Schritte zur Kernkraft geschahen in Forschungszentren, natürlich gefördert. Aber der erzeugte Strom der Kernkraft wurde nie gefördert, und gerade das ist der wichtige Unterschied zu Wind und Sonne.

    In Biblis sagte man mir: 2,2 ct/kWh erzeugter KKW-Strom.

    In den USA sind die Erzeugungskosten geringer, es sind 1,1 ct/kWh (das sind EURO-cent!), vermutlich weil in den USA nicht so viel unsinniges Drumherum gemacht wird, wie z.B. jetzt in Deutschland schwach aktive Abfälle aus 500 Meter Tiefe wieder auszugraben, wo doch die ganze Erde schwach aktiv ist.

    Die Finnen haben vor dem Bau in Olkiluoto alles durchgerechnet und gefunden, dass KKW-Strom der billigste ist (und vor allen Dingen wird er auch geliefert, wenn er gebraucht wird).

    Und noch etwas ist wichtig: Es sind die Reichweiten für Erdöl einige Jahrzehnte, Erdgas etwa das doppelte vom Erdöl, Kohle einige Jahrhunderte, Kernspaltungsenergien Uran und Thorium einige Hunderttausend bis Million Jahre. Die Unterschiede zwischen Fossil und Kernspaltung sind derart gigantisch, das es auf ein paar Jährchen beim fossilen nicht ankommt. Wer etwas für die Zukunft machen will – zum Beispiel weil er sein eigenes Land nicht abschaffen will – wählt also Kernspaltungsenergie.
    Lutz Niemann

  2. Liebe EIKE-Leute, trotz häufiger Besuche auf Ihrer sehr interessanten, informativen und trotz so mancher Ironie niemals polemischen Website (mein Kompliment!) habe ich noch eine offene Frage zur Energie-Subventionierung:
    Bei der Diskussion mit AGW-Gläubigen hört man, wenn man geltend macht, daß die regenerativen Energiequellen in Mitteleuropa unwirtschaftlich und damit ohne hohe Subventionierung auch längerfristig nicht überlebensfähig seien, regelmäßig das Argument, daß die Atomenergie angeblich ebenfalls subventioniert würde. Nun haben wir aus dem „Energiewendemärchen Nr. 15“ erfahren, daß die Endlagersuche in Gorleben „zum allergrößten Teil“ von der AKW-Industrie finanziert wurde und nicht aus Steuergeldern. Schon früher mal habe ich gehört, daß in der Anfangszeit der Kernenergie einschlägige Forschung aus Steuergeldern finanziert worden sei. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß die AKW-Betreiber auch jetzt oder in der jüngeren Vergangenheit noch Subventionen bekommen haben.
    Kann jemand über diese Fragen etwas Qualifiziertes sagen?
    Ansonsten: Bitte weiter so, liebe EIKE-Leute! Dem PIK ist ja inzwischen völlig die Munition ausgegangen. In letzter Verzweiflung suchen Schellnhuber, Rahmsdorf und Edenhofer nun nach angeblichen Lobbyverbindungen von EIKE. Die sollten sich mal lieber ihre eigenen ansehen.

  3. Zu #1, Herr Eller,

    alle Kosten für die Endlagerung müssen von der gesamten Volkswirtschaft getragen werden. Dazu ist vollkommen egal, ob sich die EVU’s die Kosten über den Strompreis wieder vom Stromverbraucher (also von allen) zurück holen, oder ob sich die Regierung über Steuern die Kosten von allen wieder zurück holt.
    Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, um an Geld zu gelangen, das ist die Gelddruckmaschine, eine heute in vielen Gegenden der Erde immer beliebter werdende Methode. Dann muß auch irgendwann Zahltag sein, es zahlt der Sparer.

    Zu #2, Herr Frey,

    man ist sich heute noch nicht einmal einig, was der „Müll“ sein soll. Für mich sind nur die Spaltprodukte Endlagermüll, und diese sind nach 300 Jahren auf die Toxizität des überall auf der Erde vorhandenen Natururans abgeklungen – Toxizität dabei gemessen in Dosis pro kg verspeisten Materials. Die abgebrannten Brennelemente sind noch kein Abfall (obwohl sie häufig so bezeichnet werden), weil nur rund 5% der darin enthaltenen Energie gewonnen wurde, nur ca. 5% sind Abfall. In der Wiederaufarbeitung (verboten in Deutschland seit Rot/Grün um 2000) werden die Spaltprodukte von den Transuranen und dem noch vorhandenen U-238 getrennt, dieses kann weiter genutzt werden in Reaktoren der Generation 4. In Deutschland gab es schon Beispiele dieser Reaktoren der Generation 4, den Brüter und den THTR (Es gibt viele weitere Ideen, die geprüft werden). Aber Deutschland hat sich der Gruppe Staaten, die hier Entwicklungsarbeit leisten will, erst gar nicht angeschlossen. In 2009 wurde vom Fa. Simpelkamp der Kompetenzpreis an Frau Astrid Meier vergeben, für ihre sehr schöne Arbeit zur vollständigen Verbrennung der Transurane mit den THTR – in höchstem Maße interessant, die dabei stattfindenden Vorgänge zu durchdenken.

    Wenn die fossilen Brennstoffe einmal aufgebraucht sind, gibt es immer noch für viele hunderttausende von Jahren Möglichkeiten zur Energieversorgung mittels Kernspaltungsenergie von U und Th. In Deutschland wird man dann aber lieber im Winter mit Solarstrom heizen, das stand in meiner Zeitung. Und weil es dort geschrieben stand, werden es sicherlich viele Menschen G L A U B E N.

    Lutz Niemann

  4. Auf EIKE, aber auch auf verschiedenen anderen Sites war zu lesen, dass das sog. „Endlagerproblem“ in absehbarer Zeit keines mehr ist, weil inzwischen Verfahren entwickelt werden (wurden?), das in diesem „Restmüll“ noch vorhandene Energiepotential nutzen zu können.

    Ist da nun was dran oder nicht? Wenn ja, was soll das Herumeiern?

    Chris Frey

  5. Ist es denn tatsächlich so, dass die Kosten bereits von den Verursachern, also den EVU’s , bereits bezahlt wurden ? Könnte man darüber genauere Auskünfte bekommen ?
    Denn in vielen Leserbiefen in anderen Foren wird behauptet, dass die Kosten für die Endlagerung auf die Allgemeinheit abgewälzt würden.
    Mit freundlichen Grüßen

Antworten